Erinnerungen sind nur ganz subjektive Ideen

Wörter stehen nie für sich allein, sondern man setzt sie über seine Erfahrung automatisch in Verbindung mit seinem Wissen über die Welt. Thorsten Havener erläutert: „Das beeinflusst unsere Erinnerung so weit, dass wir schon kurze Zeit später denken, die mit den einzelnen Wörtern verbundenen Assoziationen und Erinnerungen nicht nur gedacht zu haben, sondern sie sogar gehört oder gesehen zu haben.“ Das zeigt übrigens auch, dass unsere Erinnerungen mit den tatsächlichen Geschehnissen, an die wir uns erinnern, nicht übereinstimmen müssen. Letztlich sind unsere Erinnerungen nur ganz subjektive Ideen, wie das erinnerte Erlebnis wohl war. Es ist also möglich, sich über Worte zu Gedanken und auch Handlungen zu bewegen, ohne dass man sich dessen überhaupt bewusst ist. Thorsten Havener ist Deutschlands bekanntester Mentalist.

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Erinnerungen sind von Emotionen abhängig

Einiges spricht dafür, dass die Genauigkeit von Erinnerungen, die Menschen abrufen können, auch von den emotionalen Gehalt abhängig ist, mit dem sie verknüpft sind. Kit Yates ergänzt: „Gefühle können Menschen dazu bringen, Aussagen zu akzeptieren, die sie sehr gern hören wollen, selbst wenn diese unlogisch sind – Psychologen sprechen dann von „Motivated Reasoning“ – Wunschdenken.“ Personen, die vor Kurzem einen gelebten Menschen verloren haben, befinden sich oft in einem derart emotional aufgewühlten Zustand. Viele Trauernde, die vielleicht nicht akzeptieren können oder wollen, dass der geliebte Mensch für sie nicht mehr erreichbar ist, sind geneigt, Wahrsager oder Medien aufzusuchen. Die Trauer, die mit dem Tod eines engen Freundes oder Verwandten einhergeht, ist ein schmerzhafter Prozess, und es ist nur allzu verständlich, dass sich die Leidtragenden nach tröstlichen Worten sehnen. Kit Yates lehrt an der Fakultät für mathematische Wissenschaften und is Co-Direktor des Zentrums für mathematische Biologie der University of Bath.

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Narrationen laden zum Miterleben ein

Menschen speichern nicht nur ihre eigenen Erinnerungen als narrative Episoden ab, sondern können auch höchstkomplexe Zusammenhänge weitergeben. Fritz Breithaupt erläutert: „Dabei geht es nicht allein um die Fakten, wer was mit wem gemacht hat. Vielmehr geht es dabei um emotionale Reaktionen und das Machen von Erfahrungen.“ Rezipienten reagieren auf Narrationen sehr ähnlich wie die Erzähler, die ihre eigenen Erlebnisse weitergeben. Anscheinend sind Narrationen derartig erfolgreich, dass sie sequentielle Präsenzen erzeugen. Dergestalt dass die Produzenten und Rezipienten an den gleichen Stellen jeweils ähnliche Erfahrung machen und entsprechende Emotionen durchlaufen. Mitgeteilt, also kommuniziert, werden Narrationen als derartige Mit-Erfahrungsangebote. Den Begriff des Mit-Erlebens benutzt Fritz Breithaupt, um den Prozess einer Rezeption von Narrationen zu beschreiben. Fritz Breithaupt ist Professor für Kognitionswissenschaften und Germanistik an der Indiana University in Bloomington.

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Die Sprache hat zwei Funktionen

Menschen sind die einzigen Säugetiere, die eine Sprache entwickelt haben und nutzen können. Thomas W. Albrecht stellt fest: „Die Bedeutung unserer Sprache kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Alles, was wir Menschen erreicht haben, ist mit dem Gebrauch der Sprache verbunden.“ Sprache benutzen Menschen auf zwei unterschiedliche Weisen. Erstens repräsentieren sie damit, was sie erleben. Sie denken, fantasieren und schlussfolgern. Sie führen Selbstgespräche, überlegen, machen Pläne, sortieren ihre Erfahrungen und bewerten diese. So entwickeln sie fortlaufend ein Modell ihres Erlebens, das auf den Wahrnehmungen ihrer Sinnesorgane beruht. Zweiten benutzen Menschen Sprache, um das, was sie erlebt haben, anderen Menschen mitzuteilen. Diese Aktivitäten bezeichnet man als Reden, Diskutieren, Schreiben, Singen oder Lehren. Thomas W. Albrecht ist Experte für Kommunikation und Rhetorik.

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Erinnerungen können verschwinden

Erinnerung ist kein Ort im Gehirn, an dem etwas von früher gespeichert wäre. Man realisiert sie in der Gegenwart, für andere und vor anderen. Sonst wäre das, woran man sich erinnert, gar nicht mittelbar. Valentin Groebner erläutert: „Deswegen verblassen Erinnerungen, die ich anderen nicht erzähle, und verschwinden. Häufiger aufgerufene Episoden aus meiner eigenen Vergangenheit dagegen verändern sich genau dadurch, dass ich mich an sie erinnere und sie dabei aufdatiere.“ Sich an etwas zu erinnern heiß, es durch Benutzung umzuschreiben. Der Speicher im Kopf unterscheidet nicht zwischen Träumen, Filmen, Fotografien und tatsächlich Geschehenem. Valentin Groebner lehrt als Professor für Geschichte des Mittelalters und der Renaissance an der Universität Luzern. Seit 2017 ist er Mitglied in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

