In einer hochentwickelten Gesellschaft beruhen gute Beziehungen auf Anerkennung. Diese ist erheblich schwieriger zu geben und anzunehmen als etwa das Teilen der Beute in einer Jägerkultur oder die Versorgung der gebrechlichen Eltern mit Nahrung. Wolfgang Schmidbauer weiß: „Da beide Seiten wenig Gelegenheit haben, ihre Dankesschulden durch körperliche Präsenz und physische Gaben abzugelten, kommen Eltern ebenso wie Kinder in die familientherapeutische Praxis, wenn die Kränkungen überhandnehmen, insbesondere dann, wenn eine imaginäre Schuld nicht nur ignoriert wird, sondern Gegenforderungen auftauchen: Nicht ich bin dir, nein, du bist mir etwas schuldig geblieben.“ Wenn ein Therapeut unsicher ist, ob seine Arbeit Früchte trägt, wenn er an sich selbst zweifelt und diesen Zweifel nicht sinnvoll findet und produktiv nutzt, sondern mit Schuld- und Schamgefühlen auf ihn reagiert, dann stehen ihm zwei Auswege offen. Wolfgang Schmidbauer gilt als einer der bekanntesten Psychoanalytiker Deutschlands.
Eltern
Erziehung ist ein Phänomen der Generationen
Der Wandel des Erziehungsstils ist notwendigerweise in den Verarbeitungschancen begründet, die jeder Generation zur Verfügung stehen sowie ihren gemeinsamen Erlebnissen und den daraus entstehenden Sichtweisen auf die Welt. Rüdiger Maas fügt hinzu: „Aber nicht nur: Wichtig ist auch, dass man auf den Spuren des Erziehungsstils sogenannte Interaktionseffekte berücksichtigt: Unter einem Interaktionseffekt versteht man in der Generationenforschung die Beeinflussung einer Generation durch eine andere.“ Was also für Eltern wichtig ist, kommt wiederum von ihren eigenen Eltern und wird sich über die Erziehung auch auf ihre Kinder übertragen und auswirken. Erziehung ist also ein Phänomen der Generationen. Die meisten Kinder, die in den 1940er-Jahren groß wurden, hatten in ihrer Kindheit nicht viel. Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer und Leiter eines Instituts für Generationenforschung.
Kinder beklagen sich über ihre Eltern
Die meisten Menschen suchen Kontakte mit Personen, die ihnen gut tun und meiden Mitmenschen, die sie kränken. Wolfgang Schmidbauer weiß: „Kinder und Eltern verhalten sich oft gänzlich anders. Sie suchen, längst erwachsen und wirtschaftlich getrennt, immer noch nach Nähe und klagen über einen Mangel an Aufmerksamkeit.“ Sie weisen Geschenke zurück, die sie von anderen annehmen würden. Sie wollen verstanden werden. Der Gedanke, dass Eltern nicht nur körperliche Bedürfnisse befriedigen und die Kinder in der Anpassung an die gesellschaftliche Realität unterstützen, sondern sie verstehen und glücklich machen, hat durchaus zweischneidige Folgen. Eltern ahnen oft nicht, welche Macht ihnen zugeschrieben wird. Sie sind hilflos gegenüber Aktionen des erwachsenen Kindes, die sich gegen eine Besatzungsmacht richten, von der die Eltern gar nicht wissen, dass sie existiert. Wolfgang Schmidbauer gilt als einer der bekanntesten Psychoanalytiker Deutschlands.
Kinder brauchen klare Regeln und Grenzen
Das Verhalten von Eltern, ihre Kinder auf Augenhöhe behandeln zu wollen, fußt auf einem Trugschluss, wie Psychologen wissen. Rüdiger Maas erklärt: „Eltern handeln nach dem Gefühl, dass klare Regeln und Grenzen für ihre Kinder frustrierend seien. Ihr Ziel dabei ist, dass die Kinder zufrieden und glücklich sind.“ Allerdings ist das der falsche Ansatz dafür, weil die Kinder so niemals die Erfahrung machen können, wie es ist, eigene Fehler einzugestehen und Probleme eigenständig zu bewältigen. Folglich sinkt die Frustrationstoleranz der Kinder weit nach unten. Denn alles, was sich die Kinder wünschen, servieren ihnen die Eltern – eben aus der Angst heraus, ihren Kindern mit harten Vorgaben und Regeln das Leben schwer zu machen. Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer und Leiter eines Instituts für Generationenforschung.
Technologien verschlingen Eltern und Kinder
Wenn Jonathan Haidt mit den Eltern von Jugendlichen redet, kommt das Gespräch oft auf Smartphones, soziale Medien und Videospiele. Die Geschichten, die Eltern ihm erzählen, weisen in der Regel einige Muster auf. Eines davon ist die Geschichte vom „ständigen Konflikt“. Jonathan Haidt erläutert: „Eltern versuchen, Regeln festzulegen und Grenzen zu ziehen und durchzusetzen. Doch es gibt so viele elektronische Geräte, so viele Argumente dafür, dass die Regeln gelockert werden müssen, und so viele Möglichkeiten, die Regeln zu umgehen, dass das Familienleben mehr und mehr vom Streit um Technologien beherrscht wird.“ Familienrituale und grundlegende menschliche Beziehungen aufrechtzuerhalten, kann sich anfühlen, als müsste man einer ständig steigenden Flut widerstehen, einer Flut, die Eltern wie auch Kinder verschlingt. Jonathan Haidt ist Professor für Sozialpsychologie an der New York University. Seine Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen.
