Auch Gefühle und Emotionen sind laut Maren Urner Informationen. Dabei handelt es sich um einen Mix aus neuropsychologischen und anderen körperlichen Informationen, die ständig in einem Menschen vorhanden sind. Maren Urner erklärt: „Denn nur, weil wir sie noch nicht oder vielleicht auch niemals vollständig begreifen werden, sollten wir ihnen nicht ihre Existenz absprechen.“ Und dennoch sind es diese Informationen, auf Basis deren der größte Teil der Menschen in den meisten Situationen ihre Entscheidungen treffen. Dazu gehören sowohl kleine Entscheidungen wie auch ganz große. Kausal formuliert stimuliert unser Gefühlselben Ideen und Gedanken in uns. Eine Veränderung der Gefühle verändert ebenso das Denken. Bei aller Unterschiedlichkeit gilt dieses Prinzip universell – für alle Geschlechter, Altersgruppen und Kulturen. Dr. Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.
Denken
Draußen scheint die Hölle auf Erden zu toben
Brände, Fluten, Lawinen, Katastrophen, Familientragödien, ausgewählte Kriege und Terrorattacken, Flugzeugabstürze, Armut, Flüchtlingskrisen – alles Mögliche findet sich, weitgehend ungefiltert, unsortiert, unreflektiert, regelmäßig so breit getreten auf allen Kanälen, dass der arglose Mensch daraus den Schluss ziehen muss, dass da draußen ständig die Hölle auf Erden tobt – aus tausenderlei unbeherrschbaren Gründen. Ullrich Fichtner weiß: „Das bleibt nicht ohne Folgen, und falsche Weltbilder sind nur eine davon. Es entstehen auch, wenn nicht alles täuscht, neue Psychosen – und man weiß nicht, welche man dem heute geborenen Kind weniger wünschen soll.“ Die eine trifft Menschen, die gewissermaßen süchtig werden nach schlechten Nachrichten und die das Netz krankhaft nach immer neuen Belegen für die nahende Apokalypse durchsuchen. Ullrich Fichtner ist Reporter des „Spiegel“ und gehört zu den renommiertesten Journalisten Deutschlands.
Angst findet immer auf drei Ebenen statt
Ängstliche Gefühle sind ein fester und gesunder Bestandteil der menschlichen Gefühlsklaviatur. Allerdings sind sie derart unangenehm, dass die meisten Menschen sie am liebsten nie fühlen würden. Die Angst vor der Angst und die Vermeidung all der Umstände, in denen der empfindliche Alarmschaltkreis anspringen könnte, verstärkt das Problem. Franca Cerutti weiß: „Konkret gesagt: 15 bis 20 Prozent aller Menschen sind einmal in ihrem Leben von einer Angststörung betroffen, Frauen doppelt so häufig wie Männer.“ Angst findet immer auf drei Ebenen statt: Sie erfasst das Denken, beeinflusst das Verhalten und verändert das Gefühl. In ihrem Buch „Psychologie to go! Wie verrückt sind wir eigentlich?“ erklärt die Psychotherapeutin mit eigener Praxis und Podcasterin Franca Cerutti, was im Körper eines Menschen bei psychischen Erkrankungen, die oft unseren Alltag erschweren, konkret passiert.
Gedanken und Gefühle bilden eine Einheit
Laut Reinhard K. Sprenger gibt es keinen Unterschied zwischen rationalem Erkennen und emotionalen Erfühlen. Es sind zwei Seiten einer Medaille. Deshalb kann ein Mensch seine Gefühle in Konflikten durchaus beeinflussen, indem er seine Gedanken ändert. Reinhard K. Sprenger erläutert: „Nur das Zusammenspiel von Gedanken und Gefühlen gibt Ihnen die Möglichkeit, sich in einer wandelnden Umwelt selbst als Einheit zu erleben.“ Studien haben vielfach nachgewiesen, dass die Dominanz der Gefühle im Konfliktfall zu einer gefährlichen Über-Vereinfachung des Konfliktgegenstandes führt. Man „erspart“ sich gleichsam die komplexen Zusammenhänge, kocht die Suppe auf einen simplen Punkt herunter, um ihn umso effektvoller präsentieren zu können. Das sollten man sich und seinem Konfliktpartner mit Blick auf einen weiterer gemeinsamen Weg nicht antun. Reinhard K. Sprenger, promovierter Philosoph, ist einer der profiliertesten Führungsexperten Deutschlands.
Der Appetit auf Zucker ist nahezu unbegrenzt
Eine der interessantesten Konsequenzen der evolutionären Psychologie ist, dass sie viele Fehlfunktionen des menschlichen Denkens und Handelns erklären kann. Hanno Sauer weiß: „Das wahrscheinlich bekannteste Beispiel für eine solche Inkongruenz von Geist und Umwelt ist unser nahezu unbegrenzter Appetit auf Zucker. Kohlenhydrate sind eine wichtige Energiequelle für den menschlichen Körper, und Energie war meist vor allem eines: knapp.“ Es ergab daher Sinn für die Menschen, eine Disposition evolutionär ererbt zu haben, die dafür sorgte, dass sie keine Gelegenheit auslassen würden, Zucker zu sich zu nehmen. Solange Kohlenhydrate rar sind, bleibt diese Disposition auch adaptiv. Denn die Lust am Zucker motiviert die Menschen effektiv, eine für sie wichtige Energiequelle in sich aufzunehmen. Hanno Sauer ist Associate Professor of Philosophy und lehrt Ethik an der Universität Utrecht in den Niederlanden.
