Die meisten Streitigkeiten durchlaufen drei Phasen, die laut dem Konfliktforscher und Psychologen Friedrich Glasl überall auf der Welt zu finden sind. Helga Kernstock-Redl erklärt: „Zu Beginn geht es um die Klärung von Differenzen und Sachfragen, Argumente werden genannt, eine intensive, vielleicht durchaus leidenschaftlich geführte „Diskussion mit Gefühl“ läuft ab.“ Von Schuld- und Opfergefühlen ist keine Rede, es geht um Fragen wie zum Beispiel: „Wie finden wir eine Lösung? Was ist der beste Kompromiss? Wie kann ich meine Ansicht durchsetzen?“ Falls es nicht gelingt, fallen erste Anschuldigungen, das Thema „Gerechtigkeit“ kommt ins Spiel. In Phase zwei, dem „Gerechtigkeitskampf“ treten die ursprünglichen, vielleicht sachlichen Differenzen oder Ziele Schritt für Schritt in den Hintergrund. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Opfer
„Auge um Auge – Zahn um Zahn“
Das Talionsprinzip oder „ius talionis“, kurz auch „Talion“ genannt, ist ein Rechtsgrundsatz, nach welchem zwischen dem vom Opfer erlittenen Schaden und jenem, der dem Täter als Strafe zugefügt wird, ein Gleichgewicht hergestellt werden soll, ganz nach dem alttestamentarischen Motto „Auge um Auge – Zahn um Zahn“. Reinhard Haller weiß: „Der Grundsatz des Eintreibens eines gleichartigen Ausgleichs lässt sich geschichtlich weit zurückverfolgen.“ Als erster Beleg gelten die Worte in der Sammlung von Rechtssätzen des sumerischen Königs Ur-Nammu (2112 – 2095 v. Chr.): „Wenn ein Mann einen Mord begangen hat, soll besagter Mann getötet werden.“ Es geht also um Vergeltung im Sinne eines Ausgleichs, ganz nach dem Prinzip „wie du mir – so ich dir“. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).
Opfer erhalten soziale Wertschätzung
Wer sich glaubwürdig als Opfer gesellschaftlicher Unterdrückung zu repräsentieren vermag, darf mit besonderer sozialer Wertschätzung rechnen. Alexander Somek erläutert: „Ein Opfer verdient Aufmerksamkeit, Zuwendung und vielleicht sogar Unterstützung. Immerhin gehört es zum Opfersein, gelitten zu haben.“ Einem Opfer gebührt Kompensation oder wenigstens deren spiritueller Ersatz, die „Heilung“. Nicht zuletzt wegen der Leidzuschreibung begegnet man Opfern mit der Vermutung, sie hätten mit Widrigkeiten zu ringen oder mit ihnen einmal zu kämpfen gehabt. Ihre Widerstandskraft mag Bewunderung hervorrufen. Eine Person, die Opfer gewesen ist und es dennoch geschafft hat, als etwas zu gelten, muss wohl Ungewöhnliches geleistet haben. Sie hat „überlebt“. Wenn sie aus der Opfersituation heraus Erfolg und Prestige erntet, dann fällt der Abglanz des Heldentums auf sie. Alexander Somek ist seit 2015 Professor für Rechtsphilosophie und juristische Methodenlehre an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.
Das Opfergefühl lässt sich stoppen
Ähnlich wie Schuld- sind auch die hartnäckigsten Opfergefühle nicht immer vernünftig. Doch es gilt: Auch die unvernünftigen und irrationalen haben gute Gründe und meist das eigentlich ehrenwerte Ziel, das Gefühl von Gerechtigkeit wiederherzustellen. Es gibt Opfergefühle, die Katastrophenfantasien nähren. Helga Kernstock-Redl erklärt: „In diese Kategorie fallen Gefühle wegen Umständen, die nie geschehen sind, auch wenn es natürlich berechtigt ist sie zu denken.“ Nach dem Motto: „Furchtbares hätte mir da passieren können!“ Doch es war dann nicht und damit sind Opfergefühle nicht angemessen, selbst wenn die inneren Bilder Horrorfantasien liefern. Glücklicherweise ist es möglich, innere Bilder stoppen zu lernen, sie zu verändern oder sich einfach abzulenken. Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Jeder fühlt sich hin und wieder als Opfer
So manche psychische Schädigung ist die Folge einer langen Ereigniskette. Tausend einzelne, winzige Aktionen, Entscheidungen oder Zufälle haben zu einem unguten Ergebnis geführt. An jeder kleinen Kreuzung hätte es anders laufen können – ist es aber nicht. Leider. Helga Kernstock-Redl fügt hinzu: „An einigen Punkten der Kette waren Menschen beteiligt, die möglicherweise eine echte Teilschuld tragen. Anderes wieder ist ohne jede Wahl passiert, zufällig oder in einer Notlage.“ Ist es ein Vorteil, ein „Opfer“ zu sein? Helga Kernstock-Redl schickt voraus: „Niemand kommt durchs Leben, ohne sich hin und wieder als Opfer von Unrecht, als unschuldig geschädigt zu fühlen. Gut fühlt sich das selbstverständlich niemals an.“ Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Viele Menschen graben sich ihre Grube selbst
