Das Ressentiment ist ein tödliches Gift

Die Ablehnung von Gewalt kommt nicht nur den „Schwachen“ zu, sondern ist auch eine Seelenfestigkeit, die auf jeden Fall anzustreben ist. Cynthia Fleury ergänzt: „Im Übrigen kann jeder anhand der Geschichte und Gegenwart bestätigen, dass diejenigen, die zur Feindschaft unfähig sind, dies in der Regel nur konjunkturell sind und dass die Feindschaft bei der geringsten Möglichkeit, sie auszudrücken, ohne den Preis dafür zu zahlen, wieder ausbricht.“ Man muss also wachsam bleiben. Das Ressentiment ist ein umso tödlicheres Gift, als es mit der Zeit wächst und tief in die Herzen der Menschen eindringt. Die Liebe ist, wie Max Scheler in Erinnerung ruft, nach christlichem Verständnis ein Akt des Geistes und nicht des Empfindens, anders gesagt, ein Akt der Entscheidung, des Pflicht- und Verantwortungsgefühls. Die Philosophin und Psychoanalytikerin Cynthia Fleury ist unter anderem Professorin für Geisteswissenschaften und Gesundheit am Conservatoire National des Arts et Métiers in Paris.

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Mikroaggression breitet sich immer mehr aus

Wenn in den Neunzigerjahren ein Lehrer einen Schüler schlug, verurteilte man das einhellig als „Aggression“. Heute kann es schon als „Mikroaggression“ gewertet werden, wenn ein Lehrer lediglich übersieht, dass sich ein Schüler meldet. Philipp Hübl ergänzt: „Zählten früher ausschließlich körperliche Angriffe als Gewalt, werden heute auch Beleidigungen oder Witze als verbale Gewalt klassifiziert. Dass Beleidigungen für sich genommen moralisch falsch sind, steht außer Frage, doch sind nun eben in die Gewaltkategorie gerutscht.“ „Missbrauch“ bezeichnete einst körperliche Gewalt oder sexuelle Nötigung, inzwischen kann auch Vernachlässigung als „Missbrauch“ zählen. Natürlich ist Vernachlässigung ebenfalls moralisch falsch, und man kann auch ein Nicht-Tun verantwortlich sein, beispielsweise für unterlassene Hilfeleistung. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).

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Der Streit ist kein Diskurs

Svenja Flasspöhler schreibt: „Zunächst einmal gilt zu klären, worüber wir reden, wenn wir von „Streit“ reden. Dies umso mehr, als die Ermahnung, wir müssten wieder lernen zu streiten, dieser Tage so oft zu hören ist, dass sie in meinen Ohren schon wieder ein wenig wohlfeil klingt. Streit, da schwingt so herrlich mit, was und doch allen lieb und teuer ist.“ Wer streiten kann, setzt sich mit Andersdenkenden auseinander, hält die Meinungsfreiheit hoch. Wie sagte Ex-Kanzler Helmut Schmidt: „Eine Demokratie in der nicht gestritten wird, ist keine.“ Ein Satz, den sich eine große Wochenzeitung zu eigen gemacht hat, um ihre Rubrik „Streit“ zu bewerben, die vor einigen Jahren ins Leben gerufen wurde. Svenja Flasspöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.

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Kriege lassen sich vielleicht nicht verhindern

Das Schicksal der Menschheit, klagt Albert Einstein, liegt in den Händen einer „herrschenden Schicht“, die nach Macht strebt und sich jeder „Einschränkung der Hoheitsrechte“ widersetzt. Sigmund Freuds kritisches Urteil sei für diese Zeit, in der Europa erneut vor einem Weltkrieg stehe, von größter Wichtigkeit. Judith Butler fügt hinzu: „Albert Einstein will wissen, ob es im Triebleben der menschlichen Psyche eine Grundlage für eine politische Ordnung gebe, die Kriege effektiv verhindern könnte.“ Besonders interessiert ihn die Frage, ob man eine Vereinigung oder ein Tribunal schaffen könnte, mit dessen Hilfe sich die destruktive Macht der Triebe in Schach halten ließe. Albert Einstein sieht das Problem zunächst in den destruktiven Trieben. Judith Butler ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik und kritische Theorie an der University of California, Berkeley.

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Identifikation birgt auch destruktive Potenziale

Identifikation gilt allgemein als wichtig für Empathie und die Aufrechterhaltung sozialer Bindungen, aber sie birgt auch destruktive Potenziale und ermöglicht ungestrafte Zerstörungsakte. Sicher muss man sich die unterschiedlichen Formen der Internalisierung genauer ansehen, die oft vorschnell als „Identifikation“ bezeichnet werden. Judith Butler erklärt: „Die Internalisierung des verlorenen anderen oder des verlorenen Ideals in der Melancholie wahrt und belebt Feindseligkeit mit der Macht zur Zerstörung des lebenden Organismus selbst.“ Auch wenn also das Über-Ich die Externalisierung der Destruktivität begrenzt, bleibt es ein potenziell destruktives Instrument. Denn dieses kann sich in selbstzerstörerischer – suizidaler – Weise in den Dienst eben der mörderischen Absichten stellen, die es in Schach halten soll. Judith Butler ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik und kritische Theorie an der University of California, Berkeley.

