Die Gene bestimmen nicht das Wesen des Menschen

Was sich in der sozialen Umwelt ereignet, steuert die Aktivität der Gene eines Menschen, beeinflusst die Biologie seines Körpers und ist an der Konstruktion seines Gehirns beteiligt. Diese Erkenntnis dringt erst langsam durch. Die Vorstellung, das Wesen des Menschen sei durch seine genetische Ausstattung vorprogrammiert, ist laut Joachim Bauer überholt. Dennoch erfreut sie sich in einigen evolutions- und soziobiologischen Kreisen nach wie vor großer Beliebtheit. Die Vorstellung, Gene hätten bereits bei der Zeugung eines Kindes den Plan, was aus einem Menschen einmal wird, ist für Joachim Bauer abwegig. Sie widerspricht Erkenntnissen der modernen Genetik und neurowissenschaftlichen Forschungsergebnissen, die unter dem Begriff Neuroplastizität bekannt wurden. Wie sich Kinder und Jugendliche entwickeln, hängt nicht nur davon ab, welche Gene sie mitbringen und ob sie gut versorgt werden. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.

Kinder lernen am Modell

Die Entwicklung eines Kindes entscheidet sich vom ersten Lebenstag an, in hohem Maße daran, welchem sozialen Umfeld sie ausgesetzt sind. Es ist von großer Bedeutung, welche Menschen sie um sich haben, wie sie von diesen angesprochen werden und davon, welche Möglichkeiten die Welt bietet, selbst zu einem Akteur zu werden. Joachim Bauer stellt fest: „Soziale Einflüsse finden den Weg in die Tiefen der menschlichen Biologie. Dazu kommt dann, was junge Menschen selbst aus ihren Chancen machen.“

Kinder und Jugendliche saugen alles, was sie um sich herum beobachten, regelrecht in sich auf. Das meiste, was sie lernen, erfassen sie durch Sehen und Wahrnehmen dessen, was um sie herum los ist. Eine Tatsache, die in der amerikanischen Neurowissenschaft den Begriff des „Social Brain“ und in der Psychologie, schon vor Jahren, den des „Lernens am Modell“ entstehen ließ. Wenn vom Leben eines Kindes gesprochen wird, stehen oft die materiellen Gegebenheiten im Vordergrund der Aufmerksamkeit.

Ein Säugling ist auf die „Zweiheit“ angewiesen

Dazu zählt Joachim Bauer etwa die Verpflegung, die Wohnung, die Kita, zur Verfügung stehendes Spielmaterial, die Wohngegend und das umgebende Ökosystem. Die Bedeutung dieser wichtigen Voraussetzung soll jedoch nicht relativiert werden. Doch ohne sich dessen bewusst zu sein, hängt man leicht der Vorstellung an, ein Kind trete mit den Gegenständen seiner Umwelt direkt in Kontakt. Und erschließt sich so, Schritt für Schritt, die Welt. Tatsächlich passiert etwas anderes: Bevor es auf die Welt schaut, blickt das Kind auf die Menschen seiner Umgebung.

Die entscheidende erste Begegnung mit der Welt am Beginn des Lebens ist für den Säugling der Blick in die Augen eines anderen Menschen. Dort erhält das Kind, das noch kein zur Reflexion fähiges Bewusstsein besitzt, die ersten wichtigen Informationen. Nämlich dass es erkannt wird, wie es erkannt wird und ob die Welt, also das, was „da draußen“ ist, ein freundlicher Ort ist, an dem man sich gut fühlen kann und darf. Alles außerhalb der „Zweiheit“, die durch den Blick- und Körperkontakt zu seiner Bezugsperson gebildet wird, ist für den Säugling zunächst ohne Belang. Quelle: „Wie wir werden, wer wir sind“ von Joachim Bauer

Von Hans Klumbies

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