Beide Immunsysteme, das körperliche und das mentale, sind äußerst lernfähig. Volker Busch erläutert: „Durch wiederholte Auseinandersetzung mit der Umwelt entwickeln sie sich weiter. Sie erhalten Upgrades, die sie im Laufe der Jahre immer leistungsfähiger, spezifischer und individueller machen.“ Dadurch entwickeln Menschen das, was man „Immunkompetenz“ nennt. Jedes Immunsystem schreibt dabei seine eigene Geschichte. Auch hier schaut Volker Busch zunächst auf die körperliche Verteidigung: Schon in den ersten Lebensjahren entwickeln Menschen sogenannte T-Zellen, die für die Abwehr von Viren und entarteten Zellen Sorge tragen, sowie sogenannte B-Zellen, die Antikörper produzieren, die sich gegen krank machende Bakterien richten. Auch das mentale Immunsystem entwickelt eine Reihe von beeindruckenden Abwehrmaßnahmen zur Verteidigung psychischer Belastungen, die über das Schreien hinausgehen. Prof. Dr. Volker Busch ist seit circa zwanzig Jahren als Arzt, Wissenschaftler, Autor und mehrfach ausgezeichneter Vortragsredner tätig.
Verstand
Gedanken und Gefühle bilden eine Einheit
Laut Reinhard K. Sprenger gibt es keinen Unterschied zwischen rationalem Erkennen und emotionalen Erfühlen. Es sind zwei Seiten einer Medaille. Deshalb kann ein Mensch seine Gefühle in Konflikten durchaus beeinflussen, indem er seine Gedanken ändert. Reinhard K. Sprenger erläutert: „Nur das Zusammenspiel von Gedanken und Gefühlen gibt Ihnen die Möglichkeit, sich in einer wandelnden Umwelt selbst als Einheit zu erleben.“ Studien haben vielfach nachgewiesen, dass die Dominanz der Gefühle im Konfliktfall zu einer gefährlichen Über-Vereinfachung des Konfliktgegenstandes führt. Man „erspart“ sich gleichsam die komplexen Zusammenhänge, kocht die Suppe auf einen simplen Punkt herunter, um ihn umso effektvoller präsentieren zu können. Das sollten man sich und seinem Konfliktpartner mit Blick auf einen weiterer gemeinsamen Weg nicht antun. Reinhard K. Sprenger, promovierter Philosoph, ist einer der profiliertesten Führungsexperten Deutschlands.
Alles entsteht aus einem Mangel
Der Konflikt hat die Form des „Suchens“, der Suche nach Einheit. Und – wie bei aller Magie – kommt es darauf an, dass der Kreis geschlossen ist. Reinhard K. Sprenger fügt hinzu: „So wie das Vieleck mit unendlich vielen Ecken sich dem Kreis annähert. So wie Ihre zwei Augen eine Sicht erzeugen. Einsicht. Das Glück des Menschen bestehe mithin, so Aristophanes, im Wiederherstellen eines früheren Zustandes – im Aufheben der Trennung.“ Diesen Gedanken hat der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan prominent aufgegriffen: „Alles entsteht aus einem Mangel.“ Er meinte damit: Entbehrung zwingt einen Menschen zur Reaktion. Das Fehlende ist jedoch nicht im Außerhalb, nicht im Universum. Sondern mitten in einem Menschen selbst. Reinhard K. Sprenger ist promovierter Philosoph und gilt als einer der profiliertesten Managementberater und Führungsexperte Deutschlands.
Menschen können ihre Handlungen steuern
Die Theory of Mind geht einher mit der Kompetenz, sich eine Vorstellung von den Konsequenzen des eigenen Handelns machen zu können. Sie stellt damit eine Vorbedingung für eine gezielte Steuerung der eigenen Impulse dar, die wiederum Grundvoraussetzung für zielgerichtetes und verantwortungsvolles Handeln ist. Hans-Otto Thomashoff stellt fest: „Das eigene Handeln verantwortungsbewusst steuern zu können – auch das muss gelernt werden. Dieser Lernprozess besteht im Wesentlichen darin, einen Handlungsimpuls, den unser Gehirn setzt und der meist begleitet ist von einem Gefühl, ihn bei Bedarf gezielt hemmen zu können.“ Erst im Erwachsenenalter ist eine solche Impulshemmung voll ausgebildet, weil erst dann die dafür verantwortlichen Strukturen im Frontalhirn – jener Teil des Gehirns, der für bewusste Steuerung zuständig ist – ausgereift sind. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.
