Wenn in den Neunzigerjahren ein Lehrer einen Schüler schlug, verurteilte man das einhellig als „Aggression“. Heute kann es schon als „Mikroaggression“ gewertet werden, wenn ein Lehrer lediglich übersieht, dass sich ein Schüler meldet. Philipp Hübl ergänzt: „Zählten früher ausschließlich körperliche Angriffe als Gewalt, werden heute auch Beleidigungen oder Witze als verbale Gewalt klassifiziert. Dass Beleidigungen für sich genommen moralisch falsch sind, steht außer Frage, doch sind nun eben in die Gewaltkategorie gerutscht.“ „Missbrauch“ bezeichnete einst körperliche Gewalt oder sexuelle Nötigung, inzwischen kann auch Vernachlässigung als „Missbrauch“ zählen. Natürlich ist Vernachlässigung ebenfalls moralisch falsch, und man kann auch ein Nicht-Tun verantwortlich sein, beispielsweise für unterlassene Hilfeleistung. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).
Trauma
Begegnungen können sogar das Leben retten
Man kann nicht über die entscheidende Rolle von Begegnungen in seinem Leben sprechen, ohne an solche zu erinnern, die einem buchstäblich das Leben retten. Charles Pépin ergänzt: „Eine Begegnung kann uns das Leben auch unter weniger außergewöhnlichen Umständen, ohne heroische Tat retten. Das kann ein Arzt sein, der unsere Krankheit rechtzeitig diagnostiziert, eine Therapeutin, die als „Verbündete“ ein erlösende Wirkung hat, oder eine Person aus unserem näheren Umfeld.“ Der französische Neurologe und Psychiater Boris Cyrulnik nennt sie „Resilienzhelfer“, die durch Fürsorge, Achtsamkeit und Liebe, die sie einem Menschen entgegenbringen, ihm helfen kann, wieder auf die Beine zu kommen. Boris Cyrulnik hat das Konzept der „Resilienz“ bei der amerikanischen Entwicklungspsychologin Emmy Werner entdeck. Charles Pépin ist Schriftsteller und unterrichtet Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
Das Ressentiment zehrt und bohrt
Max Scheler hat das Ressentiment 1912 in einem Essay mit großer Klarheit definiert. Er schreibt: „Es ist das wiederholte Durch- und Nachleben einer bestimmten emotionalen Antwortreaktion gegen einen anderen […], durch die jene Emotion eine gesteigerte Vertiefung und Einsenkung in das Zentrum der Persönlichkeit sowie eine damit einhergehende Entfernung von der Ausdrucks- und Handlungszone der Person erhält.“ Der Schlüsselbegriff, um die Dynamik des Ressentiments zu verstehen, ist für Cynthia Fleury das wiederholte Durch- und Nachleben. Dabei handelt es sich ihrer Meinung nach um etwas, das durchgekaut und wiedergekäut wird, übrigens mit der charakteristischen Bitterkeit einer vom Kauen ausgelutschten Speise. Die Philosophin und Psychoanalytikerin Cynthia Fleury ist unter anderem Professorin für Geisteswissenschaften und Gesundheit am Conservatoire National des Arts et Métiers in Paris.
Das Trauma der Geburt besteht lebenslang
Der erste Schrei eines Neugeborenen ist Ausdruck von Verlust, Trennung, Vereinzelung und Todesangst. Der Psychoanalytiker Otto Rank hat in diesem „Trauma der Geburt“ den Verlust einer embryonalen „Urlust“ und Wurzel aller Ängste gesehen, die der Mensch in seinem späteren Leben entwickelt. Albert Kitzler ergänzt: „Erst wenn die Hebamme das Neugeborene auf den Bauch der Mutter legt, hört es auf zu weinen, weil es wiedervereinigt ist mit dem, woher es kommt.“ Viele Impulse, Regungen und Empfindungen hat der Fötus über die Blutbahn der Mutter, ihre Bewegungen und Gefühle über das gemeinsame Netzwerk des Hormon-, Nerven- und Immunsystem erhalten und gespeichert. Der Philosoph und Medienanwalt Dr. Albert Kitzler gründete 2010 „Maß und Mitte – Schule für antike Lebensweisheit und eröffnete ein Haus der Weisheit in Reit im Winkl.
Im Krieg erlebt man nicht nur ein Trauma
Gerlinde Felix stellt fest: „Ein Trauma liegt laut dem US-amerikanischen Diagnose Manual (DSM-5) vor, wenn eine Konfrontation mit dem Tod, Verletzung, Verlust oder sexueller Gewalt passiert ist.“ „Und zwar auch dann, wenn es der Person nicht selbst passiert ist, sie aber Zeuge wurde, wie jemand es erleben musste“, sagt Meryam Schouler-Ocak. Im Krieg erlebe man nicht nur ein Trauma, sondern eine Aneinanderreihung von traumatisierenden Erlebnissen. Es würden täglich welche dazukommen. Die sogenannte traumatische Zange spielt dabei eine Rolle, bestehend aus überflutender Todesangst, dem Gefühl, einer Situation nicht entfliehen zu können, und dem Gefühl des Ausgeliefertseins, also der persönlichen Ohnmacht. Flashbacks sind die Folge einer fehlerhaften Abspeicherung von Erinnerungen an das traumatische Erlebnis im Gehirn. Die ersten Tage nach dem Trauma seien die Schockphase.
