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Blockierte Emotionen sind etwas ganz Normales

Sigmund Freud entdeckte, dass ein Gefühl aufkommen und dann verdrängt werden kann. Menschen äußern in einem solchen Fall ihre Emotion nicht, sie spüren sie nie und könnten es als blockiertes Gefühl bezeichnen. Verhindert, schwelend und unvollendet gleicht die Emotion einer Zündschnur, die im Geist immer weiter glimmt. Es ist eine nicht aufgelöste Dissonanz. David Gelernter erklärt: „Ein blockiertes oder verhindertes Gefühl findet immer einen Weg, sich Ausdruck zu verschaffen.“ Eine Emotion muss ablaufen wie eine körperliche Aktion. Die meisten Gefühle werden in dem Augenblick, in dem sie aufkommen oder unmittelbar danach vollendet. Ein wesentlicher Teil jedoch – wesentlich nicht wegen seiner Größe, sondern wegen seiner Bedeutung – wird nicht sofort vollendet. Manche Gefühle finden ihre Vollendung nie. David Gelernter ist Professor für Computerwissenschaften an der Yale University.

Neurosen sind bei blockierten Gefühlen nicht die Regel

David Gelernter erläutert: „Blockierte Emotionen finden immer einen Weg, sich Ausdruck zu verschaffen, manchmal sprechen sie in Form neurotischer Symptome – aber das ist nur ein Extremfall.“ Manchmal lassen Menschen die Dissonanz ins Bewusstsein dringen, wo sie sich dann auflöst und verschwindet. Manchmal kann sie sich allerdings auch nicht auflösen. Dann ist sie mit Orten, Menschen oder Welten verknüpft, die es nicht mehr gibt. Neurosen sind nicht die Regel. Blockierte Emotionen sind etwas ganz Normales.

Blockierte Emotionen haben zum ihren Ursprung zum Beispiel in der Streiterei mit einem Freund, an die man nicht denken will, in der hässlichen Bemerkung, die man nicht so gemeint hat, in einer harten Entscheidung, die man nicht treffen wollte, in der unerwarteten Begegnung mit dem Ex-Geliebten oder in einem Schreck, der einen verfolgt – einer Angst oder einer Szene aus der Kindheit, einer Person, die früher zum eigenen Leben gehört hat und jetzt nicht mehr da ist. Ein blockiertes Gefühl verdrängt man, als würde man einen Ball nach Kräften bergauf rollen.

Erinnerungen sind immer flüchtig

Ein blockiertes Gefühl taucht häufig als Mittelpunkt eines Themenkreises auf – das heißt in Form einer Reihe von Einschlaferinnerungen oder eines Traumes. Themenkreise umfassen Gedanken, die Menschen in „Visualisierungen“ oder Visionen zum Ausdruck bringen. Dazu gehören kleine Geschichten – oft einzelne Szenen –, die den wesentlichen Aspekt einer Emotion unterstreichen, und tatsächliche Erinnerungen, die die eigenen Fehler aufzeigen. Aber nur selten oder nie dienen Erinnerungen dazu, einen Menschen von Schuld zu befreien.

Sich an unwillkürliche Erinnerungen zu erinnern, ist schwierig; es ist sogar schwierig, sie überhaupt zu bemerken. Eines ist für David Gelernter aber klar: „Häufig stehen sie an der Grenze zur Erfahrung des reinen Seins. Erinnerungen sind immer flüchtig und manchmal freudvoll. Hin und wieder erinnern wir uns an ein Gefühl (wie wir uns gefühlt haben), selbst wenn wir uns sonst an nichts erinnern.“ Unter Umständen wird ein Mensch von einer kurzen unwillkürlichen Erinnerung überwältigt und bemerkt es nie. Quelle: „Gezeiten des Geistes“ von David Gelernter

Von Hans Klumbies

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