Jeder ist seines Glückes Schmied, so heißt es. Aber vor allem kennt man den umgekehrten Fall: Viele Menschen graben sich ihre Grube selbst. Fritz Breithaupt erläutert: „Das heißt nicht nur, dass wir unbeabsichtigt in die Fallen tappen, die wir anderen stellen. Vielmehr vertiefen wir unser Unglück immer wieder, indem wir unsere Weltsicht auf ein solches Unglück ausrichten.“ Wer kennt nicht einen Pessimisten, für den noch die beste Nachricht irgendwie zum Beleg seines Unglücks wird. Man möchte solch einen Pessimisten rütteln und schütteln, doch es würde nichts ändern. Sondern es würde ihm nur wieder bestätigen, dass alle gegen ihn sind, inklusive der Freunde, die ihn schütteln. Es ist offensichtlich nicht leicht, seine Muster zu ändern. Fritz Breithaupt ist Professor für Kognitionswissenschaften und Germanistik an der Indiana University in Bloomington.
Opfergefühle sollte man vermeiden
In einer bedrohlichen Umwelt ist es eine durchaus kluge Überlegung, ein Opfergefühl zu vermeiden oder zumindest sorgfältig zu verbergen. Raubtiere wählen die Angeschlagenen. „Du Opfer!“ gebraucht man deshalb in einigen Gruppierungen als Schimpfwort. Und so manche Führungskräfte müssen Niederlagen oder Schwächen wohl tatsächlich sorgfältig verbergen, wenn sie ihre Position behalten wollen. Helga Kernstock-Redl weiß: „Einige von uns haben die Opferposition regelrecht zu fürchten gelernt und verleugnen sie, auch vor sich selbst, oft zum Preis von künstlichem Dauerärger oder einer quälenden Schuldsuche.“ Die Entstehungsgeschichte dahinter aufklären, kann helfen, Altlasten abzulegen und neue Wege zu beschreiten. Psychologisch gefährlich werden kann die chronische Belastung bei Menschen, die jahrelang keinen Weg aus diesem Gefühl herausfinden. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Das Opfer des Schweigens hat keine Chance
Für ein Opfer wäre es leichter auszuhalten, wenn es von anderen kritisiert, beschimpft oder beleidigt werden würde. Denn selbst kränkende Zuwendungen sind nicht so verletzend wie der Stachel des Schweigens. Sogar Schimpfen und Streiten sind erträglicher als die eisige Missachtung. Reinhard Haller betont: „Schweigen bedeutet Schuldzuweisung, Anklage und Verurteilung in einem. Dies ohne Möglichkeit der Rechtfertigung, der Berufung oder der Wiedergutmachung. Das Opfer des Schweigens hat keine Chance.“ Werden äußere und viel mehr noch innere Konflikte nicht zu Wort gebracht, entwickelt sich eine ungeheure Dynamik mit der Entfachung aggressiver Emotionen und der Anstachelung negativer Fantasien. Diese beziehen sich zunächst auf das Verhalten des Schweigenden, auf seine vermuteten Motive und möglichen Beweggründe. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.
Es gibt drei Hauptformen der Aggression
Vor allem bei Liebespartnern schließen die Motive für Aggression und Gewalt auch Rache für emotionale Verletzungen, den Wunsch, die Aufmerksamkeit des Partners zu erhalten, sowie Eifersucht und Stress mit ein. Julia Shaw erläutert: „Wir tun denen, die wir lieben, aus sehr vielen Gründen weh. Einige dieser Gründe sind tief verwurzelt und schwer zu kontrollieren.“ Doch es gibt ein paar Dinge, die man kontrollieren kann. Damit verringert sich die Wahrscheinlichkeit, dass man aggressiv handelt. Zum Beispiel kann man einfach eine Kleinigkeit essen. Der Stil der Aggression scheint auch von dem jeweiligen Opfer abzuhängen. In ihrer Studie zu Aggressionen gegenüber Nahestehende stellten Deborah South Richardson und Green Folgendes fest: „Wenn Menschen wütend auf ihren Liebespartner oder Geschwisterteil sind, suchen sie wahrscheinlich die direkte Konfrontation.“ Julia Shaw forscht am University College London im Bereich der Rechtspsychologie, Erinnerung und Künstlicher Intelligenz.