Zurücknahme statt Konfrontation, Sensibilität statt Härte, Verstehen statt Abgrenzung. Was wäre gegen solch eine empathische Anteilnahme einzuwenden? Svenja Flasspöhler erklärt: „Bei genauerem Hinsehen jedoch zeigt sich die Gefahr eines regelrechten Perspektivenverlust: Der hier geforderte aufmerksame und einfühlsame Beobachter besitzt überhaupt keine eigne Sicht der Dinge mehr, weil er aufgeht in derjenigen der anderen.“ Friedrich Nietzsche hat sich in seiner Schrift „Jenseits von Gut und Böse“ mit einem solch achtsamen Typus Mensch beschäftigt, der seine Sensoren empfindsam auf die Welt ausrichtet und sein Ich dabei – so zumindest Friedrich Nietzsches These – komplett verliert. Anders gesagt: In dem Begehren, objektiv zu sein, streicht er sich selbst aus. Alles muss wahrgenommen, einfühlsam aufgenommen werden, was, wie Fritz Breithaupt in seinem Buch „Die dunklen Seiten der Empathie“ mit Bezug auf Friedrich Nietzsche formuliert, zu einer „Verdünnung des Menschen“ führt. Svenja Flasspöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.
Empathie
Mitgefühl ist kein zweckgerichteter Wert
Es greift sicher zu kurz und wäre sowohl Hybris aus auch Dummheit, ausschließlich Ignoranz als auch Dummheit für die aktuellen Entwicklungen verantwortlich zu machen. Heidi Kastner schreibt: „Unsere Lebensbedingungen scheinen heute viel weniger abgesichert, die globalen Verhältnisse sind unüberschaubarer, die Bedrohlichkeit kommt aus unterschiedlichen Richtungen, sowohl das Erstarken fanatischer Gruppierungen als auch Klimaveränderungen und allezeit mögliche neue Viren und Krankheiten versprechen nichts Gutes.“ Die Wirkmächtigkeit des Einzelnen ist deshalb sehr überschaubar, ebenso wie das Problembewusstsein und die Lösungsorientiertheit der global Player. Die Aufbruchsgewissheit der 1970er-Jahre – alles wird laufend besser – hat einer Ernüchterung Platz gemacht, die mit einem gehörigen Kater daherkommt. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der forensischen Abteilung der Landesnervenklink Linz.
Erschöpfung erzeugt zornige Abgrenzung
Der sogenannte „Überlebensmechanismus“ wird als eigene Phase in der Burnout-Spirale beschrieben, denn Distanzierung, Depersonalisation, Desillusionierung und Zynismus sind die Folge. Helga Kernstock-Redl erklärt: „Diese Lösungen setzen allerdings selbstverständlich nicht am sinnvollen Ende des Kreislaufs „Erschöpfung erzeugt zornige Abgrenzung – zornige Abgrenzung erzeugt noch mehr Erschöpfung“ an.“ Nützlicher wäre: eigene Rechte aufbauen, innere Gesetze verändern, den Futterkreislauf grenzenloser Basis-Empathie stoppen, Mentalisieren in vier Schritten lernen, Hilflosigkeit aushalten durch Abgrenzung – und sich auf jenen winzigen Teil der inneren oder äußeren Welt konzentrieren, den man verändern kann. Es gibt leider noch keinen psychologischen Zusatzbonus, wenn man Notleidende beschuldigt, der auch als Selbstberuhigungsmechanismus der Angst bekannt ist. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Es fehlt an Empathie mit der Welt der Natur
Wirklich berührt wird der Mensch nur von etwas, zu dem er in Resonanz kommen kann, von etwas, mit dem er in Beziehung steht, von etwas, das er fühlt. Joachim Bauer erklärt: „Daher wird der Appell zur ökologischen Wende, wenn er sich in einer repetitiven Belehrung über die – ohne jede Frage katastrophalen – Zahlen über den ökologischen Absturz unseres Planeten erschöpft, keinen Elan erzeugen.“ Die Reaktionsträgheit, die man seit Jahren beobachtet – und die Greta Thunberg und die Ihren mit Recht so wütend macht –, hat ihren Grund in der zivilisatorischen Entfremdung des Menschen von seinen Gefühlen, von der Verbundenheit mit seinen Mitmenschen und von der Empathie mit der Welt der Natur. Nicht nur Ressourcen und Produkte, unser gesamtes Leben wurde, wie die renommierte Philosophin Martha Nussbaum es ausdrückte, dem ökonomischen Kalkül unterworfen. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Die eigenen Emotionen lassen sich beeinflussen
Eine menschliche Fähigkeit baut auf der Selbsterkenntnis auf und besteht darin, die Emotionen zu steuern. Heidi Kastner erklärt: „Jede erkannte Emotion kann durch Beigabe unterschiedlicher Gedanken dramatisiert oder relativiert werden, was den weiteren Verlauf einer Interaktion beeinflusst.“ Eine weitere Komponente der emotionalen Intelligenz, die mit der zuvor beschriebenen eng verwandt ist und von Daniel Goleman später auch dieser zugerechnet wurde, besteht darin, die eigenen Emotionen möglichst zielorientiert zu steuern und zu nutzen. Goleman argumentiert hier vor allem mit der Fähigkeit, sich selbst zu motivieren, ausdauernd ein Ziel zu verfolgen und Rückschläge als vorübergehend, aber nicht bestimmend zu erleben. Er sieht darin eine übergeordnete Fähigkeit, die sich verstärkend oder hemmend auf alle anderen Befähigungen auswirkt. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der forensischen Abteilung der Landesnervenklink Linz.
