Radikale Veränderungen der Persönlichkeitspräferenzen sind zwar selten – aus dem Introvertierten wird selten ein stark extrovertierter Mensch –, aber tendenziell können sich Personen alle im Laufe der Zeit verändern und den 50 veränderbaren Prozent eine Richtung geben. Michaela Brohm-Badry fügt hinzu: „Durch diese Plastizität ist die Persönlichkeit weit weniger fixiert, als Psychobiologen bisher angenommen hatten. Wir entfalten uns in einem Möglichkeitsraum, den wir aus Wechselwirkungen zwischen genetischer Anlage, unserem Umfeld und unseren individuellen Entscheidungen eingerichtet haben. IN diesem Möglichkeitsraum handeln wir.“ Bahnbrechende Erkenntnisse über das menschliche Handeln und die damit verbundene Entfaltung lieferten die US-amerikanischen Psychologen Edward Deci und Richard Ryan. Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Lernforschung. Sie war langjährige Dekanin des Fachbereichs Erziehungs- und Bildungswissenschaften, Philosophie und Psychologie an der Universität Trier.
Persönlichkeit
Der Charakter bleibt auch im Alter formbar
Ende des 19. Jahrhunderts stellte William James, der Gründervater der Psychologie in den USA, eine kühne Behauptung auf: „Im Alter von dreißig Jahren erstarrt der Charakter wie Gips und wird nie wieder weich.“ Kinder können demnach ihren Charakter noch entwickeln, Erwachsene haben Pech gehabt. Vor Kurzem hat ein Team von Sozialwissenschaftlern ein Experiment gestartet, um diese Hypothese zu überprüfen. Adam Grant erklärt: „Die Gruppe, bei der es um die Förderung des Charakters ging, nahm an einem von Psychologen konzipieren Kurs teil, der zum Ziel hatte, die Eigeninitiative zu steigern.“ Die Probanden beschäftigten sich mit den Themen Proaktivität, Disziplin und Entschlossenheit und übten, diese Eigenschaften in die Tat umzusetzen. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der renommierten Wharton Business School. Seine Forschungsbeiträge im Bereich Motivation und Produktivität wurden vielfach ausgezeichnet.
Die Persönlichkeit kann sich verändern
Lange Jahre wurde in der psychologischen Forschung angenommen, dass Menschen eine stabile Persönlichkeit haben, die nahezu unverändert ist. Michaela Brohm-Badry betont: „Heute wissen wir aus zahlreichen Forschungsbefunden, dass das so nicht stimmt.“ Beispielsweise fand ein Forscherteam der Universität Michigan State in einer aktuellen Studie heraus, dass Kinder sich gegenseitig in ihren Persönlichkeitseigenschaften anstecken, wenn sie im frühen Alter viel Zeit miteinander verbringen. Sie entwickeln und übernehmen dabei Charaktereigenschaften des anderen Kindes. So zeigen auch Forschungen an Ehepaaren, dass sich Charaktereigenschaften und auch die Intelligenz im Laufe der Jahre angleichen. Ein Beleg mehr, dass das Ich auch durch die Umgebung geprägt wird und nicht nur genetisch festgelegt ist. Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Lernforschung. Sie war langjährige Dekanin des Fachbereichs Erziehungs- und Bildungswissenschaften, Philosophie und Psychologie an der Universität Trier.
Alleinstehende sollen nach draußen gehen
Für viele Menschen scheinen Situationen, in denen sie sich allein inmitten von glücklich miteinander verbundenen Menschen befinden, nur schwer aushaltbar. Andreas Salcher weiß: „Dabei wäre es für Alleinstehende viel besser, etwas allein zu unternehmen als zu Haus herumzusitzen. Die Kunst, allein zu reisen, ist erlernbar und beginnt mit der Entscheidung, sich darauf einzulassen. Die wahren Abenteuer beim Reisen sind ohnehin nicht planbar.“ Reisen ist die zweitbeste Art, sein Geld auszugeben. Man sollte allerdings nicht über seinen Verhältnissen reisen, aber auch nicht darunter. Der Alleinreisende ist meist nicht an die Hochsaison gebunden und kann daher mit Verhandlungsgeschick einen guten Deal in einem Traumhotel machen. Dr. Andreas Salcher ist Mitgebegründer der „Sir Karl-Popper-Schule“ für besonders begabte Kinder. Mit mehr als 250.000 verkauften Büchern gilt er als einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren Österreichs.
Der Zufall bietet ungeahnte Chancen
Zunächst ist der Zufall weder gut noch schlecht. Es gibt glückliche Zufälle, auf die niemand verzichten will. Oder er ist beides. Reinhard K. Sprenger weiß: „Für die Evolution hingegen ist der Zufall eindeutig gut – als Überlebensprinzip. Die Biologie liebt die kleinen Kopierfehler bei der Herstellung von Imitationen. Über Sex werden die Erbanlagen zweier Individuen zufällig gemischt und auf gemeinsame Nachkommen verteilt.“ Die Bandbreite möglicher Varianz erhöht sich damit exponentiell. Das wiederum ist wichtig gegen evolutionäre Wettbewerber. Sie können sich umso schlechter auf jemanden einstellen, der häufig die Form wechselt. Dasselbe gilt für ökonomische Akteure: Wirtschaftlich erfolgreich sind jene, die nicht ausrechenbar sind. Die Chancen sehen, die der Zufall bietet. Und handeln. Ersteres tun manche, das zweite ist seltener. Reinhard K. Sprenger, promovierter Philosoph, ist einer der profiliertesten Führungsexperten Deutschlands.