Alternative Fakten dienen der Verschleierung
Manchen Menschen ist schon aufgefallen, dass diejenigen Dinge und Sacherhalte, die man mit wohlklingenden neuen Begrifflichkeiten benennt, ihre eigentliche Bedeutung verlieren. Heidi Kastner nennt Beispiele: „Aus „alten Personen“ wurden „reifere Personen“, ohne dass gleichzeitig alle an Lebensjahren Reichen auch durch Lebenserfahrung reifer geworden wären.“ „Bürgernahe“ Argumente dienen der populistischen Verblendung, Arbeitskräfte werden im Rahmen von Umstrukturierungen „freigesetzt“ und nicht mehr entlassen. Probleme ersetzt man durch Herausforderungen. Die Werbung verwandelt sich in eine „Kundeninformation“, gestiegene Preise nennt man „Preisanpassung“ und nicht Preiserhöhung. Gebäude reißt man nicht ab, sondern baut sie zurück und wirtschaftlicher Stillstand führt trotzdem Wachstum im Namen, aber eben als „Nullwachstum“. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der forensischen Abteilung der Landesnervenklink Linz.
Kinder entwickeln eine intuitive Psychologie
Gerd Gigerenzer erklärt: „Die Neugier auf Ursachen statt auf bloße Assoziationen ist charakteristisch für menschliche Intelligenz und das Kennzeichen von Wissenschaft.“ Kausales Denken ist sowohl eine Stärke als auch der Ursprung von Aberglauben. Etwa, wenn man glaubt, dass das Drücken von Daumen Glück bringt. In den ersten Jahren entwickeln Kinder eine intuitive Psychologie. Sie „wissen“, dass Menschen Gefühle und Absichten haben, und sie können die Perspektive anderer Menschen einnehmen. Spezielle Schaltkreise im Gehirn haben offenbar die Aufgabe zu beobachten, was andere wissen, denken und glauben. Ein Mangel an intuitiver Psychologie ist ein Zeichen für Autismus. Ganz ähnlich entwickeln Kinder auch eine intuitive Physik. Gerd Gigerenzer ist ein weltweit renommierter Psychologe. Das Gottlieb Duttweiler Institut hat Gigerenzer als einen der hundert einflussreichsten Denker der Welt bezeichnet.
Perspektivwechsel erfordern Mut
Um sich selbst in eine kreative Grundhaltung zu versetzen, um kreative Prozesse immer wieder zu starten, bedarf es zunächst eines Anfangs und dann einer nachhaltigen Aufrechterhaltung dieses Zustandes. Das Zitat von Hermann Hesse „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ hat zweifellos seine Berechtigung. Markus Hengstschläger weiß: „Und trotzdem bleiben vielen Menschen, wahrscheinlich auch ob ihrer Ängste vor dem Versagen und Scheitern, in ihrem konvergenten, logischen, auf einen bekannten Lösungspunkt hinsteuernden Denken verhaftet.“ Divergentes Denken, das bei kreativen Prozessen vorherrscht, ist offen, unsystematisch, frei assoziierend und experimentierfreudig. Für solch einen Perspektivwechsel, solch eine Verbreitung des Horizontes, bedarf es Mut. Die nachhaltige Förderung von Mut steigert die Motivation, auch ungerichtet in Bewegung zu bleiben, divergent zu denken und proaktiv Ausschau nach neuen Ideen zu halten. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUni Wien.
Beim Denken gibt es Abkürzungen
Um sich schnell orientieren zu können, hat das Denken Abkürzungen entwickelt, damit sich Menschen in einer neuen Umgebung schnell zurechtfinden können. Diese Abkürzungen bezeichnet man auch als Heuristiken. Nach Daniel Kahneman ist eine Heuristik „ein einfaches Verfahren, das uns hilft, adäquate, wenn auch oftmals unvollkommene Antworten auf schwierige Fragen zu finden“. Eine sehr häufige Heuristik ist die Substitutionsheuristik. Thorsten Havener erläutert: „Hier ersetzen wir zu komplexe Fragen durch Fragen, die sich einfacher und auch schneller beantworten lassen.“ Der Mentalist gibt zu, dass die Grenzen zwischen Heuristik, dem Primen und dem Halo-Effekt nicht so einfach zu ziehen sind. Oft greift im menschlichen Denken eine Kombination aus mehreren dieser Methoden. In jedem Fall ist erwiesen, dass Menschen, wenn sie aufgefordert werden, die Wahrscheinlichkeit von etwas zu beurteilen, das jedoch nur schwer einzuschätzen ist, in vielen Fällen etwas ganz anderes beurteilen. Thorsten Havener ist Deutschlands bekanntester Mentalist.
Authentizität bei Politikern kommt an
Wer stimmig erscheint, dem vertraut man. Denn durch die Resonanz im Gefühl beim Gegenüber entsteht intuitiv der Eindruck, dass er sich auskennt im Wesen des anderen. Hans-Otto Thomashoff weiß: „Wer als Politiker emotional authentisch wirkt und zudem die Wähler im Gefühl anspricht, der kommt an. Wähler wollen Stimmigkeit, sie wollen in ihrem Gefühl verstanden werden, und sie wollen wissen, woran sie sind.“ Deshalb ist es fatal, wenn Politiker im Wahlkampf Versprechungen machen, die sie nach der Wahl nicht halten. Oder wenn bestehende Positionen ohne nachvollziehbare Erklärung plötzlich über den Haufen geworfen werden. Angela Merkels Stärke war es, Stabilität, Verlässlichkeit und Sicherheit zu vermitteln, Werte, die ihrer Persönlichkeit entsprachen. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.