Erweckt der Neid das Gefühl, eine andere Person habe ihren Erfolg nicht verdient und müsse vom hohen Ross heruntergeholt werden, entsteht schwarzer Neid, der meist in Missgunst umschlägt. Reinhard Haller ergänzt: „Wenn jemand dann der anderen Person nicht das Wasser reichen kann und es gar nicht möglich ist, sie „zurechtzustutzen“, also abzuwerten, verdichtet sich die so frustrierte Missgunst in Hass.“ Der destruktive Neid ist also eine Hassquelle ersten Grades. Er ist Ursache für Feindschaften unter Geschwistern und Generationen, zwischen Partnern und Freunden, zwischen Gesellschaftsschichten und Völkern. Kinder beneiden andere, weil diese besser Schul- oder Sportleistungen erbringen, mehr Taschengeld und schönere Geschenke bekommen. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).
Hass
Liebe und Hass können ineinander übergehen
Christoph Demmerling schreibt: „In der Geschichte der Philosophie findet sich eine Reihe von Analysen, dies geht für die klassischen Affektlehren, etwa bei René Descartes, Baruch de Spinoza oder David Hume, gilt aber beispielsweise auf für Thomas von Aquin, die den Hass in einem Atemzug mit der Liebe nennen.“ Beide Phänomene gelten als konträr, als Gefühle, die einander gegengesetzt sind. Gut und zuträglich, schlecht und schädlich, so lauten die einschlägigen Charakterisierungen. Die Hinweise auf die Schädlichkeit treffen sich mit Christoph Demmerlings Überlegungen zur Normalform des Hasses. Liebe und Hass können ineinander übergehen oder sich miteinander verbinden. Entgegengesetzt sind diese Gefühle zunächst einmal in dem einfachen Sinn, dass die hedonistischen Valenzen, die mit ihnen verbunden sind, gegenläufig sind. Univ.-Prof. Dr. Christoph Demmerling lehrt Philosophie mit dem Schwerpunkt Theoretische Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.
Die Bewahrung des Lebens selbst ist ein Gut
Judith Butler schreibt: „Sigmund Freud wendet sich in seinen Überlegungen zur Kriegsverhütung schließlich Gedanken zu, die er in seinen Überlegungen zur Massenpsychologie noch nicht verfolgt hatte: dem Widerstand gegen nationalistische Euphorie und der „organischen“ Grundlage unserer menschlichen Natur.“ Und er kommt zum Schluss, dass die Kriegsneigung nur zweierlei entgegengesetzt werden kann: die Mobilisierung des „Eros als Gegenspieler“ und die Herstellung von Gefühlsbindungen durch Identifizierung. Eine Weiterentwicklung der Masse, so spekuliert Sigmund Freud zu diesem Zweck, ist vielleicht durch Erziehung und die Kultivierung von Gemeinschaftsgefühlen nicht-nationalistischer Art möglich. Ideal wäre, wenn jeder Angehörige einer Gemeinschaft Selbstbeherrschung übt, indem er einsieht, dass die Bewahrung des Lebens selbst ein Gut ist, das gemeinschaftlich gepflegt werden muss. Judith Butler ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik und kritische Theorie an der University of California, Berkeley.
Es gibt verschiedene Objekte des Hasses
Gefühle ohne Tiefe können schnell wieder vergehen und abebben, indem andere Gefühle an ihre Stelle treten. Christoph Demmerling ergänzt: „Gefühle ohne Zentralität lassen sich gelegentlich ignorieren, da sie nicht im Mittelpunkt der eigenen Aufmerksamkeit stehen müssen.“ Für den Hass gilt dies nicht. Hass durchzieht eine Person – er ist tief –, und er ist ein aufmerksamkeitserheischendes Gefühl, besitzt Zentralität. Hass betriff die gesamte Person aus ihrem Zentrum heraus. Dabei gibt es verschiedene Objekte des Hasses. Beim Hass handelt es sich im Kern um ein Gefühl, das sich in der Regel auf Personen oder Personengruppen bezieht, nicht auf unbelebte Gegenstände. Hass scheint sich nur auf Objekte richten zu können, die man für voll nimmt und denen man in moralischer Perspektive etwas zurechnen zu können glaubt. Univ.-Prof. Dr. Christoph Demmerling lehrt Philosophie mit dem Schwerpunkt Theoretische Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.
Neid ist die Wurzel des Hasses
Neben den allgemeinen, an jeder Hassentwicklung beteiligten Ursachen und Motiven wie Kränkung oder Benachteiligung gibt es mehrere große Wurzeln, die gehäuft Hass auslösen oder diesen verstärken. Reinhard Haller kennt sie: „Im Einzelnen sind dies Neid und Eifersucht – von Nietzsche als „Schamteile der menschliche Seele“ bezeichnet –, weiters Gier und Rache.“ All dies sein eigeneständige und verschiedenartige Gefühlskomplexe, denen aber eines gemein ist: Sie führen häufig zum Hass. „Neid gibt dem Hass Flügel“, meint der Aphoristiker Fred Ammon. Xenophon (430 – 354 v. Chr.), griechischer Schriftsteller und Schüler des Sokrates, sah im Neid die Wurzel des Hasses: „Zur Feindschaft führen auch Streitsucht und Zorn, zum Groll die Habgier, und zum Hass führt der Neid.“ Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).
