Persönlichkeit ist mehr als Intelligenz

Wie gut sich ein Mensch in seiner Umwelt zurechtfindet, hängt von vielen Dingen ab. Die Kombination dieser Faktoren ist die Persönlichkeit. Jakob Pietschnig ergänzt: „Auch darum kümmert sich die Psychologie, auch wenn es da um viele Aspekte geht, die mit der kognitiven Leistung nicht immer etwas zu tun haben.“ Um die Gesamtheit der Persönlichkeit erfassen zu können, reicht natürlich ein Intelligenztest nicht. Daher hat man andere Verfahren, andere Modelle entwickelt, um weitere Facetten der Persönlichkeit messbar zu machen. Das gängigste ist momentan das sogenannte OCEAN-Modell, das die Persönlichkeitszüge Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus darstellt. In den 1960er- und 1970er-Jahren herrschte ein sehr positives Menschenbild vor. Daher erfasste man negative Züge eines Menschen nicht, denn man hielt alles Aversive für krank. Jakob Pietschnig lehrt Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Wien.

Auch ein gesunder Mensch hat dunkle Facetten

Später befand man, dass auch beim gesunden Menschen aversive Züge vorkommen. Das OCEAN-Modell erweiterte man durch die sogenannte „dunkle Triade der Persönlichkeit“. Aversive Persönlichkeiten lassen sich auf den Dimensionen Machiavellismus, Narzissmus und Psychopathie einordnen. In jüngster Zeit fügte man sogar noch eine vierte dunkle Facette, den Sadismus, hinzu. Jakob Pietschnig betont aber: „Grundsätzlich steht Intelligenz in einem positiven Zusammenhang mit Gesundheit und vielen weiteren wünschenswerten Lebensoutcomes.“

Aber zu einem guten Menschen macht einen die Intelligenz nicht. Man sieht es an Hochbegabten, deren Biografien man sehr lange durchleuchtet hat. Und man muss erkennen, dass es innerhalb der Intelligenz-Elite genauso viele Verbrecher gibt wie bei Normalbegabten. Allerdings sitzen die hochbegabten Kriminellen weniger häufig im Gefängnis. Das hat mehrere Gründe. Einerseits sind sie öfter im sogenannten White-Colour-Crime zu Hause. Also nicht unbedingt bei Wirtshausraufereien, Mord und Totschlag, sondern etwa bei Wirtschaftsdelikten, die typischerweise mit geringeren Strafandrohungen einhergehen.

Assessment-Center funktionierten oft nicht gut

Andererseits sind sie im Allgemeinen erfolgreicher damit, einen positiven Eindruck bei Gericht zu hinterlassen, oder wenn sie einmal im Gefängnis sitzen, frühzeitiger entlassen zu werden. Jakob Pietschnig erklärt: „Darüber hinaus scheint es auch plausibel, dass sich intelligente Straftäter nicht so leicht erwischen lassen wie weniger intelligente.“ Die Erfassung von unterschiedlichen Persönlichkeitsfacetten ist besonders wichtig, wenn es um Stellenbesetzungen geht.

Wenn alle Kandidaten gleich intelligent sind, sollte man davon ausgehen, dass es lediglich die fachliche Passung – also im Prinzip der Lebenslauf – ist, die den Ausschlag gibt, wer die Stelle bekommt. Im Gegenteil ist es aber oft die Persönlichkeit, die bestimmt, wer erfolgreich ist. Diejenigen, die sich vor den Auswahlkomitees geschickt verhalten, bekommen den Job eher als die weniger Geschickten. Heutzutage sind Assessment-Center in der Personalauswahl sehr beliebt. Allerdings weiß man inzwischen, dass sie oft nicht gut funktionierten. Man spricht in diesem Zusammenhang von einer sogenannten niedrigen Validität. Quelle: „Intelligenz“ von Jakob Pietschnig

Von Hans Klumbies

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