Immer wieder wird behauptet, die Angehörigen der Generation Z können nicht richtig arbeiten, denn Bewerber werden immer dümmer, fauler und haben weniger Durchhaltevermögen. Schimpfen auf die aktuellen Nachwuchskräfte gab es schon immer, aber mittlerweile hat es eine Dimension angenommen, die Rüdiger Maas bewegt hat, das Buch „Generation arbeitsunfähig“ zu schreiben. Es ist großartig, wenn Mitarbeitende stolz sind auf das, was entweder sie, die Kollegen, die Unternehmensleitung oder andere Akteure im Unternehmen geschafft haben. Für die Jungen ist das alles aber oft sehr schwer nachzuempfinden, da es sehr wenig Räume in ihrer Lebenswirklichkeit gab, die sie erst erschaffen mussten. Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer eines Instituts für Generationenforschung. Zuletzt erschien sein Bestseller „Generation lebensunfähig“.
Gedächtnis
Das Gedächtnis ist kein Datenspeicher
Menschliches Erleben und Erinnern sind in hohem Maß subjektiv bestimmt und in der Regel nimmt man dies nicht wahr. Denn das Gedächtnis funktioniert nicht wie ein Datenspeicher, in dem man unverändert reproduzierbare Inhalte abspeichern kann. Thomas Fischer fügt hinzu: „Merken und Erinnern sind vielmehr stark mit Emotionen, einer Gesamtheit von sensorischen, unbewussten und reflektierten Prozessen verbunden.“ Die Speicher der Erinnerung sind Teil des Gesamtkörpers eines Menschen. Erinnerung ist nicht das Öffnen einer Datei, sondern die Neukonstruktion einer Gesamtsituation, die ihrerseits wiederum ein Gefühls- und Reflexionsprozess ist. Dieser wird verarbeitet und hat seinerseits Einfluss auf das Ergebnis des Erinnerns. So entsteht jedes Mal ein etwas anderes Bild der Vergangenheit. Thomas Fischer war bis 2017 Vorsitzender des Zweiten Senats des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe.
Fühlen und Gedächtnis gehören zusammen
Fühlen ist ein Resultat des bewussten Geistes. Gedächtnis ist das Nachbarland. Man kann aber das Gedächtnis nicht verstehen, wenn man nicht versteht, wie das Fühlen dazu beiträgt, dass Erinnerung funktioniert. David Gelernter erklärt: „Während ein Aspekt vieler Erinnerungen eine Abstraktion liefert, können alle Aspekte einer Erinnerung ein Gefühl liefern.“ Manche Erlebnisse sind kompakt und einfach. Andere haben viele Teile. Der Unterschied liegt vor allem darin, wie man jedes Ereignis erleben will und mit welchem Tempo man sich bewegt. Ein Gefühl oder eine Stimmung ist die Zusammenfassung einer Szene, die einen oder mehrere Aspekte vieler Erinnerungen komprimiert. Eine solche Gefühlszusammenfassung kann wie der Köder an einem Haken sein, mit dem man aus dem tiefen Ozean seines Gedächtnisses eine bestimmte Erinnerung herausfischt. David Gelernter ist Professor für Computerwissenschaften an der Yale Universität.
Die Aufmerksamkeit dient vor allem der Selektion
Psychologen und Neurowissenschaftler unterscheiden Aufmerksamkeit und Bewusstsein zwar schon seit über 100 Jahren, doch besonders in den letzten 30 Jahren hat die Forschung stark angezogen. Philosophen waren allerdings zunächst nur vom phänomenalen Bewusstsein in den Bann geschlagen, das sie als das größte Rätsel der Menschheit ansehen. Phillip Hübl ergänzt: „Die Aufmerksamkeit, die kleine Schwester des Bewusstseins, hat ihren Durchbruch erst kürzlich geschafft.“ Neben „Konzentration“ kennt man noch andere mit „Aufmerksamkeit“ verwandte Begriffe wie „Wachsamkeit“, „Fokus“, „Sorgfalt“ oder „Geistesgegenwart“. Auch wenn sie sich sicherlich in Nuancen unterscheiden, kann man Aufmerksamkeit als das Kernstück dieser Phänomene betrachten. Angesichts der Fülle von Phänomenen hat sich unter Fachleuten der Verdacht breitgemacht, dass Aufmerksamkeit keine einheitliche Erscheinung sei. Philipp Hübl ist Juniorprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart.
Erregung erhöht die Leistung des Gedächtnisses
Wenn ein Forscher sagt, eine Versuchsperson sei erregt, dann meint er, das Herzfrequenz, Schwitzen, Pupillendilatation und andere physiologische Indikatoren relativ zum Ruhezustand erhöht sind. Und es hat sich laut Julia Shaw gezeigt, dass das Erregungsniveau eines Menschen eine große Rolle für seine Fähigkeit spielt, Erinnerungen zu verschlüsseln, zu speichern und abzurufen. Eine Steigerung der Erregung geht zugleich mit einer Erhöhung der Gedächtnisleistung einher. Das ist stimmig. Denn wenn man an seine lebhaftesten Erinnerungen zurückdenkt, geht es meist um emotionale Ereignisse. Nun ist die Versuchung groß, vorschnell den Schluss zu ziehen, dass größere Erregung dabei hilft, Dinge zu behalten. Doch Julia Shaw schaut genauer hin und stellt fest: „Wenn wir übererregt und panisch sind, erscheint uns unser Kopf oft leer. Und deshalb vergessen wir Informationen, die wir andernfalls ganz leicht abrufen könnten.“ Die Rechtspsychologin Julia Shaw lehrt und forscht an der London South Bank University.
