Das Selbst ist real und keine Illusion

In der Diskussion darum, was Personen sind, muss man zwischen drei Fragen unterscheiden. Die erste Frage lautet, was ein Wesen zu einer Person macht. Das könnte unter anderem das Gedächtnis sein, das Bewusstsein, der Charakter; die Vernunft oder die Selbstreflexion. Die zweite Frage, die damit eng zusammenhängt, lautet: Wie können Personen über längere Zeiträume dieselben bleiben, obwohl sie sich kontinuierlich verändern? Eine dritte Frage, die viel mit den ersten beiden überblenden, lautet: Was bestimmt den Menschen als Individuum? Philipp Hübl erklärt: „Das ist die Frage nach der Persönlichkeit, also den Charaktereigenschaften und den moralischen Haltungen. Dabei geht es um die Individualität von Personen im Vergleich zu anderen Personen.“ In den ersten beiden Fragen hingegen war der Kontrast zwischen Personen und Nichtpersonen entscheidend. Philipp Hübl ist Juniorprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart.

Bewusstsein und Gedächtnis bilden eine Einheit

John Locke war als Philosoph des 17. Jahrhunderts einer der Ersten, die das Problem der personalen Identität diskutierten. Philipp Hübl erläutert: „Er nahm an, dass nur unser Bewusstsein uns zu Personen machen könnte, weil die Materie, aus der unsere Körper bestehen, sich dauernd wandelt.“ John Locke nennt sowohl das Gedächtnis als auch das Bewusstsein als Merkmale von Personen. Er scheint beide Merkmale als eine Einheit gesehen zu haben. Denn die Erinnerung zeigt sich ihm zufolge im Bewusstsein.

David Hume stellt folgende These auf: „Wenn ich mein eigenes Bewusstsein analysiere, entdecke ich zwar Gedanken, Wahrnehmungen oder Vorstellungen, aber nicht noch mich selbst neben diesen Erlebnissen.“ Der Denkfehler sei, nach einem Selbst auf derselben Ebene zu suchen, auf der man auch seine Eindrücke finden kann. Das Selbst bestünde vielmehr aus allen Eindrücken zusammen, aus dem Bündel der persönlichen mentalen Zustände. Die Menschen sind, so David Hume, eine Art mentales Mosaik. Deshalb sollten sie sich von der Idee verabschieden, dass ein substantielles Selbst in ihnen waltet.

Jeder hat seine ganz persönlichen Empfindungen

Alles was das menschliche Bewusstsein ausmacht, ist laut David Hume ein Kommen und Gehen von Gedanken und Sinneseindrücken. Das ist eine Position, die stark an den Kerngedanken des Buddhismus erinnert. Im Bewusstsein eines Menschen wandeln sich die Zustände zwar ständig, doch etwas bleibt dabei immer gleich. Nämlich, dass es das eigene Bewusstsein ist und dass man Eindrücke als seine persönlichen Eindrücke erlebt. Das Ich-Gefühl ist Teil der persönlichen Erfahrung der Welt, als dasjenige Element, dass jede einzelne Erfahrungen zur eigenen Erfahrung macht.

Das Selbst ist für Philipp Hübl so real wie das Bewusstsein, innerhalb dessen es existiert: „Jedes Ereignis im Bewusstsein hat nicht nur eine Ich-Perspektive, es hat auch andere Arten von Ursachen und Wirkungen als Hirnereignisse, die ohne Bewusstsein auftreten. Das „Selbst“ ist also nicht bloß das Display, sondern Hauptelement der kausalen Maschinerie des Geistes. Das Selbst ist also real und kein bloßes Bündel an Eindrücken und schon gar keine Illusion. Quelle: „Der Untergrund des Denkens“ von Philipp Hübl

Von Hans Klumbies

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