Empathie gilt als hochanständige Eigenschaft
Empathie im Sinn von Mitgefühl oder von Basis-Empathie, also Mitleid, wirkt auf den ersten Blick so, als ob sie kein Wässerchen trüben könnte. Helga Kernstock-Redl erläutert: „Sie gilt als hoch anständige Eigenschaft bei uns Menschen. Grundsätzlich ist es natürlich eine Eigenheit, die in der Bevölkerung unterschiedlich stark vertreten ist. Bitte glauben Sie nicht, dass zum Beispiel Frauen im Durchschnitt empathischer sind als Männer.“ Sie sind nur motivierter, empathisch zu sein, und zeigen es öfter – besonders dann, wenn es von ihnen in einer bestimmten Situation erwartet wird. Vielleicht haben sie häufiger das innere Gesetz verankert: „Ich muss empathisch sein.“ Oder: „Ich muss Erwartungen erfüllen.“ Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Selbst die Empathie birgt tiefe Abgründe
Die Empathie, der man in der Gegenwart wieder ein so hoher Stellenwert zumisst, trägt bei aller Progressivität auch ein problematisches Potenzial in sich. Svenja Flaßpöhler betont: „Es ist richtig und wichtig, das Leiden von Betroffenen nachzuempfinden, mit ihnen mitzufühlen. Nur so erfährt erlittenes Unrecht Anerkennung. Doch ist die reine Empfindung noch keine Moral.“ Nichts kann einen Menschen von der Notwendigkeit des Urteils und der damit einhergehenden Distanzierung entbinden. Denn nicht alles, was man nachempfinden kann, verdient Solidarität und Anerkennung. Als Gefühl birgt die Empathie selbst tiefe Abgründe. Ihre dunkle Seite ist der Lustgewinn, der sich aus fremdem Leid ziehen lässt. Diese Seite zeigt sich auch dann, wenn man Menschen regelrecht in Opferpositionen gefangen hält. Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des „Philosophie Magazin“.
Die Moral ist in den Gefühlen verankert
David Hume beginnt ab 1743 mit der Abfassung seines dreiteiligen Werks „Ein Traktat über die menschliche Natur“. Svenja Flaßpöhler erklärt: „Grundlegend für diese Schrift ist Humes strenger Empirismus, dem zufolge nichts – und also auch nicht die Moral – ohne sinnliche Basis, ohne Erfahrung existiert.“ Mit anderen Worten: Die Moral muss in der Natur eines Menschen, in seinen Gefühlen verankert sein. In seinem Traktat stellt sich David Hume die Aufgabe, diese Verwurzelung zu verstehen: „Wie kommt es, dass wir mit anderen Menschen mitfühlen?“ Das geschieht zunächst einmal ganz einfach deshalb, so Hume, weil Menschen sich bei allen Unterschieden doch grundsätzlich ähnlich sind. Svenja Flaßpöhler fasst zusammen: „Wir fühlen, was andere fühlen, weil wir alle Menschen sind.“ Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des „Philosophie Magazins“.
Schuldzuweisungen schaden dem Selbstwert
Eine andauernde, wenn auch falsche Schuldzuweisung ist leider irgendwann erfolgreich und sei sie noch so abstrus. Helga Kernstock-Redl weiß: „Denn steter Tropfen höhlt jeden Selbstwert, nur ein völlig lernunfähiges Gehirn wäre gefeit. Der unspezifische, ungute Eindruck, wohl doch die Ursache für das aktuelle Übel des anderen zu sein, stellt sich ein.“ Besonders schwierig zu entdecken sind nonverbale Schuldzuweisungen, die das wachsame Auge der Logik unterfliegen: Blicke, Seufzer, subtile Vorwürfe. Sie nähren eine innere Überzeugung, die wie ein Damoklesschwert jederzeit schlagend werden kann: „Wenn etwas nicht funktioniert, bin immer ich schuld. Es liegt an mir.“ Das ist selbstverständlich immer falsch. Sind Sie tatsächlich so allmächtig und enorm wichtig, dass Sie tatsächlich an allen Übeln wirklich schuld sein könnten? Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
MeToo wäre ohne Sensibilität undenkbar
Der abwertende Begriff „Snowflake“ wendet die psychische Sensibilität – als vermeintliche Hypersensibilität – ins Polemische. Svenja Flaßpöhler erläutert: „Als „Snowflakes“ werden auf abwertende Weise Menschen bezeichnet, die sich einzigartig wähnen, keine gegenteiligen Meinungen aushalten und extrem empfindlich gegen Reize und Zugriffe von außen sind.“ Unter anderem die Debatte über Trigger-Warnings und Sprachsensibilität, aber auch die Tendenz gesellschaftlicher Singularisierung sind hier angesiedelt. Die ethische Sensibilität findet im 18. Jahrhundert ihre philosophische wie literarische Entfaltung und meint, allgemein gesprochen, die Fähigkeit, mit anderen mitzufühlen. Aus Sicht der Historikerin Lynn Hunt ist es alles andere als ein Zufall, dass just in jenem Jahrhundert, in dem die Empathie zum systematischen Gegenstand der Philosophie wurde und die Briefromane Jean-Jacques Rousseaus und Samuel Richardsons tiefe Identifikation mit leidenden Frauenfiguren zu stiften vermochten, auch die Menschenrechte erklärt wurden. Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des „Philosophie Magazin“.