Zu starke Empathie kann zu Ich-Verlust führen

Zurücknahme statt Konfrontation, Sensibilität statt Härte, Verstehen statt Abgrenzung. Was wäre gegen solch eine empathische Anteilnahme einzuwenden? Svenja Flasspöhler erklärt: „Bei genauerem Hinsehen jedoch zeigt sich die Gefahr eines regelrechten Perspektivenverlust: Der hier geforderte aufmerksame und einfühlsame Beobachter besitzt überhaupt keine eigne Sicht der Dinge mehr, weil er aufgeht in derjenigen der anderen.“ Friedrich Nietzsche hat sich in seiner Schrift „Jenseits von Gut und Böse“ mit einem solch achtsamen Typus Mensch beschäftigt, der seine Sensoren empfindsam auf die Welt ausrichtet und sein Ich dabei – so zumindest Friedrich Nietzsches These – komplett verliert. Anders gesagt: In dem Begehren, objektiv zu sein, streicht er sich selbst aus. Alles muss wahrgenommen, einfühlsam aufgenommen werden, was, wie Fritz Breithaupt in seinem Buch „Die dunklen Seiten der Empathie“ mit Bezug auf Friedrich Nietzsche formuliert, zu einer „Verdünnung des Menschen“ führt. Svenja Flasspöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.

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Menschen ziehen Grenzen zwischen Gruppen

Man wäre schlecht beraten, die Identitätssynthese als inkohärent abzutun oder ihre Verfechter gar als unmoralisch zu verunglimpfen. Yascha Mounk erklärt: „Die neue Aufmerksamkeit für Fragen der Identität speist sich aus Wut und Enttäuschung über das Fortbestehen echter Ungerechtigkeiten. Die meisten Anhänger der Identitätssynthese wollen die Welt wirklich verbessern.“ Dennoch ist Yascha Mounk inzwischen überzeugt die sich die Identitätssynthese sich als äußerst kontraproduktiv erweisen wird. Der Grund für ihren Erfolg mag zunächst verständlich, die Beweggründe ihrer Anhänger mögen aufrichtig sein. Aber auch Menschen, die es noch so gut meinen, können unbeabsichtigt echten Schaden anrichten – und der Einfluss dieser neuen Ideologie wird den Weg zu einer besseren Zukunft erschweren. Yascha Mounk ist Politikwissenschaftler und lehrt an der Johns Hopkins Universität in Baltimore.

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Vorurteile führen oft zu Ungerechtigkeiten

Systematische Zeugnisungerechtigkeit entsteht nicht durch Vorurteile an sich, sondern durch jene Vorurteile, die eine Person durch die verschiedenen Dimensionen gesellschaftlichen Handelns „verfolgen“: Wirtschaft, Ausbildung, Beruf, Sexualität, Recht, Politik, Religion und so weiter. Miranda Fricker weiß: „Wenn jemand von einem solchen verfolgenden Vorurteil betroffen ist, ist er nicht nur anfällig für Zeugnisungerechtigkeit, sondern auch für viele weitere Arten von Ungerechtigkeit.“ Die gängigste Art von Vorurteilen, die Menschen verfolgen, sind Vorurteile, die ihre soziale Identität betreffen. Miranda Fricker nennt sie also „Identitätsvorurteile“. Sie treten in positiver oder negativer Form auf: Ein bestimmter Aspekt der sozialen Identität kann eine positive oder negative Voreingenommenheit auslösen. Miranda Fricker ist Professorin für Philosophie an der New York University, Co-Direktorin des New York Institute für Philosophy und Honorarprofessorin an der University of Sheffield.

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Die eigenen Meinungen können heilig werden

Die meisten Menschen sind daran gewöhnt, sich mittels ihrer Überzeugungen, Ideen und Ideologien zu definieren. Adam Grant warnt: „Das kann zum Problem werden, wenn es uns davon abhält, unsere Meinungen zu ändern, während die Welt sich ändert und Wissen sich weiterentwickelt.“ Die eigenen Meinungen können dabei so heilig werden, dass man allein schon den Gedanken ablehnt, im Irrtum zu sein. Das totalitäre Ego macht sich sofort daran, Gegenargumente auszuschalten, Gegenbeweise zu unterdrücken und Lernen unmöglich zu machen. Wer man ist, sollte sich daran orientieren, was man wertschätzt, und nicht daran, was man glaubt. Werte – wie Vortrefflichkeit und Großzügigkeit, Freiheit und Fairness oder Sicherheit und Integrität – sind wünschenswerte Grundprinzipien im Leben. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der Wharton Business School. Er ist Autor mehrerer internationaler Bestseller, die in 35 Sprachen übersetzt wurden.

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Der Durchschnitt dominiert in der Welt

Eine der faszinierendsten Eigenschaften der Natur ist nicht nur der große Unterschied zwischen den auf der Erde lebenden Tieren, sondern auch die Ähnlichkeit innerhalb der Arten. Viele Menschen sind auf der Suche nach ihrer Identität, müssen aber feststellen, dass sie als Menschen alle fast identisch sind. Bei der Auswahl geeigneter Menschen für eine bestimmte Aufgabe reicht daher oft auch ein grobe Selektion aus. Denn die Fähigkeiten und Möglichkeiten der Einzelnen weichen nur gering voneinander ab. Ille C. Gebeshuber stellt fest: „Und das ist nicht unbedingt schlecht, denn von der Mehrheit kaum abzuweichen, also „normal“ zu sein, ist oft ein durchaus erstrebenswerter Zustand. Wir leben also in einer Welt, in der der Durchschnitt dominiert und selbst die Außergewöhnlichsten nur gering über die Masse herausragen.“ Ille C. Gebeshuber ist Professorin für Physik an der Technischen Universität Wien.