Die Erziehung benötigt Regeln
Rüdiger Maas erläutert: „Sozialisation beschreibt die Einpassung eines Menschen in die Gesellschaft, in die gesellschaftlichen Werte, Normen und Verhaltensweisen.“ Regeln in der Erziehung erleichtern Kinder später einmal den Weg durch die verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen. Regeln sind aber auch wichtig für den Selbstschutz. Wenn Kinder die Erfahrung machen, dass ihnen nicht permanent alle Wünsche wie auf Knopfdruck erfüllt werden, lernen sie, Bedürfnisse zu verschieben und ihre eigenen Impulse zu kontrollieren. Impulskontrolle ist wichtig, um sich nicht spontan einer Aktion oder Handlung hinzugeben, die man vielleicht im Nachhinein bereuen würde oder mit der man anderen Menschen Schaden zufügt. Lernt ein Kind das, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass es einfach mal „draufhaut“, wenn ihm etwas nicht passt. Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer und Leiter eines Instituts für Generationenforschung.
Kinder brauchen liebevolle Resonanz
Joachim Bauer betont: „Liebevolle Spiegelung und Resonanz in den ersten Lebensmonaten. Inspirierende Angebote und Vorbilder in den Kinderjahren. Schließlich die in den Jahren der Adoleszenz an Heranwachsende adressierte Ermutigung, sich etwas abzufordern und sich anzustrengen, sind das Gelée royale für den sich entwickelnden jungen Menschen.“ Die elterliche Fürsorge kümmert sich nicht um die Entstehung eines kindliches Selbst per se. Eltern und andere Bezugspersonen geben diesem Selbst über den Weg des vertikalen Selbst-Transfers auch einen Inhalt. Sie adressieren das Kind mit unzähligen Signalen, insbesondere solchen des Willkommenseins, der Distanz oder der Ablehnung. Diese Signale sagen dem Kind, wer es ist. Darüber hinaus geben Bezugspersonen ihre impliziten Grund- und Wertehaltungen an das Kind weiter. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Kinder brauchen Zuwendung und Lenkung
In der Pädagogik benennt man zwei Dimensionen, die das elterliche Erziehungsverhalten kennzeichnen: Die Zuwendung und die Strukturierung oder Lenkung. Rüdiger Maas erläutert: „Zuwendung beschreibt die Bereitschaft und die Fähigkeit der Eltern, auf die Signale und Bedürfnisse des Kindes einzugehen. Lenkung oder Strukturierung meint das Maß, in welchem Eltern klare Anforderungen und Erwartungen an das Kind stellen. Die Art und Weise, wie Eltern Zuwendung und Lenkung kombinieren, bildet deren Erziehungsstil.“ Die amerikanische Psychologin Eleanor Maccoby und der Psychologe Martin haben bereits im Jahr 1993 herausgefunden, dass ein hohes Maß an Zuwendung, kombiniert mit einem hohen Maß an Lenkung am günstigsten für die kindliche Entwicklung ist. Diesen Erziehungsstil nennt man auch autoritativ. Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer und Leiter eines Instituts für Generationenforschung.
Begegnungen verändern die Innenwelt
Der innere Wandel, den Begegnung bewirkt, kann auch moralischer Natur sein. Charles Pépin erklärt: „Weil ich dir begegnet bin, weil wir uns plötzlich gegenüberstanden und mich deine Zerbrechlichkeit berührt hat, wurde ich von meinem natürlichen Egoismus oder zumindest von meiner Gleichgültigkeit losgerissen.“ Man fühlt sich dadurch für einen anderen als sich selbst verantwortlich. Die Begegnung mit einem Anderen offenbart die eigene Person als moralisches Wesen. „Sprechen heißt den Anderen erkennen und sich ihm gleichzeitig zu erkennen geben“, schreibt Emmanuel Lévinas in „Schwierige Freiheit“. Die eigene Verantwortung beginnt in dem Moment, in dem wir mit dem Anderen ins Gespräch kommen. Die banalste Frage könnte auf etwas Wichtiges hinauslaufen. Charles Pépin ist Schriftsteller und unterrichtet Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
Ein System kann schnell ins Wanken geraten
Durch eine einzelne Aktion, ähnlich wie beim Wischen auf dem Smartphone, kann ein ganzes System ins Wanken geraten. Der Neurowissenschaftler und Psychiater Manfred Spitzer bezeichnet dieses Phänomen als „Schwarmdummheit“. Er erklärt: „Schwarmdummheit bezeichnet das Auseinanderfallen eines Kollektivs von Menschen durch übermäßige Kommunikation.“ Manfred Spitzer leitet diesen Begriff von Fischschwärmen her. Auf Menschen ist dieses Prinzip allerdings nur begrenzt anwendbar, weil Menschen durch ihre Kommunikation dieses Kollektiv in Gefahr bringen. Rüdiger Maas erläutert: „Der Grund hierfür liegt in der Sozialpsychologie: Werden Meinungen in Gruppen geteilt, können diese andere Menschen in ihren Meinungen und Äußerungen beeinflussen.“ So erhält man verzerrte Bilder der Realität und nicht das „intelligente“ Abbild der Statistik. Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer und Leiter eines Instituts für Generationenforschung.