Für viele Menschen ist es schwer, in ihrer Arbeit eine „Balance“ zu finden. Und es ist dabei nicht nur die schiere Masse an Arbeit, die das verhindert. Ingo Hamm weiß: „Es ist auch die gefühlte Sinnlosigkeit vieler Jobs.“ Theo Weber, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der ETH Zürich sagt: „Es fehlt der intrinsische Aufforderungscharakter, die Sinnkomponente. Wenn die Berufstätigen nicht mehr das Gefühl haben, ganzheitlich tätig zu sein, Probleme zu lösen, etwas bewirken zu können, dann brauchen sie immer stärkere äußere Anreize.“ Wie höherer Lohn, schicker Dienstwagen, allerlei monetäre und nicht-monetäre Benefits. Oder eben den noble Purpose, der von den Zweckoptimisten als größte Kanone der Motivation betrachtet wird. Dr. Ingo Hamm ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Darmstadt.
Hans Klumbies
Opfergefühle sollte man vermeiden
In einer bedrohlichen Umwelt ist es eine durchaus kluge Überlegung, ein Opfergefühl zu vermeiden oder zumindest sorgfältig zu verbergen. Raubtiere wählen die Angeschlagenen. „Du Opfer!“ gebraucht man deshalb in einigen Gruppierungen als Schimpfwort. Und so manche Führungskräfte müssen Niederlagen oder Schwächen wohl tatsächlich sorgfältig verbergen, wenn sie ihre Position behalten wollen. Helga Kernstock-Redl weiß: „Einige von uns haben die Opferposition regelrecht zu fürchten gelernt und verleugnen sie, auch vor sich selbst, oft zum Preis von künstlichem Dauerärger oder einer quälenden Schuldsuche.“ Die Entstehungsgeschichte dahinter aufklären, kann helfen, Altlasten abzulegen und neue Wege zu beschreiten. Psychologisch gefährlich werden kann die chronische Belastung bei Menschen, die jahrelang keinen Weg aus diesem Gefühl herausfinden. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Hass setzt zerstörerische Energien frei
Hass wird als Aggressionsaffekt, als zerstörerische Energie, als böse Emotion oder rabenschwarze Leidenschaft bezeichnet. Aber ist er auch eine Krankheit, eine psychische Störung, ein seelisches Leiden? Reinhard Haller weiß: „Die Psychologie gibt darauf eher spärliche Antworten, hat aber einige Konzepte zur Entstehung und Entwicklung des Hasses erarbeitet und liefert verschiedene Modelle zum Verständnis des „normalen“ Hasses.“ Zunächst sehen die psychologischen Wissenschaftler im Hass eine aggressive Emotion. Schon das „Universal-Lexicon“ von 1732 zählt Hass zu den „unangenehmen Emotionen, die die Gefühlsruhe stören und zerstörerische Energien freisetzen“. Später hat sich die Forschung vor allem auf den triebhaften Aspekt des Hasses konzentriert. Sigmund Freud (1856 – 1939), der mit der Psychoanalyse die maßgebende Theorie über Entstehung und Auswirkungen unbewusster psychischer Prozesse entwickelte, sieht im Hass einen nach außen gerichteten Teil des dem Leben entgegengesetzten Todestriebes. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.
Jeder Mensch hat sein eigenes Weltbild
Um mit anderen Menschen eine Beziehung aufbauen und effektiv mit ihnen kommunizieren zu können, muss man deren Weltbild, deren Sicht auf die Dinge und auf das Leben, anerkennen. Das heißt nicht, dass man es teilen muss. Thomas W. Albrecht ergänzt: „Egal, wie stark es von deinem eigenen Weltbild abweicht und wie verschroben es für dich klingen mag: Es sind zunächst unterschiedliche Weltbilder, die aus unterschiedlichen Erfahrungen gespeist werden. Jeder hat aus seiner Sicht recht.“ Das daraus resultierende Verhalten wird jedoch unterschiedlich sein. Jeder Mensch hat sein spezifisches Weltbild. Damit verbunden sind individuelle Sehnsüchte, Hoffnungen, Bedürfnisse, Erwartungen, Werte, Überzeugungen, Erfahrungen und deren Interpretation, Gefühle und sinnesspezifische Wahrnehmungen. Keiner dieser Faktoren ist von außen zu beobachten. Thomas W. Albrecht ist Experte für Kommunikation und Rhetorik.
