Jeder fühlt sich hin und wieder als Opfer

So manche psychische Schädigung ist die Folge einer langen Ereigniskette. Tausend einzelne, winzige Aktionen, Entscheidungen oder Zufälle haben zu einem unguten Ergebnis geführt. An jeder kleinen Kreuzung hätte es anders laufen können – ist es aber nicht. Leider. Helga Kernstock-Redl fügt hinzu: „An einigen Punkten der Kette waren Menschen beteiligt, die möglicherweise eine echte Teilschuld tragen. Anderes wieder ist ohne jede Wahl passiert, zufällig oder in einer Notlage.“ Ist es ein Vorteil, ein „Opfer“ zu sein? Helga Kernstock-Redl schickt voraus: „Niemand kommt durchs Leben, ohne sich hin und wieder als Opfer von Unrecht, als unschuldig geschädigt zu fühlen. Gut fühlt sich das selbstverständlich niemals an.“ Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.

Im Internet kann David den Goliath besiegen

Im Gegensatz zur aktivierenden Schuldempfindung wirkt das „Opfergefühl“ tendenziell eher lähmend. Das ist eine höchstbelastende Mischung aus Ungerechtigkeitsempfinden, Ohnmacht, vielleicht mit Angst und Trauer. Manchmal gesellt sich heißer Zorn dazu, der seine Kraft zur Verfügung stellt. Dann ziehen Betroffene in den Kampf um Gerechtigkeit oder Schuldausgleich. Allerdings haben sie meist eine eher schwache Position – sonst hätten sie sich vielleicht bereits vorher gegen das Unrecht wehren können – und brauchen Hilfe.

Helga Kernstock-Redl erläutert: „Dafür muss man natürlich das Opfergefühl veröffentlichen – in der Hoffnung, dadurch tatkräftige Unterstützung, Mitgefühl und Gerechtigkeit zu bekommen.“ Manche, zunächst aussichtslos erscheinende Kämpfe wurden auf diese Art und Weise letztendlich gewonnen. Viele Erfolge in Richtung Menschenrechte begannen zum Beispiel als kleine Strömung gegen vorherrschende Strukturen. Früher musste man dafür Straßenkämpfe ausfechten, immer mit dem Risiko, sich selbst ins Unrecht zu setzen. Heute bietet das Internet andere Wege, wie David den Goliath besiegen kann.

Grundsätzlich ist die Opferposition für viele Menschen beängstigend

Das einzig Gute in der Opferposition: In einer Gesellschaft, in der Gerechtigkeit als hoher Wert gilt, hat ein „anerkanntes“ Opfer Anspruch auf Mitgefühl, Hilfe, Wiedergutmachung, Entschädigung. Helga Kernstock-Redl stellt fest: „Oft gibt es Unterstützung durch das soziale Umfeld oder eine obere Instanz, die eine entsprechende Machtposition hat, wie zum Beispiel das Gericht.“ Rechtmäßige Opfer können und müssen selbst nichts verändern, schließlich „können sie nichts dafür.“

Das empfinden manche als Vorteil, für andere wieder bedeutet das eine extreme Belastung. Ist es gefährlich, ein Opfer zu sein? Helga Kernstock-Redl antwortet: „Grundsätzlich ist die Opferposition für viele Menschen nicht nur unangenehm, sondern auch beängstigend.“ Wer will schon machtlos und auf die Hilfe anderer angewiesen sein, falls er sich zum Kampf entschließt? Diese Position birgt psychologisch und sachlich einige Gefahren. Denn immerhin veröffentlich man dadurch, dass man schwach war oder immer noch ist – und sich vielleicht auch bei neuen Bedrohungen oder Ungerechtigkeiten nicht wehren kann. Quelle: „Schuldgefühle“ von Helga Kernstock-Redl

Von Hans Klumbies

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