Kränkungen resultieren aus den direkten und indirekten Folgen der Sucht, aus Zurechtweisungen und Vorwürfen, aus Streit in der Partnerschaft und Ermahnung am Arbeitsplatz, aus Führerscheinentzug und Kündigung. Reinhard Haller weiß: „Sucht greift den Selbstwert an, durch die nicht mehr unterdrückbaren Entzugserscheinungen und Gesundheitsschäden, durch das Gefühl des Versagens, besonders aber durch die Verdrängung.“ Keine andere Krankheit wird derart bagatellisiert und verleugnet wie die Sucht. Solange sich Menschen im Suchtprozess befinden, entwickeln sie ein Gebäude aus Begründungen, Rechtfertigungen, Relativierungen und Verleugnungen. Damit wehren sie sich gegen die kränkende Stigmatisierung der Sucht und wollen mit geradezu advokatischer Spitzfindigkeit verhindern, dass ihnen das weggenommen wird, was ihnen im Leben am wichtigsten geworden ist: das Suchtmittel. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).
Selbstwert
Schuldzuweisungen schaden dem Selbstwert
Eine andauernde, wenn auch falsche Schuldzuweisung ist leider irgendwann erfolgreich und sei sie noch so abstrus. Helga Kernstock-Redl weiß: „Denn steter Tropfen höhlt jeden Selbstwert, nur ein völlig lernunfähiges Gehirn wäre gefeit. Der unspezifische, ungute Eindruck, wohl doch die Ursache für das aktuelle Übel des anderen zu sein, stellt sich ein.“ Besonders schwierig zu entdecken sind nonverbale Schuldzuweisungen, die das wachsame Auge der Logik unterfliegen: Blicke, Seufzer, subtile Vorwürfe. Sie nähren eine innere Überzeugung, die wie ein Damoklesschwert jederzeit schlagend werden kann: „Wenn etwas nicht funktioniert, bin immer ich schuld. Es liegt an mir.“ Das ist selbstverständlich immer falsch. Sind Sie tatsächlich so allmächtig und enorm wichtig, dass Sie tatsächlich an allen Übeln wirklich schuld sein könnten? Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Verdeckten Narzissmus kann man verstehen
Mangelnde Information ist einer der wesentlichen Gründe dafür, warum so viele Menschen in krank machenden Bindungen ausharren. Turid Müller erklärt: „Das Erlebte verstehen und benennen zu können ist ein wesentlicher Schritt der Heilung. Er gibt uns die Klarheit und Entschlusskraft zurück, die wir durch den geistigen Nebel des toxischen Miteianders eingebüßt haben.“ Das Wort Narzissmus ist mit zahlreichen Missverständnissen verbunden. Ein Teil der Unklarheit beruht darauf, dass es nicht nur pathologischen Narzissmus gibt, sondern auch gesunden, den alle Menschen besitzen. Und das ist auch gut so: Wer sogar bei Rückschlägen um seinen Wert weiß, der kommt ohne Vergleich aus. Eigenliebe und ein stabiles Selbstwertgefühl machen es unnötig, sich anderen gegenüber aufzublasen. Zudem gibt es Lebensphasen, in denen Menschen besonders narzisstisch sind. Turid Müller ist Diplom-Psychologin und ausgebildete Schauspielerin.
Rache soll von negativen Gefühlen befreien
Eine Faustregel besagt, dass die Rache in einer Gesellschaft eine umso größere Rolle spielt, desto weniger die Kultur entwickelt ist und umgekehrt die Bedeutung der Rache bei höherer Kultiviertheit abnimmt. Die „Motivation zur Rache“ besteht vordergründig im Bedürfnis, sich durch die Racheaktion von negativen Gefühlen zu befreien. Reinhard Haller zählt dazu die Emotionen Betroffenheit, Irritation, Ärger, Angst, Zorn, Wut und Hass, vor allem aber Beschämung, Gekränktheit und Demütigung. Die eigentlich maßgebenden Motive stehen jedoch im Hintergrund und sind oft gar nicht richtig bewusst. An erster Stelle ist der Wunsch nach Wiederherstellung der Gerechtigkeit, nach Ausgleich und psychischer Harmonie zu nennen. Wenn man die Rache als „süß“ bezeichnet, ist wohl das bei Rachehandlungen erlebte Gefühl von Genugtuung gemeint. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.
Werte verleihen einem Menschen Sicherheit
Zu den sensibelsten Bereichen eines Menschen gehören seine Werte, besonders der Selbstwert. Werte sind die als erstrebenswert oder moralisch gut betrachteten Eigenschaften von Menschen, Verhaltensweisen, Handlungsmuster und Charaktereigenschaften, aber auch von Ideen, Sachverhalten und Gegenständen. Reinhard Haller fügt hinzu: „Aus solchen Wertvorstellungen bilden wir unsere Wertesysteme und darauf aufbauend können wir Wertentscheidungen treffen.“ Werte sind ein wichtiges Element einer jeglichen Gesellschaft und Kultur. Sie werden durch ebendiese Kultur und Gesellschaft weitergegeben. Werte geben metaphysisch-religiöse Orientierung, prägen die soziale Ausrichtung und sind zentraler Bestandteil des humanistischen Denkens. Die Wertphilosophie, die ihre Höhepunkte in der Güterethik des Aristoteles und in der „Idee des Guten“ von Platon hatte, wurde später von der Moraltheologie aufgegriffen. Reinhard Haller ist Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik mit dem Schwerpunkt Abhängigkeitserkrankungen.