Arie Kruglanski ist Professor für Psychologie an der University of Maryland in den USA. Er versucht, die Gedankenprozesse gewalttätiger Extremisten zu entschlüsseln. Dabei hat er das Konzept der „kognitiven Geschlossenheit“ entwickelt, das auch im Nike-Slogan „Just do it!“ zum Ausdruck kommt. Dabei handelt es sich um das Bedürfnis, etwas zu tun, Dinge zu erledigen und weiterzumachen. Kevin Dutton fragt Arie Kruglanski: „Worin besteht das Geheimnis der Wirklichkeitsklassifizierung? Im Sammeln der richtigen Menge an Informationen, in der richtigen Anzahl an Haufen, der richtigen Größe der Haufen und dem richtigen Zwischenraum zwischen ihnen?“ Arie Kruglanski antwortet: „Es ist im Grunde mehr oder weniger der Wunsch von jedem von uns, an festen Überzeugungen festzuhalten.“ Kevin Dutton ist Forschungspsychologe an der University of Oxford und Mitglied der British Psychological Society.
Denken
Die Wiederholung dient der Manipulation
Sich doof stellen und den anderen seine Argumente zigmal wiederholen zu lassen, ist sehr effektiv, wenn man sein Gegenüber schwächen will. Vorausgesetzt, man bringt die entsprechende Renitenz mit. Thorsten Havener weiß: „Auch wenn die Wiederholung einer der Grundpfeiler der Manipulation ist, so hat sie in einigen Bereichen doch ihre Grenzen. Bei mir zu Hause scheint sie nur in Ausnahmefällen zu greifen.“ Dort liegen beispielsweise trotz gebetsmühlenartiger Wiederholungen überall Schuhe und Jacken rum. Und auch das Licht ist ganz gerne mal über Nacht eingeschaltet. Das menschliche Gehirn ist nicht immer rational. Das Denken hat den Drang, optimal zu reagieren. Paradoxerweise lässt es sich gerade dadurch besonders gut täuschen. Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman beschreibt in seinem epochalen Werk „Schnelles Denken – Langsames Denken“ sehr detailliert, wie sich das Denken täuschen lässt und wie das Gehirn ausgerechnet in den Momenten, in denen es optimal reagieren will, oft suboptimal reagiert. Thorsten Havener ist Deutschlands bekanntester Mentalist.
Eine Quelle von Dummheit ist die Faulheit
Ein weiterer und schier unerschöpflicher Quell von Dummheit oder dummen Entscheidungen ist die Trägheit bzw. Faulheit. Vor allem, wenn es darum geht, die eigene Entscheidungsgrundlage über die Beschaffung von Fakten zu erweitern. Heidi Kastner erläutert: „Die Ursachen dafür liegen wohl in der conditio humana, in der Anstrengung vermieden wird und Anstrengungsbereitschaft nicht gerade als Dauerzustand vorhanden ist.“ Sie liegen auch in der Kritiklosigkeit, mit der Informationen unabhängig von ihren Quellen als gleichwertig wahrgenommen werden. Und in der Möglichkeit, eigene Vorurteile bei anderen jederzeit bestätigt zu finden, um sich schließlich nur mehr mit Gleichgesinnten auszutauschen. Zudem liegen sie in dem mangelhaften Training des Urteilsvermögens, das scheinbar nicht benötigt wird. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der forensischen Abteilung der Landesnervenklink Linz.
Alle Menschen sind Sammler
In gewissem Maße sind alle Menschen Sammler. Kevin Dutton erklärt: „Die Einstellung „Man weiß nie“ in uns angelegt. Sie haben vielleicht keine große Anzahl von Dingen aus den 1980er Jahren in Ihrem Wohnzimmer oder auf der Treppe herumliegen. Aber was soll dieser kleine Papierstapel da drüben neben dem Computer auf Ihrem Schreibtisch?“ Aller Wahrscheinlichkeit nach wird er dort länger bleiben, als er willkommen ist, weil man sich nicht entscheiden kann, was man damit tun soll. Wenn man normalerweise an Sammler denkt, dann haben die meisten Menschen langfingrige, schielende Einsiedler im Sinn. Doch wenn alle Menschen auf einem Spektrum angesiedelt sind, was genau trennt sie dann von ihnen? Kevin Dutton ist Forschungspsychologe an der University of Oxford und Mitglied der British Psychological Society.
Emotionen legen die Moral fest
Verwandeln sich Menschen in bessere Wesen, wenn sie über Moral nachdenken? Das wollte der amerikanische Philosoph Eric Schwitzgebel überprüfen. Dazu verglich er das Verhalten von Moralphilosophen mit dem von Kollegen, die sich nicht professionell mit Ethik beschäftigen. Das Ergebnis ist auf den ersten Blick ernüchtern. Philipp Hübel stellt fest: „Ethiker spenden weder mehr Blut noch mehr Geld für gute Zwecke. Sie antworten nicht zügiger auf E-Mails und rufen auch ihre Mutter nicht häufiger an als andere Menschen.“ Mehr noch, in den Universitätsbibliotheken der Philosophischen Institute werden mehr als doppelt so oft Bücher zum Thema Ethik gestohlen als zu anderen philosophischen Disziplinen. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).