Die Liebe gebiert die Welt
Alain Badiou schreibt: „Der Hauptfeind der Liebe, derjenige, den ich besiegen muss, ist nicht der andere, sondern das bin ich.“ Dabei handelt es sich um das „Ich“, das die Identität gegen den Unterschied will. Es will seine Welt gegen die Welt durchsetzen, die im Prisma des Unterschieds neu gefiltert und zusammengesetzt wird. Charles Pépin erklärt: „Wenn die Begegnung mit dir meinen Blick auf die Welt nicht verändert hat, ich derart an meinem Ich hänge, dass ich die Welt genauso sehe wie vorher, dann bin ich dir nicht wirklich begegnet.“ Eine Person hat mit einer anderen zusammengewohnt, vielleicht jahrelang, aber ohne die Erfahrung der Andersheit des Partners zu machen. Charles Pépin ist Schriftsteller und unterrichtet Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
Kleinstkinder suchen Ungutes immer bei sich
Das Gehirn eines Kleinstkindes muss sogar die Ursache für Ungutes immer bei sich suchen. Manche Erwachsene fühlen sich quälend schuldig, sobald bestimmte, vielleicht traumatische Kindheitserinnerungen auftauchen. Oder sie folgen auch heute noch den mittlerweile veralteten Geboten aus jungen Jahren. Helga Kernstock-Redl weiß: „Kinder oder hochempathische Personen sind es auch, die sich für das Wohl und Verhalten anderer vorschnell verantwortlich fühlen, obwohl – objektiv betrachtet – wirklich keinerlei Einflussmöglichkeit oder Verpflichtung da ist.“ In diesen Bereich fällt außerdem jede Form der Kollektivschuld oder Sippenhaftung: das Gefühl von Mitschuld, allein durch Zugehhörigkeit zur gleichen Berufsgruppe, Firma, Familie, Altersgruppe, zum gleichen Geschlecht oder Kulturkreis. Als Mitglied eines Systems kann selbstverständlich reale Mitverantwortung bestehen, doch eben nur dann, wenn man etwas beeinflussen oder mitbestimmen kann oder ein anerkanntes Gesetz dazu verpflichtet. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
In einer dynamischen Welt ist wenig planbar
Entspannter leben, glücklicher sein, Ziele erreichen – ein Traum? Viele Menschen machen To-do-Listen, strukturieren Aufgaben, denken aber nicht über ihre Auszeiten nach. Und vergessen, dass sie meist mehr Zeit für andere Dinge im Leben haben möchten als nur fürs Pflichtprogramm. Cordula Nussbaum weiß: „In unserer agilen, dynamischen Welt ist oft wenig planbar. Im Job kommen die Aufgaben immer schnelles und ungeplanter, flexibles und kreatives Agieren ist angesagt.“ In der Familie läuft vieles spontan, planbar ist da nicht alles, Unerwartetes passiert im Alltag häufig. „Klassisches Zeitmanagement mit To-do-Listen und akkurater Terminplanung hilft uns heute nur bedingt“, erklärt Cordula Nussbaum, sie sich schon seit 20 Jahren mit dem Thema Zeitmanagement befasst. Die ehemalige Wirtschaftsjournalistin Cordula Nussbaum wird oft als „führende Zeitmanagement-Expertin“ bezeichnet.
Es gibt unterschiedliche Arten von Glück
Die Idee vom „guten Geist“ steckt in der Vorstellung der Eudaimonie. Das Konzept geht auf den griechischen Universalgelehrten Aristoteles zurück. Der Begriff wird manchmal mit „Glückseligkeit“ übersetzt und meint die ethisch-moralische Grundvorstellung, dass der Mensch nach einem wertvollen Leben strebt. Maren Urner fragt: „Geht es beim Glück nicht gerade darum, dass es für jeden etwas Unterschiedliches bedeuten kann?“ Die Individualität des Menschen bei der Vorstellung vom „guten Leben“ liefert die Grundlage für eine Glücksdefinition. Die Kernfrage hier lautet: „Habe ich bekommen, was ich möchte?“ Genau wie bei der Eudaimonie können Wissenschaftler eine Antwort auf die Frage anhand objektiver Messungen geben. Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die unterschiedlichen Arten von Glück sich nur zu circa 50 Prozent überlappen. Dr. Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.
Emotionen schwächen den Intellekt
Neben der Verweigerung der Anstrengung, welche die Urteilskraft unterminiert, können natürlich auch andere Ursachen für dumme Entscheidungen vorliegen. Der Psychoanalytiker Otto Fenichel verwies auf die „Pseudodebilität“, die durch innere, meist emotionale Denkhemmungen bedingt ist. Jeder Intellekt schwächle, wenn Emotionen ins Spiel kämen und gegen die Ratio arbeiteten. Heidi Kaster fügt hinzu: „Menschen könnten sozusagen unter der Hand, ad hoc, verblöden, weil sie etwas nicht verstehen wollen, weil das Verstehen Angst- oder Schuldgefühle auslösen könnte oder ein bestehendes prekäres neurotisches Gleichgewicht gefährden würde.“ Jede relevante neue Information, die man erfasst, hat prinzipiell die Macht, bisherige Gewissheiten zu zerstören und scheinbar solide Fundamente eines Weltbilds zu erschüttern. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der forensischen Abteilung der Landesnervenklink Linz.
Jeder besitzt einen persönlichen Bildsucher
Manchmal ist es im Leben gut, auf sich gestellt zu sein. Ein anderes Mal kann es sich als nützlich erweisen, andere Menschen in sein Leben hineinzulassen. Kevin Dutton fügt hinzu: „Manchmal ist es gut, sich auf die feineren Details zu konzentrieren, aus der Nähe, der Reihe nach, einzeln.“ Und bei anderer Gelegenheit ist es gut, ein paar Schritte zurückzutreten, um ein Gefühl für das große Ganze zu bekommen. Entscheidend ist dabei, wie man seinen „Bildsucher“ einstellt. Das Schwarz-Weiß-Denken ist komplex und facettenreich. Kleinigkeiten können für die Höhen und Tiefen des Alltags verantwortlich sein. Gering, klein und scheinbar unbedeutend umgeben sie Menschen auf Schritt und Tritt. Kevin Dutton ist Forschungspsychologe an der University of Oxford und Mitglied der British Psychological Society.