Eine Gesellschaft braucht gemeinsame Werte

Längst ist die Notwendigkeit, bewusst den Blick auf die für den Gefühlshaushalt wesentliche Dinge im Leben zu richten, zu einem Thema von gesellschaftlicher Relevanz geworden und betrifft daher auch die Politik. Hans-Otto Thomashoff ergänzt: „Eine Diskussion ist in Gang gekommen, die zum Ziel hat, dass wir unsere Gesellschaft so umbauen, dass sie sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert.“ Das Teilen von Gefühlen, das zu zweit im direkten Austausch bestens funktioniert, klappt genauso in der Gesellschaft. Kulturell geteilte Umgangsformen und gemeinsame Werte führen zu einem Wir-Gefühl, das in der Resonanz wechselseitiger Bestätigung zum gemeinschaftlichen Lebensgefühl wird. Wo es einer Gesellschaft gelingt, durch gemeinsame Werte, Ziele und verbindende Umgangsformen ein positiv gestimmtes Miteinander zu etablieren, ist viel dafür getan, dass die Menschen sich wohlfühlen. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.

Der heroische Einzelkämpfer entspricht nicht der biologischen Natur

Die erlebte Verbundenheit stärkt die Resonanz im Miteinander und mündet in das stimmige Gefühl, dass es so passt. Hans-Otto Thomashoff betont: „Diese Wirkung von Resonanz begründet den enormen Einfluss, den unsere Beziehungen auf unser psychisches Wohlbefinden auch in der Gesellschaft insgesamt haben.“ Allerdings ignoriert man in den westlichen Gesellschaften die Bedeutung des Beziehungsumfelds auf das Wohlbefinden der Menschen weitgehend.

Ideal ist in diesen Gesellschaften der heroische Einzelkämpfer, der sich in seinem Erfolg sonnt, dabei gönnerisch seine soziale Ader spielen lässt und sich insgeheim oder offen am Neid der anderen labt. Hans-Otto Thomashoff warnt: „Doch was uns verlockend erscheint, entspricht nicht unserer biologischen Natur, entspricht nicht der Funktionsweise unserer Psyche.“ Die Forderung, in den westlichen Gesellschaften der Resonanz den ihr gebührenden Stellenwert einzuräumen, findet vor diesem Hintergrund zunehmend Gehör.

Resonanzerfahrungen prägen das Leben

Immer mehr Menschen erkennen, wie notwendig es ist, dass man den Aufbau einer Gesellschaft und ihrer Werte bewusst an die genuinen Bedürfnisse der Individuen anpassen sollte. Hans-Otto Thomashoff weiß: „Angesichts der steigenden Stressbelastung in der Gesellschaft durch die zunehmende Beschleunigung vieler Prozesse wird offensichtlich, wie wichtig Resonanzerlebnisse als Ausgleich für den Stress sind.“ Weitaus mehr sind sie sogar entscheidend für die Lebenszufriedenheit der Menschen.

Denn die Hirnstruktur der Menschen baut sich ganz wesentlich aus den Internationen mit den Mitmenschen auf, die damit das gesamte Wesen einer Person prägen. Gerade alte Menschen sind auf ein funktionierendes soziales Umfeld angewiesen, weil sich ihr Handlungsspielraum einschränkt und sie oft hilfsbedürftig werden. Hans-Otto Thomashoff fordert: „Dort, wo traditionelle Familienverbände oder vergleichbare Gemeinschaften nicht mehr existieren, sollten entsprechende Ersatzstrukturen gezielt gefördert werden.“ Resonanzerfahrungen prägen das Leben. Das fördert die Zufriedenheit. Quelle: „Mehr Hirn in die Politik“ von Hans-Otto Thomashoff

Von Hans Klumbies

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