Die meisten Ideen entstehen aus Bekanntem
Schöpferisches Denken entspringt dem kollektiven Gehirn. Stefan Klein erklärt: „Ein Mensch, der ein Problem zu lösen versucht, […] wird scheitern, wenn er nach dem Idealbild des Originalgenies meint, alle Einfälle aus sich selbst schöpfen zu können.“ Aussicht auf Erfolg hat nur, wer die in einer Kultur geronnenen Erfahrungen anderer kennt und zur Grundlage seiner Überlegungen macht. Das im kollektiven Gehirn gespeicherte Wissen ist das Material, aus dem sich Ideen formen. Denn die meisten Ideen entstehen aus der Kombination von Bekanntem. Seit ihren Anfängen ist Kultur ein Baukasten, der sich selbst zu erweitern vermag: Menschen verbinden Konzepte zu neuen Konzepten. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.
Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Wesen
Der Mensch ist nicht nur lösungsbegabt, sondern auch an sich vernunftbegabt mit den höchsten kognitiven Fähigkeiten auf dem Planeten Erde. Markus Hengstschläger schränkt ein: „Auch wenn seine enormen Potenziale, logisch zu denken und rational zu reflektieren, den Homo sapiens geradezu auszeichnen, so ist andererseits auch klar, dass gerade sein immer wieder vollkommen irrationales Verhalten viele der Probleme der Menschheit, die es zu lösen gilt, erst verursacht hat.“ Wenn genügend Information zu einem Sachverhalt vorliegt, kann eine detaillierte, komplexe Analyse erfolgen. Das macht dann besonderen Sinn, wenn man etwa die Vergangenheit erklären will oder wenn die Zukunft mehr oder weniger vollständig vorhersehbar ist. In diesem Fall ist es nicht nur wünschenswert, sondern eigentlich auch einzumahnen, reflektierend und rational an die Sache heranzugehen. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUniWien.
Ärger verhindert rationales Denken
Je mehr sich ein Mensch in seine Ärgergefühle hineinsteigert, umso weniger ist es ihm möglich, objektiv zu bleiben und andere, etwa konträre Argumente, zu sehen beziehungsweise zu akzeptieren. Heinz-Peter Röhr rät: „Wer mit starken Ärgergefühlen konfrontiert ist, tut immer gut daran, eine Zeit verstreichen zu lassen, bis die erste Wut vorüber ist, damit eine nüchterne Betrachtung der Gegebenheit möglich wird.“ Dies zu wissen ist von zentraler Bedeutung, wenn es darum geht, den Kontrollverlust zu erforschen und gegebenenfalls zu vermeiden. Wenn es einmal passiert ist, kann man nur sehr schwer den Kontakt zum Neokortex herstellen und rationales Denken in den Vordergrund bringen. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.
Fühlen und Gedächtnis gehören zusammen
Fühlen ist ein Resultat des bewussten Geistes. Gedächtnis ist das Nachbarland. Man kann aber das Gedächtnis nicht verstehen, wenn man nicht versteht, wie das Fühlen dazu beiträgt, dass Erinnerung funktioniert. David Gelernter erklärt: „Während ein Aspekt vieler Erinnerungen eine Abstraktion liefert, können alle Aspekte einer Erinnerung ein Gefühl liefern.“ Manche Erlebnisse sind kompakt und einfach. Andere haben viele Teile. Der Unterschied liegt vor allem darin, wie man jedes Ereignis erleben will und mit welchem Tempo man sich bewegt. Ein Gefühl oder eine Stimmung ist die Zusammenfassung einer Szene, die einen oder mehrere Aspekte vieler Erinnerungen komprimiert. Eine solche Gefühlszusammenfassung kann wie der Köder an einem Haken sein, mit dem man aus dem tiefen Ozean seines Gedächtnisses eine bestimmte Erinnerung herausfischt. David Gelernter ist Professor für Computerwissenschaften an der Yale Universität.
Nur der Mensch kann über die Zukunft nachdenken
Zwei aus individueller Sicht wichtige Aspekte scheinen Joachim Bauer beim Nachdenken über Wege zu mehr Selbststeuerung von besonderer Bedeutung zu sein. Sie betreffen zum einen die Dimension der Zukunft. Zum anderen betreffen sie die grundsätzliche Notwendigkeit, Stress zu reduzieren. Die Potentiale der Selbststeuerung, nämlich planendes Handeln, Kreativität und Selbstwachstum, lassen sich nicht nur als Fähigkeiten, sondern auch als Bedürfnisse beschreiben. Ein überaus wichtiger Aspekt der Conditio humana ist die Fähigkeit des Menschen, sich die Dimension der Zukunft zu erschließen und sie zu reflektieren. Joachim Bauer erklärt: „Keine andere Spezies ist dazu in einem derartigen Ausmaß wie der Mensch in der Lage.“ Diese Fähigkeit schließt sowohl die Hoffnung als auch die Erwartung künftigen Unheils, einschließlich der Möglichkeit, entsprechende Vorsorge zu treffen, mit ein. Der Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer lehrt an der Universität Freiburg.