Persönlichkeit ist mehr als Intelligenz
Wie gut sich ein Mensch in seiner Umwelt zurechtfindet, hängt von vielen Dingen ab. Die Kombination dieser Faktoren ist die Persönlichkeit. Jakob Pietschnig ergänzt: „Auch darum kümmert sich die Psychologie, auch wenn es da um viele Aspekte geht, die mit der kognitiven Leistung nicht immer etwas zu tun haben.“ Um die Gesamtheit der Persönlichkeit erfassen zu können, reicht natürlich ein Intelligenztest nicht. Daher hat man andere Verfahren, andere Modelle entwickelt, um weitere Facetten der Persönlichkeit messbar zu machen. Das gängigste ist momentan das sogenannte OCEAN-Modell, das die Persönlichkeitszüge Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus darstellt. In den 1960er- und 1970er-Jahren herrschte ein sehr positives Menschenbild vor. Daher erfasste man negative Züge eines Menschen nicht, denn man hielt alles Aversive für krank. Jakob Pietschnig lehrt Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Wien.
Jedes Erlebnis kann lebensverändern sein
Michaela Brohm-Badry hat Menschen getroffen, die getan haben, was sie schon lange tun wollten. Sie haben gefunden, was sie begeistert, und sie erzählen davon voller Lebensfreude. Menschen, die aufbrechen und leben. Sie sind so wie viele andere Menschen, nur ein ganz klein bisschen anders vielleicht. Michaela Brohm-Badry erklärt: „Etwas zu erforschen heißt, sich lange Zeit zu vertiefen, um die eine Forschungsfrage beantworten zu können. […] Was brauchen wir, um mitten im Leben aufzubrechen und inneren Impulsen zu folgen? Und weiter noch: Woher kommt dieser Impuls zum Aufbrechen, und wie kann der Weg gelingen?“ Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Lernforschung. Sie war langjährige Dekanin des Fachbereichs Erziehungs- und Bildungswissenschaften, Philosophie und Psychologie an der Universität Trier.
Nur der Mensch reflektiert über das Ich
Die Psychologie bezeichnet mit dem Begriff Persönlichkeit die Gesamtheit der Eigenschaften eines individuellen Menschen. Dazu gehört sein Ordnungssystem, das aus Denkmustern, Wissen und Können aufgebaut ist. Holger Volland ergänzt: „Bei uns Menschen entwickelt sich die Persönlichkeit im Laufe eines Lebens durch Wahrnehmung, Fehler machen, Neues lernen, Fähigkeiten entwickeln et cetera stetig weiter – sie wird von unserem Leben geformt.“ Antonio Damasio, ein Neurowissenschaftler, definiert Bewusstsein als „Geisteszustand, in dem man Kenntnis von der eigenen Existenz und der Existenz der Umwelt hat“. Das Bewusstsein für das persönliche Ich entsteht demnach durch den dauernden Abgleich der individuellen Situation mit dem gespeicherten Wissen und einer daraus folgenden Bewertung. Der Informationswissenschaftler Holger Volland lehrte an der Hochschule Wismar Gestaltung und kuratierte große Ausstellungen der Gegenwartskunst in Argentinien und Deutschland.
Eine Lebenskrise hört nie wirklich auf
Wer heute noch von einer Midlife-Crisis redet, der zeigt laut Andreas Salcher, dass er wirklich alt ist. Der Begriff ist de facto ausgestorben, das Phänomen der Lebenskrise dagegen nicht. Die Lebenskrise beginnt heutzutage nur meist schon Mitte 20 und hört nie mehr wirklich auf. Andreas Salcher erläutert: „Die nächste Krise bricht oft in einer Phase auf, in der wir endlich zu wissen glauben, wie das Leben funktioniert.“ Dieser Prozess des ständigen Wechsels zwischen Stabilität und Entwicklung der Persönlichkeit ist zwar durchaus lehrreich, aber auch ziemlich anstrengend. Was versteht man überhaupt unter Persönlichkeit? Unter den unzähligen gilt das „Big-Five-Modell“ heute international als das universelle Standardmodell in der Persönlichkeitsforschung. Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestseller-Autor und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.
Persönlichkeit ist ein sehr komplexer Begriff
Kränkung und Gekränktheit hängen, die betont Reinhard Haller, nie von der Persönlichkeit allein ab. Auch gibt es nicht die kränkende Charakterstruktur schlechthin, ebenso wenig wie es die idealtypische Persönlichkeit des Gekränkten gibt. Reinhard Haller erläutert: „Persönlichkeit ist ein sehr komplexer Begriff, der in der Alltagssprache nicht nur psychologische, sondern auch ethische Bestandteile beinhaltet.“ So spricht man von einer großen und starken Persönlichkeit oder einem miesen und asozialen Charakter. Nach dem psychologischen Verständnis bedeutet Persönlichkeit die Summe aller psychischen Eigenschaften und Verhaltensbereitschaften, die dem Einzelnen seine unverwechselbare Individualität verleihen. Persönlichkeit wird bestimmt durch fixierte Organisationszüge einer Person hinsichtlich Charakter, Temperament, Intellekt und körperlicher Ausstattung. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.