Thomas W. Albrecht schreibt: „Oft wird im täglichen Sprachgebrauch eine bloße Meinungsäußerung als unverrückbare Tatsache und Werturteil hingestellt und die Person, die das Urteil abgibt, nicht genannt.“ Man bezeichnet dieses Sprachmuster als „Verlorengegangenes Performativ“. Hinterfragt man die betreffende Äußerung, kann man den Bezug zu der Person herstellen, welche die jeweilige Erfahrung gemacht hat, die zur formulierten Tatsache beziehungsweise zum Werturteil geführt hat. Das erlaubt ein tieferes Verständnis, wie das Urteil zustande kam, mit wem und welchen Umständen es zu tun hat, und das es nichts mit dem Zuhörer zu tun hat. Ein weiteres Muster von Generalisierungen ist die sogenannte „Komplexe Äquivalenz“. Hier werden zwei Aussagen in dem Sinne gleichgestellt, als wäre ihre Bedeutung äquivalent. Die gleichgestellten Aussagen befinden sich jedoch auf unterschiedlichen logischen Ebenen. Thomas W. Albrecht ist Experte für Kommunikation und Rhetorik.
Werte
Der Charakter bleibt auch im Alter formbar
Ende des 19. Jahrhunderts stellte William James, der Gründervater der Psychologie in den USA, eine kühne Behauptung auf: „Im Alter von dreißig Jahren erstarrt der Charakter wie Gips und wird nie wieder weich.“ Kinder können demnach ihren Charakter noch entwickeln, Erwachsene haben Pech gehabt. Vor Kurzem hat ein Team von Sozialwissenschaftlern ein Experiment gestartet, um diese Hypothese zu überprüfen. Adam Grant erklärt: „Die Gruppe, bei der es um die Förderung des Charakters ging, nahm an einem von Psychologen konzipieren Kurs teil, der zum Ziel hatte, die Eigeninitiative zu steigern.“ Die Probanden beschäftigten sich mit den Themen Proaktivität, Disziplin und Entschlossenheit und übten, diese Eigenschaften in die Tat umzusetzen. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der renommierten Wharton Business School. Seine Forschungsbeiträge im Bereich Motivation und Produktivität wurden vielfach ausgezeichnet.
Die eigenen Meinungen können heilig werden
Die meisten Menschen sind daran gewöhnt, sich mittels ihrer Überzeugungen, Ideen und Ideologien zu definieren. Adam Grant warnt: „Das kann zum Problem werden, wenn es uns davon abhält, unsere Meinungen zu ändern, während die Welt sich ändert und Wissen sich weiterentwickelt.“ Die eigenen Meinungen können dabei so heilig werden, dass man allein schon den Gedanken ablehnt, im Irrtum zu sein. Das totalitäre Ego macht sich sofort daran, Gegenargumente auszuschalten, Gegenbeweise zu unterdrücken und Lernen unmöglich zu machen. Wer man ist, sollte sich daran orientieren, was man wertschätzt, und nicht daran, was man glaubt. Werte – wie Vortrefflichkeit und Großzügigkeit, Freiheit und Fairness oder Sicherheit und Integrität – sind wünschenswerte Grundprinzipien im Leben. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der Wharton Business School. Er ist Autor mehrerer internationaler Bestseller, die in 35 Sprachen übersetzt wurden.
Eine Gesellschaft braucht gemeinsame Werte
Längst ist die Notwendigkeit, bewusst den Blick auf die für den Gefühlshaushalt wesentliche Dinge im Leben zu richten, zu einem Thema von gesellschaftlicher Relevanz geworden und betrifft daher auch die Politik. Hans-Otto Thomashoff ergänzt: „Eine Diskussion ist in Gang gekommen, die zum Ziel hat, dass wir unsere Gesellschaft so umbauen, dass sie sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert.“ Das Teilen von Gefühlen, das zu zweit im direkten Austausch bestens funktioniert, klappt genauso in der Gesellschaft. Kulturell geteilte Umgangsformen und gemeinsame Werte führen zu einem Wir-Gefühl, das in der Resonanz wechselseitiger Bestätigung zum gemeinschaftlichen Lebensgefühl wird. Wo es einer Gesellschaft gelingt, durch gemeinsame Werte, Ziele und verbindende Umgangsformen ein positiv gestimmtes Miteinander zu etablieren, ist viel dafür getan, dass die Menschen sich wohlfühlen. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.
Die Symptome der Bitterkeit sind aggressiv
Reinhard Haller stellt fest: „Die Symptome der Verbitterung ähneln jenen der Depression, sind aber wesentlich aggressiver und selbstzerstörerischer.“ Während die Depression lähmt, regt die Verbitterung auf. „Die Depression ist ein starrer, dunkler Klumpen. Die Bitterkeit schwingt, sie bewegt sich wie ein zirkulierendes Gift und ist leicht abzurufen“, sagt der Berliner Psychiater Michael Linden. Im Vordergrund der Beschwerden stehen Missmut und Freudlosigkeit, Gefühle von Hilflosigkeit, Schuldvorwürfe gegen anderen und sich selbst. Weitere Symptome sind aggressive und suizidale Fantasien, innere Unruhe, Schlafstörungen, psychosomatische Beschwerden wie Magen- und Gallenleiden, Rückenschmerzen sowie Druck auf der Brust. Verbitterte meiden zunehmend den sozialen Kontakt, sie erleben die Umwelt als verständnislos und kaltherzig. In vielen Fällen entwickeln sie Neid und Wut auf die scheinbar sorglose, fröhlichen und sie alleinlassende Gesellschaft. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.
