Die Furcht vor der Freiheit ist nichts spezifisch Faschistisches

Erich Fromm stellte die Erfahrung der Freiheit in einen historischen, dialektischen Zusammenhang. Und es ist eben die Unfähigkeit, Verantwortung für die kreative Ausübung positiver Freiheit zu übernehmen, welche den egoschwachen sozialen Charakter kennzeichnet. Stuart Jeffries fügt hinzu: „Um spirituelle Sicherheit zu erlangen und der unerträglichen Last der Freiheit zu entkommen, ersetzt das verängstigte Individuum die eine Form der Autorität durch eine andere.“ Erich Fromm schrieb: „Der erste Fluchtmechanismus, mit dem wir uns befassen wollen, ist die Tendenz, die Unabhängigkeit des eigenen Selbst aufzugeben.“ Das Selbst soll mit irgendjemand oder irgendetwas verschmolzen werden, um sich auf diese Weise die Kraft zu erwerben, die dem eigenen Selbst fehlt. Stuart Jeffries arbeitete zwanzig Jahre für den „Guardian“, die „Financial Times“ und „Psychologies“.

Adolf Hitler zog die verunsicherte Mittelschicht an

So also erklärt sich zum Beispiel die Anziehungskraft Adolf Hitlers: Die autoritäre Persönlichkeit des Führers war nicht nur der Grund dafür, dass er im Namen einer höheren, wenn auch fiktiven Autorität – der germanischen Herrenrasse – über Deutschland herrschen wollte. Seine autoritäre Persönlichkeit machte ihn auch für eine verunsicherte Mittelschicht so anziehend. Erich Fromm merkte an, diese Furcht vor der Freiheit sei allerdings nichts spezifisch Faschistisches.

Die Furcht vor der Freiheit stellte seiner Meinung nach eine Bedrohung der demokratischen Basis in jedem modernen Staat dar. In der Einleitung zu „Die Furcht vor der Freiheit“ zitiert er zustimmend die Worte des amerikanischen pragmatischen Philosophen John Dewey: „Die ernste Gefahr für unsere Demokratie besteht nicht in der Existenz totalitärer fremder Staaten. Sie besteht darin, dass in unseren Institutionen Bedingungen herrschen, die der Autorität von außen, der Disziplin, der Uniformität und Abhängigkeit vom Führer in diesen Ländern zum Sieg verhelfen.“

Der Faschismus beruht auf dem Sadomasochismus seiner Unterstützer

John Dewey fährt fort: „Demnach befindet sich das Schlachtfeld hier – in uns selbst und in unseren Institutionen.“ Erich Fromms Interpretation, dass der Faschismus auf dem Sadomasochismus seiner Unterstützer beruhe, wurde für die Frankfurter Schule zur geltenden Lehre. Diese Ideologie, so Herbert Marcuse in seinem 1934 erschienenen Essay „Der Kampf gegen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung“, „zeigt unmittelbar das, was ist, aber mit einer radikalen Umwertung der Werte. Unglück wird zur Gnade, Not zum Segen, Elend zum Schicksal.

Der deutsche marxistische Philosoph Ernst Bloch widersprach dieser Interpretation der Frankfurter Gelehrten, die im Nationalsozialismus ein Symptom des Wunsches nach einer Autoritätsperson sahen. In seinem Buch „Erbschaft dieser Zeit“ aus dem Jahr 1935 meint Ernst Bloch demgegenüber, Faschismus sei eine pervertierte religiöse Bewegung. Diese nahm die Leute mit anachronistischem Kitsch und Scheinutopien von den Wundern eines zukünftigen Reiches für sich ein. Der Faschismus wäre demzufolge ein Paradox, eine Mischung aus alt und modern. Genauer gesagt, ein System, das eine dem Kapitalismus feindliche Tradition zur Aufrechterhaltung des Kapitalismus vereinnahmte. Quelle: „Grand Hotel Abgrund“ von Stuart Jeffries

Von Hans Klumbies

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