Ein erfülltes Leben muss man aktiv gestalten

Wer versucht, sein Leben so weit wie möglich nach den eigenen Vorstellungen auszurichten, wird nicht immer richtigliegen. Aber er kann Vertrauen in sein eigenes Wertesystem gewinnen und damit auch Vertrauen in die Welt. Andreas Salcher betont: „Ein erfülltes Leben ist das Ergebnis von guten Entscheidungen und nicht von einem beeindruckend formulierten Lebenslauf.“ „Nein“ ist ein mächtiges Zauberwort. Aber es gibt auch das Zauberwort „Ja“, um sein Leben aktiv zu gestalten. Es ist wichtig, Aufgaben, Ziele und Herausforderungen zu erkennen, die einem Spaß machen, die Sinn stiften, die einem guttun. Wenn man aber nicht „Ja, und jetzt mache ich es auch“ sagt, dann zermürbt einen das eigentlich sinnstiftende Ziel. Dr. Andreas Salcher ist Mitgebegründer der „Sir Karl-Popper-Schule“ für besonders begabte Kinder. Mit mehr als 250.000 verkauften Büchern gilt er als einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren Österreichs.

Der größte Verlust für das Leben ist die Verzögerung

Wenn man nicht tut, was man eigentlich will, erschöpft einen das Nicht-Tun. Denn bemerkenswerter Weise schiebt man auch Dinge auf, die man eigentlich besonders gerne machen würde. Im Archiv des Gehirns gibt es einen Raum, auf dessen Tür „Unerfüllte Wünsche“ steh. Im Laufe des Lebens füllt sich dieser Raum, man betritt in manchmal in seinen Tagträumen. Das Hindernis auf dem Weg vom ständigen Aufschieben zum entschiedenen Anfangen ist das scheinbare Fehlen einer letzten Anmeldefrist für die Verwirklichung der eigenen Lebensträume.

Seneca schreibt: „Der größte Verlust für das Leben ist die Verzögerung. Sie entzieht uns immer gleich den ersten Tag, raubt uns die Gegenwart, während sie Fernliegendes in Aussicht stellt.“ Lassen sich Menschen bei zentralen Weichenstellungen im Leben durch zu viele Optionen blockieren, führt der dadurch verursachte Stress zur Nicht-Entscheidung. Diese kann sich sogar als die schlechteste Wahl entpuppen. Der Soziologe Hartmut Rosa sieht in der scheinbaren Vergrößerung der Optionen ein Symptom der Beschleunigungsgesellschaft.

Fast alle Menschen sitzen in erbarmungslosen Hamsterrädern

Dies kann zur Sucht nach immer mehr Möglichkeiten ausarten, die den Betroffenen aber daran hindern, von diesen auch wirklich Gebrauch zu machen. Andreas Salcher erläutert: „Wir gieren nach mehr Möglichkeiten, mehr Aktivitäten, mehr Erlebnissen, mehr Events – und dementsprechend brauchen wir auch mehr und mehr Zeit dafür. Wir glauben, dass viele Auswahlmöglichkeiten unser Glück steigern. Dabei hat die Steigerung von Möglichkeiten an sich keinen Wert, da die permanente Vermehrung von Optionen noch keinen Zugewinn an Freude bedeutet.“

Diese tritt erst dann ein, indem man die Bücher, die man gekauft hat, auch liest, eine der vielen Reisen, die im Internet angeboten werden, auch macht oder die neue Skiausrüstung intensiv nutzt. Hartmut Rosa weiß: „In unserer Gesellschaft haben wir das Gefühl, frei zu sein. Keiner sagt uns, wie wir leben müssen, ob und wen wir heiraten müssen, was wir glauben sollen. Und doch sagen die meisten Menschen bei fast allem, was sie tun: Ich muss. Den ganzen Tag müssen wir. Wir sitzen fast alle in erbarmungslosen Hamsterrädern.“ Quelle: „Die große Erschöpfung“ von Andreas Salcher

Von Hans Klumbies

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