Negative Beziehungen funktionieren nicht

Manchmal stellt man fest, dass man ein Objekt oder ein Subjekt begehrt, welches man jedoch nie als solches ergreifen oder besitzen kann. Man wird dann zwangsläufig mit der Nichtigkeit und Leere konfrontiert, die mit einer Aneignung des Ersehnten einherginge. Eine derartige Negativität ist für Eva Illouz eine positive Bewegung des Selbst. Und zwar in dem Sinne, dass es sich durch eine Projektion auf das Begehren eines anderen entfaltet, den es absorbieren oder mit dem es kämpfen will, und insofern bringt diese Negativität sowohl Identität als auch soziale Bindungen hervor. Mit „negativen Bindungen“ meint Eva Illouz hier allerdings und contra Hegel etwas anderes. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.

Das Selbst entzieht sich dem Mechanismus der Anerkennung

„Negativ“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass das Subjekt aufgrund der Struktur seines Begehrens „keine Beziehung will oder nicht in der Lage ist, Beziehungen aufzubauen“. Eva Illouz erläutert: „In einer negativen Bindung entzieht sich das Selbst schlechterdings dem Mechanismus der Anerkennung. Es ist dies eine Bindung, bei der kein Versuch unternommen wird, die Subjektivität eines anderen zu entdecken, zu erkennen, sich anzueignen und zu bezwingen.“

In negativen Bindungen sind andere Menschen Mittel zur Selbstentfaltung und zur Bestätigung der eigenen Autonomie – nicht Gegenstand von Anerkennung. Jean-Paul Sartres Begriff des „Nichts“ ist hier tatsächlich von Nutzen, obwohl er ursprünglich einer anderen Reihe von Problemen diente. Eine negative Beziehung gleicht einer vergeblichen Suche nach einer bestimmten Person in einem Ensemble von Menschen, Artefakten, Räumen; sie ist das Gefühl dieser Abwesenheit und der Unbestimmtheit der eigenen Absichten und Begierden.

Der andere wird als abwesend wahrgenommen

Eva Illouz stellt fest: „Eine negative Beziehung ist somit kein freiwilliger Verzicht auf Sex oder Liebe aufgrund eines höheren Gebots.“ Sie ist vielmehr die Wahrnehmung eines abwesenden anderen inmitten der anhaltenden unüberhörbaren Präsenz vieler anderer und die Wahrnehmung der Unbestimmtheit der eigenen Ansichten. Eine weitere Bedeutung von „negativ“ stammt von Martin Heidegger. Um das unproblematische Verhältnis des Menschen zur Welt zu charakterisieren, bedient sich Heidegger des Bilds eines Hammers.

Ein Mensch hämmert etwas und ist sich des Hammers und seines Vorhabens, etwas an diesem Stück Holz festzunageln, kaum bewusst. Wenn aber etwas schiefgeht und der Hammer zerbricht oder man den Nagel verschlägt, achtet man schlagartig auf das, was man da tut, und sieht sich selbst in neuer Weise. In diesem neuen Sinn von „negativ“ funktionieren bestehende Beziehungen nicht, wie sie sollten, daher erzwingen sie die persönliche Aufmerksamkeit, werden zu einem Gegenstand, den man zornig anstarren, über den man diskutieren oder sich den Kopf zerbrechen kann. Quelle: „Warum Liebe endet“ von Eva Illouz

Von Hans Klumbies

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