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Positive Erinnerungen entlasten die Psyche

Menschen meiden Orte, Erinnerungen und Bilder, die sie an Situationen erinnern, in denen sie sich falsch verhalten haben. Tatsächlich scheint es das Gedächtnis eines Menschen gut mit seinem Selbstbild zu meinen. Wie kann man sich sonst erklären, weshalb man sich häufig nur selektiv erinnert – wenn nicht, um sein gutes Selbstbild aufrechtzuerhalten? Armin Falk erläutert: „Wenn wir uns eher an unsere Wohltaten erinnern als an unsere Schandtaten, gehen wir unbeschwerter durchs Leben. Erinnerungen an eigenes Fehlverhalten zu vergessen, ist für die Psyche ähnlich entlastend, wie es sich für den Bergsteiger anfühlt, der einen schweren Rucksack ablegt. Armin Falk leitet das Institut für Verhaltensökonomik und Ungleichheit (briq). Außerdem ist er Direktor des Labors für Experimentelle Wirtschaftsforschung, sowie Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn.

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Tod und Wiedergeburt bilden einen Kreislauf

Manche Menschen grübeln ständig über Erinnerungen. Man könnte sagen, dass sie in der Vergangenheit feststecken. Shunmyo Masuno empfiehlt dagegen: „Lebe im Moment des Atemholens, und zwar so gewissenhaft wie möglich.“ Darin klingt auch der buddhistische Leitsatz „Wohne in den drei Welten“ an. Die drei Welten sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Menschen leben in den Verbindungen zwischen diesen drei Welten. Doch wenn man sich in der Gegenwart befindet, ist die Vergangenheit bereits tot, während die Zukunft erst noch geboren wird. Shunmyo Masuno weiß: „So erklären wir das buddhistische Konzept des Samsara, des Kreislaufs von Tod und Wiedergeburt, in dem alles geboren wird und dann stirbt, und alles was stirbt, wiedergeboren wird.“ Shunmyo Masuno ist ein japanischer Zen-Mönch, preisgekrönter Zen-Garten-Designer sowie Professor für Umweltdesign an der Tama Art University in Tokyo.

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Der Geist ist zuständig für Assoziationen

Die Assoziation wurde als Kerneigenschaft des Geistes angesehen, seit die frühesten Philosophen zu verstehen versuchten, wie die Menschen ticken. Julia Shaw erklärt: „Die sogenannten Assoziationsgesetze beruhen auf einem Konzept Platons. Aristoteles schrieb sie im Jahr 300 vor Christus offiziell als Gesetze fest.“ Er sah sie als Prinzipien an, die jeglichem Lernen zugrunde liegen. Wobei Lernen natürlich ein Prozess der Erinnerung ist. Aristoteles beschreibt in seiner Schrift „Gedächtnis und Erinnerung“ vier Assoziationsgesetze. Das erste ist das Gesetz der Ähnlichkeit – das Erleben oder Erinnern eines Objekts ruft die Erinnerung an Dinge hervor, die diesem Objekt ähnlich sind. Das zweite ist das Gesetz des Gegensatzes. Das Erleben oder Erinnern eines Objekts weckt die Erinnerung an Dinge, die konträr zu ihm sind. Die Rechtspsychologin Julia Shaw lehrt und forscht an der London South Bank University.

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Fühlen und Gedächtnis gehören zusammen

Fühlen ist ein Resultat des bewussten Geistes. Gedächtnis ist das Nachbarland. Man kann aber das Gedächtnis nicht verstehen, wenn man nicht versteht, wie das Fühlen dazu beiträgt, dass Erinnerung funktioniert. David Gelernter erklärt: „Während ein Aspekt vieler Erinnerungen eine Abstraktion liefert, können alle Aspekte einer Erinnerung ein Gefühl liefern.“ Manche Erlebnisse sind kompakt und einfach. Andere haben viele Teile. Der Unterschied liegt vor allem darin, wie man jedes Ereignis erleben will und mit welchem Tempo man sich bewegt. Ein Gefühl oder eine Stimmung ist die Zusammenfassung einer Szene, die einen oder mehrere Aspekte vieler Erinnerungen komprimiert. Eine solche Gefühlszusammenfassung kann wie der Köder an einem Haken sein, mit dem man aus dem tiefen Ozean seines Gedächtnisses eine bestimmte Erinnerung herausfischt. David Gelernter ist Professor für Computerwissenschaften an der Yale Universität.

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Blockierte Emotionen sind etwas ganz Normales

Sigmund Freud entdeckte, dass ein Gefühl aufkommen und dann verdrängt werden kann. Menschen äußern in einem solchen Fall ihre Emotion nicht, sie spüren sie nie und könnten es als blockiertes Gefühl bezeichnen. Verhindert, schwelend und unvollendet gleicht die Emotion einer Zündschnur, die im Geist immer weiter glimmt. Es ist eine nicht aufgelöste Dissonanz. David Gelernter erklärt: „Ein blockiertes oder verhindertes Gefühl findet immer einen Weg, sich Ausdruck zu verschaffen.“ Eine Emotion muss ablaufen wie eine körperliche Aktion. Die meisten Gefühle werden in dem Augenblick, in dem sie aufkommen oder unmittelbar danach vollendet. Ein wesentlicher Teil jedoch – wesentlich nicht wegen seiner Größe, sondern wegen seiner Bedeutung – wird nicht sofort vollendet. Manche Gefühle finden ihre Vollendung nie. David Gelernter ist Professor für Computerwissenschaften an der Yale University.

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