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Narrative sind Bestandteil der Identität

Geschichten erzählen ist menschlich. Man erzählt sie sich und anderen, um seine persönlichen Erfahrungen und die eigene Existenz zu interpretieren. Armin Falk ergänzt: „Sie helfen uns dabei, eine Vorstellung von Realität zu gewinnen. Ohne Geschichten sind wir nicht imstande, Sinn zu konstruieren und uns in der Lebenswelt zurechtzufinden. Sie vermitteln uns eine Begriff davon, woher wir kommen, was wir uns wünschen oder wozu wir bestimmt sind.“ Manche Persönlichkeitspsychologen beschreiben die Rolle von Narrativen deshalb als integralen Bestandteil der Identität eines Menschen. Denn die eigenen Lebensgeschichten prägen die Vorstellung davon, wer man ist. Oder anders gesagt, man ist, was man über sich erzählt. Armin Falk leitet das Institut für Verhaltensökonomik und Ungleichheit (briq). Außerdem ist er Direktor des Labors für Experimentelle Wirtschaftsforschung, sowie Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn.

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Die Identität bleibt stets schützenswert

Zugehörigkeit gibt einem Menschen das Gefühl, Teil von Gemeinschaften zu sein. Thomas W. Albrecht nennt Beispiele: „Dazu zählen deine Familie, dein berufliches Umfeld, dein Sportverein, deine Nachbarn und deine Mitmenschen, die Gesellschaft, in der du lebst und die gesamte Menschheit.“ Es bettet das Individuum mit seiner Identität in etwas ein, es gibt ihm einen Rahmen, in dem es mit seiner Identität Sinn stiftet. Es gibt die Antwort auf die Frage: „Für wen bin ich da?“ Die Spiritualität bezieht sich auf das Gefühl, Teil eines größeren, über die Gemeinschaft hinausgehenden Systems zu sein – einem System, das umfassend ist. Spiritualität gibt die Antwort auf die Fragen: „Um was geht es mir wirklich?“, „Was ist der Sinn meines Lebens?“ Thomas W. Albrecht ist Experte für Kommunikation und Rhetorik.

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Es gibt ein Modell der neurologischen Ebenen

Thomas W. Albrecht betont: „Wir können ausschließlich das Verhalten anderer Menschen beobachten. Das Verhalten ist das einzige, was wir sehen und wahrnehmen. Wir können beobachten, hören Geräusche und Sprache und fühlen Berührungen und Nähe.“ Das Modell der neurologischen Ebenen erklärt, wo die Unterschiede zwischen Identität und Verhalten liegen. Robert Dilts entwickelte sie Mitte der 1980er-Jahre. Sie bauen aufeinander auf und beeinflussen einander. Dazu gehören erstens die Umgebung und Umwelteinflüsse, zweitens das Verhalten, drittens Ressourcen und Fähigkeiten, viertens Werte, Überzeugungen und Glaubenssätze, fünftens die Identität, sechstens die Zugehörigkeit und siebtens die Spiritualität. Die neurologischen Ebenen geben Menschen eine Struktur. Sie helfen ihnen ihre Sinneswahrnehmungen, ihr Verhalten, ihre Gedanken und damit verbundenen Denkmuster zu unterscheiden und zu verändern. Thomas W. Albrecht ist Experte für Kommunikation und Rhetorik.

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Männer haben viel Terrain verloren

Der Schriftsteller Stefan Zweig sagte: „Jede Widerstandsgeste ohne Risiko ist nichts als Geltungssucht.“ Heute gibt es Menschen, die jeden Trend mitmachen, weil sie das Neue grundsätzlich interessanter als das Alte finden. Tobias Haberl hat immer nur das Wahrhaftige interessiert, egal, ob es alt oder neu ist. Er ist seit Jahren elektrisiert von der Gender- und Identitätsdebatte, fühlt sich mal zu Recht, mal zu Unrecht angeklagt. Viele Vorwürfe gegen traditionelle Männlichkeit teilt Tobias Haberl, andere findet er überzogen. Leider wird die Debatte von vielen Selbstdarstellern geführt, die in einer Eskalationssymbiose aneinandergekettet sind. Die einen schreien: „Männer sind dominant und gewalttätig!“ Die anderen schreien zurück: „Feministinnen sind hysterisch und sehen scheiße aus!“ Tobias Haberl schreibt für das „Süddeutsche Zeitung Magazin“. Sein letztes Buch „Die große Entzauberung – Vom trügerischen Glück des heutigen Menschen“ wurde ein Bestseller.

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Der Charakter macht den Menschen aus

In der Philosophie behandelt man die Frage „Welche Eigenschaft darf ich nicht verlieren, um weiterhin als Person zu existieren?“ unter dem Thema „personale Identität. Dabei geht es nicht um die Gruppenzugehörigkeit wie bei der Identitätspolitik. Sondern es geht darum, was einen Menschen über einen längeren Zeitraum zu derselben Person macht. Wenn sein moralischer Charakter einen Menschen als Person ausmacht, dürfte er ihn nicht verlieren, denn das käme dem Sterben gleich. Selbst wenn der Körper beispielsweise im Koma weiterexistierte. Philipp Hübl ergänzt: „Meine Arme und Beine hingegen könnte ich verlieren und wäre immer noch dieselbe Person. Nur eben mit einem veränderten Körper.“ Was also macht die Identität eines Menschen aus? Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).

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