Manche Konflikte überdauern Generationen und vernichten Familien oder ganze Völker. So hat die Natur diese Sache mit der Gerechtigkeit, mit Schuld- und Opfergefühlen sicher nie gewollt. Helga Kernstock-Redl fügt hinzu: „Daneben gibt es Streitigkeiten ohne das Gerechtigkeitsthema: Manche wollen um jeden Preis ein Ziel erreichen oder bis zum bitteren Ende etwas Wichtiges – einen Menschen, eine Idee, Gesundheit oder etwas Materielles – verteidigen und schützen.“ Vielleicht ist ein Angriff reine Strategie, um den Status in einer Gruppe zu festigen. Es wäre als unfair, dem Schuldthema immer alle Schuld zu geben. Glücklicherweise muss ein Streit nicht immer zerstörerisch ablaufen. Arbeits-, Liebes- und Freundschaftsbeziehungen sind zum Beispiel nach gut gelösten Konflikten tragfähiger und vertrauensvoller als davor, weil Wichtiges geklärt oder verändert wurde, ohne dass dauerhafte Verletzungen passiert sind. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Streit
Der Streit ist kein Diskurs
Svenja Flasspöhler schreibt: „Zunächst einmal gilt zu klären, worüber wir reden, wenn wir von „Streit“ reden. Dies umso mehr, als die Ermahnung, wir müssten wieder lernen zu streiten, dieser Tage so oft zu hören ist, dass sie in meinen Ohren schon wieder ein wenig wohlfeil klingt. Streit, da schwingt so herrlich mit, was und doch allen lieb und teuer ist.“ Wer streiten kann, setzt sich mit Andersdenkenden auseinander, hält die Meinungsfreiheit hoch. Wie sagte Ex-Kanzler Helmut Schmidt: „Eine Demokratie in der nicht gestritten wird, ist keine.“ Ein Satz, den sich eine große Wochenzeitung zu eigen gemacht hat, um ihre Rubrik „Streit“ zu bewerben, die vor einigen Jahren ins Leben gerufen wurde. Svenja Flasspöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.
Konstruktiver Streit fördert die Kreativität
Die Fähigkeit konstruktiv zu streiten, macht Menschen nicht nur zivilisierter; sie fördert auch die Entwicklung ihrer kreativen Muskeln. Adam Grant nennt ein Beispiel: „So zeigte eine klassische Studie, dass hochkreative Architekten eher als ihrer technisch kompetenten, aber weniger originellen Kollegen aus Elternhäusern stammten, in denen es viele Spannungen gegeben hatte.“ Sie wuchsen oft in Haushalten auf, in denen „Spannungen herrschten, sie sich aber sicher fühlten“. Der Psychologe Robert Albert schreibt: „Die zukünftige kreative Person stammt aus einer Familie, die alles andere als harmonisch ist, sondern eine, in der es hakelt.“ Die Eltern waren weder gewalttätig noch auffällig, doch sie scheuten sich nicht vor Konflikten. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der renommierten Wharton Business School. Seine Forschungsbeiträge im Bereich Motivation und Produktivität wurden vielfach ausgezeichnet.
Technologien verschlingen Eltern und Kinder
Wenn Jonathan Haidt mit den Eltern von Jugendlichen redet, kommt das Gespräch oft auf Smartphones, soziale Medien und Videospiele. Die Geschichten, die Eltern ihm erzählen, weisen in der Regel einige Muster auf. Eines davon ist die Geschichte vom „ständigen Konflikt“. Jonathan Haidt erläutert: „Eltern versuchen, Regeln festzulegen und Grenzen zu ziehen und durchzusetzen. Doch es gibt so viele elektronische Geräte, so viele Argumente dafür, dass die Regeln gelockert werden müssen, und so viele Möglichkeiten, die Regeln zu umgehen, dass das Familienleben mehr und mehr vom Streit um Technologien beherrscht wird.“ Familienrituale und grundlegende menschliche Beziehungen aufrechtzuerhalten, kann sich anfühlen, als müsste man einer ständig steigenden Flut widerstehen, einer Flut, die Eltern wie auch Kinder verschlingt. Jonathan Haidt ist Professor für Sozialpsychologie an der New York University. Seine Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen.
Zur Liebe gehören Streit und Versöhnung
Man sollte die Liebe von Anfang an als Streit und Versöhnung betrachten. Demnach wäre es bedenklich, wenn in der Liebe nicht gestritten würde. Allerdings – es gibt keinen Souverän der Liebe. Peter Trawny stellt fest: „Auch die Haltung, die von vornherein Liebe als Versöhnung, und das heißt Streit, versteht, bleibt machtlos, wenn unerwartete Spannungen auftreten. Es gibt Zerwürfnisse, die Liebende an ihre Grenzen treiben; Auseinandersetzungen, die kaum noch Gemeinsamkeiten ermöglichen.“ Des sind gerade diese Situationen eines wahrhaftigen Liebeskriegs, in denen sich Liebe prüft und bewährt: Zeit der Treue. Liebe ist hart, man ist der oder dem Anderen in seiner Andersheit ausgesetzt. Diese Andersheit wird das eigene Begehren nicht bestätigen, sie wird es kränken, verletzen. Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.
Konflikte sollte man nicht totschweigen
Die meisten Menschen wollen nicht verletzen und wollen auch nicht verletzt werden. Daraus resultiert eine gewisse Schwellenangst. Reinhard K. Sprenger erklärt: „Im Regelfall müssen wir erst einen langen Anlauf nehmen, bevor wir einen Konflikt ansprechen. Aber: Wer Streit vermeidet, erntet noch lange nicht Frieden.“ Im Gegenteil: Er verlagert den Streit nach innen. Er lässt die Konfliktlinie nicht da, wo sie hingehört: zwischen den Kontrahenten. Sondern zieht sie in sich hinein, ohne dass der andere sich dessen bewusst ist. Über kurz oder lang resultiert das in einer Implosion, zuweilen auch in einem eruptiven Akt. Verbreitet ist heutzutage auch das Blockdenken. Dabei handelt es sich um eine Sonderform des Tabus. Reinhard K. Sprenger ist promovierter Philosoph und gilt als einer der profiliertesten Managementberater und Führungsexperte Deutschlands.