Rache soll den Selbstwert wieder herstellen

Reinhard Haller weiß: „Da Lieblosigkeiten, Benachteiligungen oder Entwertungen als Angriff auf den Kern der Persönlichkeit empfunden werden, soll durch Rache der Selbstwert wiederhergestellt und das ramponierte Selbstvertrauen verbessert werden.“ Der spätere Rächer, anfangs Opfer, führt sich durch eine gegen ihn gerichtete Ungerechtigkeit tief verletzt und sieht sich durch das Erleben seiner Erniedrigung, Schwächung und Hilflosigkeit gedemütigt. Wenn er nicht niedergeschlagen – im wahrsten Sinne des Wortes – bleiben will, muss er alles tun, um seine frühere Stärke wieder zu erlangen. Einer der am meisten begangenen Wege dazu ist jener über die Rache, mit der man das Gleichgewicht zum jetzt mächtiger gewordenen Schädiger einpendeln und die eigene Erniedrigung oder Schwächung beheben will. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).

Weiterlesen …

Die Moral besitzt eine emotionale Sprengkraft

Die emotionale Sprengkraft der Moral entlädt sich deshalb so leicht, weil sie bloß, wenn man es juristisch ausdrücken wollte, über eine „dezentrale“ Form der Durchsetzung verfügt. Alexander Somek erläutert: „Die Moral ist „subjektiv“ in dem Sinne, als letztlich die verletzte Person selbst bestimmt, unter welchen Bedingungen sie sich für verletzt erachtet. Das schließ nicht aus, dass die von „wohlmeinenden“ anderen dazu angestachelt wird.“ Wenn man solcherart zum Adressaten moralischer Vorwürfe wird und diese für unbegründet oder unsinnig hält, ist es am klügsten, den Kontakt mit der urteilenden Person abzubrechen. Schwieriger ist es dann, wenn man eine Beziehung weiterführen will oder muss. Alexander Somek ist seit 2015 Professor für Rechtsphilosophie und juristische Methodenlehre an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

Weiterlesen …

„Auge um Auge – Zahn um Zahn“

Das Talionsprinzip oder „ius talionis“, kurz auch „Talion“ genannt, ist ein Rechtsgrundsatz, nach welchem zwischen dem vom Opfer erlittenen Schaden und jenem, der dem Täter als Strafe zugefügt wird, ein Gleichgewicht hergestellt werden soll, ganz nach dem alttestamentarischen Motto „Auge um Auge – Zahn um Zahn“. Reinhard Haller weiß: „Der Grundsatz des Eintreibens eines gleichartigen Ausgleichs lässt sich geschichtlich weit zurückverfolgen.“ Als erster Beleg gelten die Worte in der Sammlung von Rechtssätzen des sumerischen Königs Ur-Nammu (2112 – 2095 v. Chr.): „Wenn ein Mann einen Mord begangen hat, soll besagter Mann getötet werden.“ Es geht also um Vergeltung im Sinne eines Ausgleichs, ganz nach dem Prinzip „wie du mir – so ich dir“. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).

Weiterlesen …

Erlebte Ungerechtigkeit führt zu Spannungen

Reinhard Haller weiß: „Gerechtigkeit wird in den meisten Kulturen als Leittugend schlechthin gesehen und das Streben nach Gerechtigkeit als zentraler Aspekt des sozialen Zusammenlebens und des Menschseins überhaupt interpretiert.“ Erlebte Ungerechtigkeit führt immer zu Spannungen. Individuell können psychische Probleme wie Grübeleien, Depressivität, sozialer Rückzug, Reizbarkeit, Aggressivität, aber auch Selbstzweifel, Zwangsgedanken und Missbrauch von Alkohol und Medikamenten, eingesetzt zur inneren Stabilisierung und Dämpfung der Aggressionsimpulse, die Folgen sein. Sieht ein Mensch sein Gerechtigkeitsgefühl verletzt, kämpft er mit vielen Mitteln dagegen an und fühlt sich dazu berechtigt, sich zu wehren, besonders durch Vergeltung und Rache. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).

Weiterlesen …

Gerechtigkeit zählt zu den wichtigsten Werten

Die wahrscheinlich wichtigste Wurzel von Rachegefühlen und -gedanken liegt in der Verletzung des Gerechtigkeitsgefühls. Dieses ist tief in der menschlichen Psyche verankert und eine wesentliche Voraussetzung für ein positives Selbstbild. Reinhard Haller erklärt: „So gehört Gerechtigkeitsempfinden zu den heikelsten psychischen Funktionen, und Gerechtigkeit gehört zu den wichtigsten menschlichen Werten.“ Sie gilt in den meisten Religionen als göttliche Eigenschaft und wird als Grundlage jedes funktionierenden Staatensystems gesehen. Platon bezeichnete sich als wichtigste aller Tugenden, da sie die drei übrigen Kardinaltugenden – Tapferkeit, Besonnenheit, Weisheit – in sich vereine und sogar Voraussetzung für ein glückliches Leben jedes Einzelnen und aller Gemeinschaften sei. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).