Autonomie ist nicht gerade bequem
Pflichterfüllung und Gehorsamsbereitschaft führen zu Anpassung, zu Unterordnung und Einordnung, zum Mitläufertum, zum Mitschwimmen im Strom der Mehrheit und zum Wegschauen. Klaus-Peter Hufer betont: „Zweifel, Urteilsfähigkeit, eine eigene Meinung und kritische Reflexion sind da nicht erwünscht – im Gegenteil, sie stören den reibungslosen Ablauf.“ Doch wer Zivilcourage zeigt, muss eine eigene Meinung und den Mut zum Widerspruch haben. Gut beschrieben wird dieses Verhaltensmuster bzw. Persönlichkeitsmerkmal mit dem Begriff „Autonomie“. Von der Wortbedeutung her meint Autonomie Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Willensfreiheit. Damit befindet man sich ganz in der Nähe der Idee der Aufklärung, deren berühmteste Definition von Immanuel Kant stammt. Klaus-Peter Hufer promovierte 1984 in Politikwissenschaften, 2001 folgte die Habilitation in Erziehungswissenschaften. Danach lehrte er als außerplanmäßiger Professor an der Uni Duisburg-Essen.
Das Begehren besitzt eine vitale Macht
Das Begehren ist eine Essenz des Menschen. Die Macht des Begehrens ist so groß, dass es sein gesamtes Inneres mobilisieren kann, um einen endgültigen Verhaltenswandel zu erreichen. Frédéric Lenoir weiß: „Dabei spielt die Vernunft eine wesentliche Rolle, denn durch sie können wir unsere Handlungen erhellen, lenken und neu ausrichten. Doch ohne die vitale Macht unseres Begehrens bleiben Entscheidungen, uns verändern zu wollen, nur gar zu oft fromme Wünsche.“ Wenn Menschen Gefangene einer Begierde oder Verhaltensweise sind, die sie unglücklich machen oder unter denen sie leiden, hat der Verstand die Aufgabe, neue Begierden hervorzurufen, an denen Menschen wachsen und die ihren Freude bringen. Dank der Vernunft kann man neue Objekte besser erkennen, auf die man sein Begehren lenken kann. Frédéric Lenoir ist Philosoph, Religionswissenschaftler, Soziologe und Schriftsteller.
Der Verstand löst Gefühle aus
Verstand und Gefühl sind keine Gegensätze. Ununterbrochen löst der Verstand mithilfe von Gedanken Gefühle in allen Menschen aus, ohne dass sie dies immer bewusst beobachten. Heinz-Peter Röhr erläutert: „Jeder spricht in Gedanken unablässig mit sich selbst, und so wie man mit sich selbst redet, gestalten sich Gefühle.“ Wer sich in einem depressiven Gedankenkarussell bewegt, hat unweigerlich Gefühle, die ihn herunterziehen. Seine Gefühle, seine Stimmung hellt sich allmählich auf, wenn er intensiv an ein freudiges Ereignis denkt. Im Vorfeld einer depressiven Erkrankung beschäftigen Betroffene extrem negative Gedanken. Das Gedankenkarussell lässt sich nicht mehr stoppen. Es ist auch hier wieder der Kontrollverlust, der darauf aufmerksam macht, dass etwas verkehrt läuft. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.
Das Gehirn besteht aus zwei Bereichen
Ob Menschen zusammenpassen, spüren sie auch darüber, ob sie den Geruch des potenziellen Partners als angenehm oder weniger angenehm wahrnehmen. Liebe geht nicht „durch den Magen“, sondern vor allem auch „durch die Nase“. Heinz-Peter Röhr vergleicht: „Für die Urmenschen stand Riechen für die Lebensbewältigung im Vordergrund. Der moderne Mensch lebt rational, mithilfe seiner intellektuellen Fähigkeiten; er kalkuliert, überlegt und entscheidet.“ Leitend ist hier der für das Rationale zuständige Teil des Gehirns, das rationale Gehirn, der sogenannte Neokortex. Nur wer sich dafür öffnet, bemerkt, dass das Instinktive nicht verschwunden ist. Manche Entscheidung wird aus dem „Bauch“ heraus gefällt, weil bestimmte Gefühle den Ausschlag gaben. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.