Die Optimierungen eines Menschen beginnen inzwischen schon früh, bereits in den Kindergärten. Diana Pflichthofer fügt hinzu: „Davor warten die gehetzten Eltern, besorgt um den täglichen Optimierungsprozess ihres Kindes. Die Menge der Synapsen innen und der zuträglichen, gewinnbringenden Kontakte außen wird schließlich einmal über die soziale Rangfolge entscheiden.“ Und sollte der Platz in der Rangfolge nicht gefallen, oh, dann liegt es ganz sicher an den Genen. Weniger Erfolg oder schlechtes Benehmen oder Aggressionen – es liegt an unseren Genen. Neuerdings gilt sogar die schlechte Laune als genetisch bedingt. Oder es liegt an der Amygdala. Oder es ist eben wieder ein Durcheinander bei unseren Neurotransmittern. Das klingt auch so überzeugend wissenschaftlich. Dr. Diana Pflichthofer ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytikerin und Gruppenanalytikerin.
Gene
Die Persönlichkeit kann sich verändern
Lange Jahre wurde in der psychologischen Forschung angenommen, dass Menschen eine stabile Persönlichkeit haben, die nahezu unverändert ist. Michaela Brohm-Badry betont: „Heute wissen wir aus zahlreichen Forschungsbefunden, dass das so nicht stimmt.“ Beispielsweise fand ein Forscherteam der Universität Michigan State in einer aktuellen Studie heraus, dass Kinder sich gegenseitig in ihren Persönlichkeitseigenschaften anstecken, wenn sie im frühen Alter viel Zeit miteinander verbringen. Sie entwickeln und übernehmen dabei Charaktereigenschaften des anderen Kindes. So zeigen auch Forschungen an Ehepaaren, dass sich Charaktereigenschaften und auch die Intelligenz im Laufe der Jahre angleichen. Ein Beleg mehr, dass das Ich auch durch die Umgebung geprägt wird und nicht nur genetisch festgelegt ist. Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Lernforschung. Sie war langjährige Dekanin des Fachbereichs Erziehungs- und Bildungswissenschaften, Philosophie und Psychologie an der Universität Trier.
Gene und Umwelt steuern das Verhalten
Eigentlich liebt der Mensch es zu kooperieren. Er ist grundsätzlich sozialer als alle anderen Tiere auf diesem Planeten. Und auch dieses Verhalten ist nun einmal von Genen und Umwelt gesteuert. Markus Hengstschläger erklärt: „Daraus leitet sich ab, dass der Mensch zu einem relevanten Anteil die Wahl hat.“ Die Gene in den menschlichen Zellen sind von Natur aus darauf ausgerichtet, mit dem eigenen Selbst und der Umwelt zu kommunizieren. Dieser Umstand sollte für die Menschen eine besonders große Motivation sein, ihr Leben und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Sie können ihre seelische und körperliche Gesundheit beeinflussen, sie können mitbestimmen, wie widerstandsfähig sie sind und wie lange sie leben. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUni Wien.
Jeder Mensch hat Begabungen und Talente
Der Mensch ist nicht auf seine Gene reduzierbar. Gene sind nur Bleistift und Papier, die Geschichte schreibt jeder selbst. Markus Hengstschläger erklärt: „Jeder Mensch hat Begabungen und Talente, und wir müssen es jedem ermöglichen, sie zu entdecken und zu entwickeln.“ Leider passiert es bis heute immer noch zu oft – auch im Bildungswesen –, dass junge Menschen vermittelt bekommen, sich gerade dort mehr anzustrengen, wo ihre Schwächen liegen. Ihre Individualität, ihre Begabungen erhalten oft zu wenig Aufmerksamkeit, und dadurch entsteht zu oft Durchschnitt, der Feind des Neuen. Talente richtig zu fördern, unterstützt auch die Entfaltung der individuellen Persönlichkeit. Individualität und das richtige Management von Talenten steigern zudem die Erfolgschancen im Privatleben und in der Berufswelt. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUniWien.
Talent ist ein komplexes soziales Phänomen
Genetiker sagen: „Die Gene sind Bleistift und Papier, aber die Geschichte schreiben wir selbst.“ Das Talent eines Menschen hängt laut Andreas Salcher von vier Faktoren ab: Erstens von der genetischen Veranlagung. Zweitens von dem Umfeld von Gesellschaft, Eltern, Lehrern und Freunden. Drittens von der Eigenmotivation und schließlich vom Zufall. Talent ist dabei keine Eigenschaft wie ein hoher Intelligenzquotient (IQ), die einem Menschen angeboren ist, sondern ein komplexes soziales Phänomen. Schon allein was in einer Gesellschaft als besonders wertvolle Eigenschaft gewertet und daher anerkannt wird, ist sehr unterschiedlich. Andreas Salcher nennt ein Beispiel: „So galt Epilepsie in manchen Kulturen als göttliche Gabe und wurde hoch verehrt.“ In den westlichen Gesellschaften gelten Menschen, die einen IQ höher als 130 haben, als besonders begabt. Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestseller-Autor und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.
Ein unverstellter Körper führt zur Lust
Wo sich der menschliche Körper unverstellt zeigen darf, ist Lust. Ob er es darf, entscheidet jedoch nicht er alleine. Maßgebliche Teile des Selbst können beispielsweise der Überzeugung sein, dieser Körper sei niemanden zuzumuten. Oder körperlicher Kontakt sei grundsätzlich abzulehnen oder das eigene Selbst sei schlecht. Manfred Bauer weiß: „Stellt sich das Selbst – auf die eine oder andere Weise – quer, dann mag der Körper einem Adonis gleichen oder der Allegorie des Frühlings entsprechen: Lust wird sich nicht einstellen.“ Auch ein Fitnessstudio gestählter Körper wird seinem Besitzer dann, wenn das Selbst nicht mitspielt, im Bett keine Freude bereiten. Denn Lust ist dort, wo sich nicht nur der Körper, sondern auch das Selbst unverstellt zeigen darf. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Die Gene bestimmen nicht das Wesen des Menschen
Was sich in der sozialen Umwelt ereignet, steuert die Aktivität der Gene eines Menschen, beeinflusst die Biologie seines Körpers und ist an der Konstruktion seines Gehirns beteiligt. Diese Erkenntnis dringt erst langsam durch. Die Vorstellung, das Wesen des Menschen sei durch seine genetische Ausstattung vorprogrammiert, ist laut Joachim Bauer überholt. Dennoch erfreut sie sich in einigen evolutions- und soziobiologischen Kreisen nach wie vor großer Beliebtheit. Die Vorstellung, Gene hätten bereits bei der Zeugung eines Kindes den Plan, was aus einem Menschen einmal wird, ist für Joachim Bauer abwegig. Sie widerspricht Erkenntnissen der modernen Genetik und neurowissenschaftlichen Forschungsergebnissen, die unter dem Begriff Neuroplastizität bekannt wurden. Wie sich Kinder und Jugendliche entwickeln, hängt nicht nur davon ab, welche Gene sie mitbringen und ob sie gut versorgt werden. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.