Weiterlesen …

Genugtuung hat mit Rehabilitierung zu tun

„Sie müssen mir volle Genugtuung leisten“, lautet eine mehr oder weniger unverblümte Rachedrohung. Reinhard Haller erläutert: „Diese spricht weniger den Wunsch nach Strafe und Wiederherstellung der Gerechtigkeit an, als vielmehr den Lustaspekt und gleichzeitig die letzte gemeinsame Strecke: Das Erlangen von Genugtuung.“ Genugtuung hat mit Rehabilitierung, Wiederherstellung des eigenen Rufes, Eigenstärkung und Befriedigung zu tun, weniger mit gestilltem Aggressionstriebe und Machtbedürfnissen. Fast alle Menschen wissen aus eigener Erfahrung, dass Rache zumindest im Augenblick guttut, vor allem, wenn sie das eigene Gerechtigkeitsgefühl befriedigt und den ramponierten Selbstwert stärkt. Allerdings kommt sofort die Frage auf, ob dieses als positiv erlebtes Gefühl von Dauer ist, ob die eigene Welt durch die Rache wieder kontrollierbarer ist und ob das Selbstwertgefühl anhaltend gehoben werden konnte. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).

Weiterlesen …

Die Rache ist eine besondere Form der Hoffnung

Beim Ressentiment handelt es sich oft um eine Nicht-Reaktion, um den Verzicht auf eine Reaktion. Man muss die Zeit „ausgesetzt“ haben, um besser und dauerhafter hassen zu können. Cynthia Fleury fügt hinzu: „Man muss sich diese ganz besondere Form von Hoffnung, die die Rache darstellt, zu eigen machen, auch hier eine verdorbene Hoffnung, deren belebende Kraft jedoch sehr heftig werden kann.“ Letztlich ist das Ressentiment nicht einfach eine Re-Aktion, sondern offenbart das wiederholte Durch- und Nachleben. Es ist nicht leicht, zwischen einer Definition des Ressentiments zu wählen, die es auf die Seite des „Unvermögens zu“ stellt, und einer anderen, die schließlich einräumt, dass es eine Entscheidung für das „Unvermögen zu“ gibt. Die Philosophin und Psychoanalytikerin Cynthia Fleury ist unter anderem Professorin für Geisteswissenschaften und Gesundheit am Conservatoire National des Arts et Métiers in Paris.

Weiterlesen …

Rache ist keine Krankheit

Manchmal setzen Menschen Krankheiten und Krankheitssymptome unbewusst zur Rache ein. Reinhard Haller erklärt: „Mit den Symptomen psychischer Leiden lässt sich nicht nur Macht ausüben, sondern sie können auch als Rachewerkzeuge eigesetzt werden.“ Dies sieht man etwa bei magersüchtigen Patienten, die instinktiv spüren, wie sehr allein die Essensverweigerung die Angehörigen belastet und wie viel Sorge eine neuerliche Gewichtsabnahme für die liebenden Mitmenschen bringen kann. Ähnliche Abläufe sieht man bei abstinenten Suchtpatienten, die sich an Eltern oder Partnern für Lieblosigkeiten oder Benachteiligungen rächen und diesen für sich selbst als verständliche Vergeltung rechtfertigen. Weil Rache jedoch keine Krankheit ist, können Rachemotive niemals Krankheitsauslöser sein. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).

Weiterlesen …

Rache soll der Gerechtigkeit Genüge tun

Reinhard Haller betont: „Von den pathologischen und bösen Motiven sind die das alltägliche Miteinander bestimmenden normalpsychologischen, durchgehenden Rachemotiven zu unterscheiden.“ Also alle jene, die bei jeder Vergeltungsaktion wirksam sind, zumindest im Hintergrund. Bei jeder Rache, egal, ob sie aus Neid, Hass oder Gekränktheit resultiert, sind die wesentlichen Motivationsfaktoren im Wiederherstellungsversuch des Selbstvertrauens sowie im Ausgleichsgedanken zu finden. Rache ist vielmehr ein primitiver Trieb denn ein humanes Bedürfnis – sie ist verbunden mit dem Verlangen nach Selbstwertstärkung und nach Gerechtigkeit. Daneben sind der Wunsch nach Bestrafung des Schädigers – dieser muss büßen und soll Sühne leisten – sowie das Ziel nach eigenem Schutz durch Abschreckung von Bedeutung. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).

Weiterlesen …

Die Rache ist ein äußerst vielfältiges Gefühl

Die Rache ist ein ungemein vielfältiges, nicht völlig durchschaubares und nur in Teilbereichen zu begreifendes Gefühl. Dies trifft auch auf die ihr zugrunde liegenden Ursachen und Motive zu. Reinhard Haller erläutert: „Diese sind oft ganz klar zu erkennen. Manchmal bleiben sie zweifelhaft, manchmal diffus. Nicht selten enthalten sie neben vordergründigen auch verdrängte Komponenten.“ Zu unterscheiden sind – auch bei der Rache – die Motive von den Ursachen, welche die sichtbaren äußeren Faktoren erfassen. Im Gegensatz dazu betrifft die Motivation die innere Seite, also das, was die rächende Person psychisch antreibt und zur Rache verlockt. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).

Weiterlesen …