Toleranz ist eine vorübergehende Gesinnung
Reinhard K. Springer erklärt: „Der Begriff „Ambiguitätstoleranz“ wurde nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt. Man versuchte wissenschaftlich herauszufinden, wieso sich bei Nazi-Größen der extreme Antisemitismus als Persönlichkeitsmerkmal entwickelt hatte.“ Seinen publizistischen Niederschlag fand dieses Konzept in Theodor W. Adornos berühmten Buch „Studien zum autoritären Charakter“. Es ist ein schwieriger Begriff. Nicht nur wegen seiner Länge, nicht nur wegen des ungebräuchlichen Fremdwortes „Ambiguität“. Sondern auch wegen der „Toleranz“. Johann Wolfgang von Goethe hielt Toleranz für minderwertig: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen.“ Das ist, mit Verlaub, zu viel verlangt. Reinhard K. Sprenger will unterscheiden dürfen zwischen dem, was er tatsächlich befürwortet, und dem, was er erträgt und toleriert. Reinhard K. Sprenger ist promovierter Philosoph und gilt als einer der profiliertesten Managementberater und Führungsexperte Deutschlands.
Viele Menschen kennen keine Grautöne
Ein immer neues Schlichtungsverfahren ist der Basiskonsens der Bürgermehrheit. Sonst funktioniert die Demokratie nicht. Reinhard K. Sprenger erklärt: „Was die Gegensatzpaare zusammenhält, nennt man dialektische Spannung. Anders formuliert: Konflikt.“ Der Konflikt besteht darin, dass die Dinge erst von ihrem Gegenteil belebt werden, erst durch das Gegenteil verständlich sind. Aber dieses Gegenteil trägt auch das „Andere“ ins Leben. Das heißt, jeder Mensch hat es mit Gegensätzen zu tun, die ohne einander nicht existieren, und gleichzeitig sich wechselseitig verneinen. Das ist paradox und dennoch die Quelle vieler Konflikte. Der Grund liegt darin, dass viele Menschen nur Weiß können. Oder nur Schwarz. Lust auf Grau? Das können nur wenige. Reinhard K. Sprenger zählt zu den profiliertesten Managementberatern und wichtigsten Vordenkern der Wirtschaft in Deutschland.
Ein Liebender gibt seinem Leben Sinn
Nicht nur mit seinem Tätigsein kann man seinem Leben insofern Sinn geben, wenn man seine konkreten Fragen verantwortungsbewusst beantwortet. Aber nicht nur als Handelnder kann ein Mensch die Forderungen des Daseins erfüllen, sondern auch als Liebender. Und zwar in liebender Hingabe an das Schöne, das Große, das Gute. Viktor Frankl stellt folgendes Gedankenexperiment vor. Ein Mensch sitzt in einem Konzertsaal und lauscht seiner Lieblingssymphonie. Diese Person ist von der Musik so ergriffen, dass es ihr kalt über den Rücken läuft. Jetzt muss man sich vorstellen, diesen Menschen zu fragen, ob sein Leben in diesem Augenblick einen Sinn habe. Viktor E. Frankl war Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Wien und 25 Jahre lang Vorstand der Wiener Neurologischen Poliklinik. Er begründete die Logotherapie, die auch Existenzanalyse genannt wird.
Die Moral setzt sich aus Werten zusammen
Der Begriff „Moral“ bezeichnet ein Bündel von Werten und ethischen Gesetzen, an denen sich „gute“ Menschen orientieren. Damit reguliert sich das zwischenmenschliche Verhalten einer Gruppe, sobald die Menschen sie verinnerlicht hat und befolgt. Damit vermeidet man Schuldgefühle und negative Konsequenzen seitens der Gemeinschaft. Helga Kernstock-Redl erläutert: „Die „Menschenrechte“ definieren zum Beispiel eine solche Wertesammlung, die weithin anerkannt ist. Meistens jedoch sind die geltenden Moralvorstellungen in einer Gruppe oder Familie nicht niedergeschrieben.“ Mehr noch: Den Menschen ist oft gar nicht bewusst, welchen moralischen Regeln sie wie selbstverständlich folgen. Erst die Übertretung macht sie sichtbar: „Das tut man nicht!“ Noch vielschichtiger wird dieses Thema, weil die aktuell wirklich gültige Moralvorstellung einer Gemeinschaft oder Einzelperson den offiziellen Gesetzen durchaus widersprechen kann. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Jeder muss für sich den Sinn des Lebens finden
Wenn ein Mensch einem anderen begegnet, neigt er dazu, sich von ihm „ein Bild zu machen“. Vielleicht erinnert er ihn an jemand anderen, vielleicht entstehen gleich sympathische oder unangenehme Gefühle, vielleicht aber auch ist er gleich „mit ihm fertig“. Uwe Böschemeyer weiß: „Den Kern eines Menschen erfahren wir gar nicht rasch, weil er zunächst verborgen ist. Unsichtbar durch all das Fremde, das sich durch die Jahre hindurch um seine Seele gelegt hat.“ Wahrscheinlich gibt es niemanden, der im vergangenen Jahrhundert so leidenschaftlich über die Sinnfrage geforscht hat wie Viktor Frankl. Was ist Sinn? Sinn, so Viktor Frankl, wird gefunden angesichts der „Forderung der Stunde, die an mich ergeht“, hier und jetzt und in der Tat. Uwe Böschemeyer ist Rektor der Europäischen Akademie für Wertorientierte Persönlichkeit und Leiter des Instituts für Logotherapie und Existenzanalyse in Salzburg.