Der Hassende will den Gehassten schädigen
Alle feindseligen Gefühle sind Ablehnungsgefühle, dies gilt auch für die scheinbar harmloseren Verwandten des Hasses wie Ärger, Ekel, Empörung, Neid, Verachtung, Wut und Zorn. Christoph Demmerling weiß: „Der Hass ist nicht deshalb ein so brisantes Gefühl, weil er eine Form der Ablehnung darstellt, sondern weil er – anders als aversive Gefühle wie Ekel, Wut oder Zorn – auf die Schädigung des Gehassten zielt.“ Darauf sind die Kräfte des Hassenden in konzentrierter Form gerichtet. Die mit dem Hass verbundenen destruktiven Energien und Impulse der Mobilisation scheinen ungleich größer als im Fall anderer negativer Gefühle. Hass ist mit Feindschaft und in der Regel mit offener Gewalt oder zumindest mit Gewaltphantasien verbunden. Univ.-Prof. Dr. Christoph Demmerling lehrt Philosophie mit dem Schwerpunkt Theoretische Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.
Kränkungen quälen die Psyche
Die Kränkung ist eine psychologische Großmacht ersten Ranges, die für viele psychische Störungen verantwortlich ist – und eben auch für den Hass. Kränkungen sind mehr als ein Gefühl. Reinhard Haller erläutert: „Sie bestehen aus der Interaktion zwischen jemandem, der kränkt, und dem Kränkungsempfänger sowie dem eigentlichen Inhalt der Kränkung, der Kränkungsbotschaft.“ Da Kränkungen im Gegensatz zu ihrer subjektiven Bedeutung, die der Empfänger ihr beimisst, objektiv oft als kaum beachtenswerte Kleinigkeiten erscheinen, wird ihre Wirkung maßlos unterschätzt. Denn Kränkungen bedeuten immer einen Angriff auf persönliche Gefühle und Vorstellungen. Sie führen zu Verletzungen vieler psychischer Komponenten, besonders des Selbstbewusstseins, und bedingen eine anhaltende Erschütterung des Selbst und seiner Werte. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).
Gefühle wie Gedanken haben einen Inhalt
Anders als Gedanken besitzen Gefühle eine phänomenale Qualität, sie werden aus der Perspektive dessen, der sie hat, auf bestimmte Weise erfahren. Christoph Demmerling erklärt: „Es klänge eigenartig zu sagen, ich habe Angst, fühle das aber nicht. Das Gefühl der Angst ist etwas anderes als der Gedanke, dass man sich gerade in einer gefährlichen Situation befindet.“ Gefühle sind aber nicht nur von Gedanken zu unterscheiden, sondern auch von bloßen Empfindungen wie einem Kälteschauer oder einem Schmerz. Denn anders als Empfindungen haben Gefühle wie Gedanken einen Inhalt, sie sind auf Sachverhalte oder Objekte in der Welt bezogen, sie handeln von etwas und präsentieren Sachverhalte und Objekte in einem bestimmten Licht. Univ.-Prof. Dr. Christoph Demmerling lehrt Philosophie mit dem Schwerpunkt Theoretische Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.
Enttäuschungen zerstören Hoffnungen
Enttäuschung ist unweigerlich mit Täuschung verbunden. Wer ent-täuscht wird oder ist, hat sich vorher in etwas oder jemanden getäuscht, oder wurde getäuscht. Reinhard Haller weiß: „Ursprünglich war der Begriff durchaus positiv besetzt. Denn er bedeutete, dass jemand aus einer Täuschung herausgerissen und eines Besseren belehrt worden ist.“ Später wurde das Wort Enttäuschung eher im Sinne von Desillusionierung eingesetzt, womit eine zur Ernüchterung führende, als negativ empfundene Erfahrung oder Erkenntnis gemeint ist. Heute bezeichnet die Enttäuschung ein Gefühl der zerstörten Hoffnung oder des nicht erwarteten Kummers. Enttäuschungen können das bisherige Menschen- und Welt- und Selbstbild infrage stellen. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).
Hass zählt zu den feindseligen Gefühlen
Hass, Ressentiment und Verachtung – dies sind typische Beispiele für feindselige Gefühle. Christoph Demmerling fügt hinzu: „Aufgrund ihres aversiven Charakters gelten feindselige Gefühle als Störenfriede, die man nicht gerne sieht am Tisch derjenigen, die sich für zivilisiert halten.“ Auf der politischen Bühne sind feindselige Gefühle, insbesondere der Hass, viel beredete Sorgenkinder. Hass lässt Menschen in den Krieg ziehen, und es handelt sich um ein Gefühl, welches zu unfassbaren Gräueltaten anstiften kann. Auch trägt Hass zur Zersetzung innerhalb sozialer Gefüge bei, in denen verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Wertvorstellungen oder unterschiedlichen religiösen Orientierungen, die sich wechselseitig ablehnen, zusammenleben. Ganz gleich, was der Hass aus und mit den Menschen macht, er stellt eine Kraft im menschlichen Leben dar, in die Frage, wie mit ihm umzugehen ist, ist beileibe keine einfache Frage. Univ.-Prof. Dr. Christoph Demmerling lehrt Philosophie mit dem Schwerpunkt Theoretische Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.