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Hass zählt zu den feindseligen Gefühlen

Hass, Ressentiment und Verachtung – dies sind typische Beispiele für feindselige Gefühle. Christoph Demmerling fügt hinzu: „Aufgrund ihres aversiven Charakters gelten feindselige Gefühle als Störenfriede, die man nicht gerne sieht am Tisch derjenigen, die sich für zivilisiert halten.“ Auf der politischen Bühne sind feindselige Gefühle, insbesondere der Hass, viel beredete Sorgenkinder. Hass lässt Menschen in den Krieg ziehen, und es handelt sich um ein Gefühl, welches zu unfassbaren Gräueltaten anstiften kann. Auch trägt Hass zur Zersetzung innerhalb sozialer Gefüge bei, in denen verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Wertvorstellungen oder unterschiedlichen religiösen Orientierungen, die sich wechselseitig ablehnen, zusammenleben. Ganz gleich, was der Hass aus und mit den Menschen macht, er stellt eine Kraft im menschlichen Leben dar, in die Frage, wie mit ihm umzugehen ist, ist beileibe keine einfache Frage. Univ.-Prof. Dr. Christoph Demmerling lehrt Philosophie mit dem Schwerpunkt Theoretische Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.

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Grausamkeit ist die Vernichtung eines Menschen

Wolfgang Müller-Funk stellt fest: „Grausamkeit bedeutet innerhalb des Phänomenenkomplexes von Gewalt und Aggression nicht einfach eine nur quantitative Steigerung der Leidzufügung. Sondern sie ist womöglich die ultima ratio der Macht- und Gewaltausübung, in der die Auslöschung als Drohung inszeniert wird, um die Anderen gefügig zu machen oder ein Schauspiel in Gang zu setzen, das einen als Zuschauer an der Todesangst der Anderen teilhaben lässt.“ Grausamkeit ist die Vernichtung eines Gegenübers vor dessen/deren physischer Zurichtung, die aus ihm/ihr ein totes Ding macht, über das der Grausame absolute Verfügungsgewalt hat. Es sind ganz bestimmte Voraussetzungen, in denen die Aggression als normal erscheint. Wolfgang Müller-Funk war Professor für Kulturwissenschaften in Wien und Birmingham und u.a. Fellow an der New School for Social Research in New York und am IWM in Wien.

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Grausamkeit erzeugt die Illusion von Macht

Wolfgang Müller-Funk weiß: „Grausamkeit ist ein komplexes und kompliziertes Phänomen. Sie hat verschiedene Gestalten. Und sie hat von den Hochkulturen über das europäische und vielleicht auch osmanisch-arabische „Mittelalter“ bis hin zur Moderne nach 1789 unterschiedliche historische Auftritte.“ Zentrum einer Studie von Jody Enders bildet die mittelalterliche Grausamkeit. Die Verfasserin begreift Folter und Tortur als Erbschaft der Antike. Elaine Scarrys Untersuchung, die ebenfalls das Mittelalter ins Blickfeld rückt, vertritt die These, dass organsierte Gewalt die Produktion einer phantastischen Illusion von Macht erzeugt. Sie beschreibt die öffentliche Folter als ein groteskes Beispiel für ein kompensatorisches Drama. Wolfgang Müller-Funk war Professor für Kulturwissenschaften in Wien und Birmingham und u.a. Fellow an der New School for Social Research in New York und am IWM in Wien.

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Grausamkeit will die Unversöhnlichkeit

Der französische Philosoph und Ethnologe Marcel Hénaff beschreibt die Grausamkeit als eine verdoppelte Gewalt. Nämlich als eine „Gewalt in der Gewalt“: „Sie setzt die Absicht voraus, den Gegner durch physischen Schmerz leiden zu lassen und ihn über den Sieg hinaus durch Erniedrigung in Verzweiflung zu stürzen. Die Grausamkeit zeigt den leidenschaftlichen Willen an, die Menschlichkeit des anderen zu vernichten. Wolfgang Müller-Funk erklärt: „Diese mit dieser spezifischen Form von Macht und Gewalt verbundenen Radikalität stellt für Hénaff die eigentliche hermeneutische Herausforderung dar.“ Für den Franzosen wählt die Grausamkeit die Unumkehrbarkeit. Sie will die Unversöhnlichkeit. Wolfgang Müller-Funk war Professor für Kulturwissenschaften in Wien und Birmingham und u.a. Fellow an der New School for Social Research in New York und am IWM in Wien.

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Grausamkeit ist „Gewalt im Quadrat“

Als naturwissenschaftlich geschulte Psychologin interessiert sich Kathleen Taylor für die Motive „hinter“ der Grausamkeit. Weniger hingegen möchte sie über die Diskurse wissen, die ihr Plausibilität und Legitimität verschaffen. Grausamkeit begreift sie als „Gewalt im Quadrat“. Deren Motive reichen unter anderem von der Dehumanisierung des und der Anderen, dessen sozialer Tötung bis zu dem Wunsch, den und die Anderen aus der eigenen Gruppe auszuschließen. Wolfgang Müller-Funk ergänzt: „Bei all diesen Motiven ist es für Taylor zentral, dass hier ein kollektives Moment in Gestalt der Masse Bedeutung erlangt. Sie betont zudem die Bedeutung der Alterität in diesem Zusammenhang.“ Wolfgang Müller-Funk war Professor für Kulturwissenschaften in Wien und Birmingham und u.a. Fellow an der New School for Social Research in New York und am IWM in Wien.

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