Gaslighting kommt häufig vor
Eine besondere Form der Traumatisierung, die häufiger vorkommt, als man gemeinhin annehmen würde, ist das sogenannte „Gaslighting“. Damit sind gegenüber einer Person über längere Zeit ausgeübte krasse Einschüchterungen mit einem hohen Maß an verbaler, manchmal auch körperlicher Gewalt gemeint. Joachim Bauer erläutert: „Die Gewalt besteht darin, dass der betroffenen Person vom Täter ständig zurückgemeldet wird, ihre Wahrnehmungen seinen falsch. Dinge hätten sich anders zugetragen, als vom Opfer erinnert.“ Auch den auf den gegenwärtigen Moment bezogenen Wahrnehmungen des Opfers widerspricht der Täter systematisch. Derartige Erfahrungen seelischer Folter, die in Partnerschaften, aber auch am Arbeitsplatz vorkommen können, haben zur Folge, dass das Selbst einer Person seiner Rolle als Akteur beraubt wird. Dies führt zu einer massiven Verunsicherung und psychischen Lähmung. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Traumata sind sehr weit verbreitet
Ein Trauma ist ein Ereignis, das die eigene Fähigkeit, es zu bewältigen, übersteigt und bei dem man niemanden hat, der einen beschützt. Kinder sind ständig überfordert, aber dann heben ihre Eltern sie hoch, trösten sie kümmern sich. Bessel van der Kolk warnt: „Wenn man jedoch allein ist und ein tiefes Gefühl des Schreckens und der Hilflosigkeit erlebt, besteht die Gefahr, dass man darin stecken bleibt.“ Wenn so ein Trauma das zentrale Nervensystem überwältigt, dann wird es zur endlosen Episode. Dann reagiert der Betroffene körperlich und mit seinem hormonalen Stresssystem weiter so, als ob das Trauma immer noch stattfände. Bessel van der Kolk meint damit das, was man als „Flashbacks“ bezeichnet. Der Mediziner Bessel van der Kolk forscht seit Jahrzehnten an der Behandlung von Traumata.
Gewaltakte führen zu Traumatisierungen
Die unverhohlenste Form einer Traumatisierung sind auf den Körper eines Opfers massiv einwirkende oder in ihn eindringende Gewalthandlungen. Joachim Bauer erläutert: „Im Moment des Gewaltakts erkennt das Selbst des Opfers seine Machtlosigkeit und gibt auf.“ Wenn Überwältigungen längere Zeit anhalten, kann es vorkommen, dass die Opfer mit den Tätern ein Bündnis eingehen, ein als Stockholm-Syndrom bezeichneter Vorgang, der zunächst paradox erscheint. Die Erklärung für dieses Syndrom ist, dass die Täter mit kriminellen Teilen ihres Selbst-Systems, welche das Kommando über die Ausführung der Tat haben, in das Selbst-System des Opfers eindringen und dieses kapern. Die für diese vermeintliche Verrücktheit verantwortliche Grundlage ist die neuronale Ich-Du-Koppelung im Frontalhirn. Das Du kann also nicht nur die Macht im eigenen Haus übernehmen, wenn es vom Ich – wie bei der Verliebtheit – dazu eingeladen wird. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Nicht jede Kränkung führt zu einem Trauma
Joachim Bauer betont: „Nicht jede Widrigkeit ist ein Trauma, auch wenn heute eine Tendenz zu beobachten ist, jede Kränkung oder Verletzung, jeden Unfall oder jede unerwartete Veränderung zu einem Trauma zu erklären.“ Ob eine Erfahrung ein Trauma ist oder nicht, entscheidet sich daran, ob das Selbst durch eine extreme Erfahrung völliger Hilflosigkeit seiner Möglichkeiten als Akteur vollständig beraubt und dadurch dauerhaft geschwächt wurde. Das menschliche Selbst ist, ein Lebewesen eigener Art, ein Lebewesen im Lebewesen Mensch. Wie die Heldin oder der Held eines Märchens durchläuft es eine Kindheit, wird groß, versucht sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, zieht in die Welt hinaus, erlebt Prüfungen, Siege, Erschütterungen und Niederlagen. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Ein Vertrauensbruch wirkt lange nach
Posttraumatische Reaktionen können über Tage, Monate und sogar Jahre andauern. Obwohl nicht alle Traumata gleich sind, sind doch die traumatischen Symptome erkennbar gleich. Traumatisierte Partner, die sich von einem unvorstellbaren Betrug durch einen geliebten Menschen erholen, weisen das obsessive Bedürfnis auf, die Geschichte mit all ihren Details zu hören. Shirley P. Glass erklärt: „Ihre übermäßige Wachsamkeit bei der Beobachtung ihrer Umwelt und ihres Partners entsteht durch die realistische Angst davor, nochmals verwundet zu werden.“ Flashbacks werden durch minimale Reize ausgelöst, die wie ein Echo den Moment der persönlichen Vernichtung wiederholen. Bewältigungsstrategien müssen einerseits diese Symptome überprüfen und andererseits Methoden bieten, sie in Grenzen zu halten und damit umzugehen. Dr. phil. Shirley P. Glass war niedergelassene Psychologin und Familientherapeutin. Sie starb im Jahr 2003 im Alter von 67 Jahren an einer Krebserkrankung.