Charakter und Moral prägen die Identität
Die meisten Menschen denken beim Begriff „Gedächtnis“ in der Regel an autobiographische Erinnerungen, an Erlebnisse und Episoden aus der Vergangenheit. Seit John Locke haben auch viele Philosophen diese Form des Gedächtnisses als das entscheidende Merkmal der personalen Identität angesehen. Philipp Hübl ergänzt: „Doch auch andere Fähigkeiten und Eigenschaften müssen im Gedächtnis gespeichert sein: das sprachlich verfasste Faktenwissen wie „Sizilien liegt am Mittelmeer“.“ Dazu zählt auch die Sprachfähigkeit, die die mentale Grammatik und das mentale Lexikon umfasst. Zum Beispiel nichtsprachliches Hintergrundwissen über die Beschaffenheit von Schnee, praktisches Können wie Klavier spielen oder Auto fahren, Wünsche oder Vorlieben, beispielsweise ob man lieber Arzt oder Architekt werden will, saure Gurken mag oder sich für den Expressionismus begeistert. Philipp Hübl ist Juniorprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart.
Julia Shaw erklärt die Fuzzy-Trace-Theorie
Eine Theorie, die genauer zu erklären versucht, warum Menschen inkorrekte Erinnerungen bilden, heißt Fuzzy-Trace-Theorie. Dabei handelt es sich um eine ausgesprochen elegante Theorie, mit deren Hilfe sich viele Phänomene des Gedächtnisses erklären lassen. Sie postuliert, dass es bei der Erinnerung um zwei Dinge geht: Um eine „gist trace“, eine Spur des Wesentlichen oder des Bedeutungskerns einer Erfahrung und um eine „verbatim trace“, eine wortwörtliche Spur, die eine Erinnerung an die spezifischen Einzelheiten ist. Julia Shaw ergänzt: „Die meisten Erinnerungen enthalten sowohl die Bedeutung erfassende als auch die wortwörtliche Komponente.“ Julia Shaw stellt vier Prinzipien vor, die erklären, wie es zu Erinnerungstäuschungen kommt. Bei dem ersten Prinzip handelt es sich um parallele Verarbeitung und Speicherung. Die Rechtspsychologin Julia Shaw lehrt und forscht an der London South Bank University.
Das Selbst ist real und keine Illusion
In der Diskussion darum, was Personen sind, muss man zwischen drei Fragen unterscheiden. Die erste Frage lautet, was ein Wesen zu einer Person macht. Das könnte unter anderem das Gedächtnis sein, das Bewusstsein, der Charakter; die Vernunft oder die Selbstreflexion. Die zweite Frage, die damit eng zusammenhängt, lautet: Wie können Personen über längere Zeiträume dieselben bleiben, obwohl sie sich kontinuierlich verändern? Eine dritte Frage, die viel mit den ersten beiden überblenden, lautet: Was bestimmt den Menschen als Individuum? Philipp Hübl erklärt: „Das ist die Frage nach der Persönlichkeit, also den Charaktereigenschaften und den moralischen Haltungen. Dabei geht es um die Individualität von Personen im Vergleich zu anderen Personen.“ In den ersten beiden Fragen hingegen war der Kontrast zwischen Personen und Nichtpersonen entscheidend. Philipp Hübl ist Juniorprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart.
Niemand hält das eigene Gedächtnis für fehlerlos
Wenn ein Mensch die Erfahrung von etwas macht, hat er in der Regel, aber nicht zwangsläufig, ein Bewusstsein von diesem Etwas. Das phänomenale Bewusstsein ist reine, einfache Erfahrung. Aber das Bewusstsein kann auch lästig werden. Und das nicht nur dann, wenn man sich einer Operation unterziehen muss. Wie die meisten Menschen wissen, kann eine Tätigkeit, die fokussierte Konzentration zu erfordern scheint, völlig danebengehen, wenn man sich seiner selbst bewusst wird. David Gelernter erläutert: „Unter den Tätigkeiten, die wir beherrschen, beherrschen wir manche mit unserem bewussten, viele andere aber auch mit dem unbewussten Geist. Ein klassisches Beispiel ist das Gehen: Wir vollziehen es automatisch, die Steuerung übernimmt der unbewusste Geist.“ David Gelernter ist Professor für Computerwissenschaften an der Yale University.
Stimmungen sind Emotionen
Emotionen oder Stimmungen können die Macht haben, Erinnerungen ans Licht zu holen. Sie wirken wie Stichwörter: Wenn sich ein Gefühl, dass man jetzt erlebt, mit einem Gefühl überschneidet, das im Gedächtnis gespeichert oder mit einer im Gedächtnis gespeicherten Erinnerung verknüpft ist, dann kann man diese Erinnerung abrufen. David Gelernter fügt hinzu: „Die gemeinsamen Inhalte von Stichwort und Gedächtnisinhalt sorgen dafür, dass es zur Erinnerung kommt. Auch ein Gefühl, an das wir nur denken, ohne es aber zu erleben, kann ein solches auslösendes Stichwort sein.“ Wenn man nicht wenigstens einen Aspekt einer vergessenen Erinnerung abrufen kann, bleibt sie vergessen. Aber wenn nichts anderes mehr funktioniert, kann manchmal ein Gefühl als Hinweis auf eine Gedächtnisinhalt dienen. David Gelernter ist Professor für Computerwissenschaften an der Yale Universität.