Ein Streit muss nicht immer zerstörerisch sein
Manche Konflikte überdauern Generationen und vernichten Familien oder ganze Völker. So hat die Natur diese Sache mit der Gerechtigkeit, mit Schuld- und Opfergefühlen sicher nie gewollt. Helga Kernstock-Redl fügt hinzu: „Daneben gibt es Streitigkeiten ohne das Gerechtigkeitsthema: Manche wollen um jeden Preis ein Ziel erreichen oder bis zum bitteren Ende etwas Wichtiges – einen Menschen, eine Idee, Gesundheit oder etwas Materielles – verteidigen und schützen.“ Vielleicht ist ein Angriff reine Strategie, um den Status in einer Gruppe zu festigen. Es wäre als unfair, dem Schuldthema immer alle Schuld zu geben. Glücklicherweise muss ein Streit nicht immer zerstörerisch ablaufen. Arbeits-, Liebes- und Freundschaftsbeziehungen sind zum Beispiel nach gut gelösten Konflikten tragfähiger und vertrauensvoller als davor, weil Wichtiges geklärt oder verändert wurde, ohne dass dauerhafte Verletzungen passiert sind. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Mann ist seinen Gefühlen nicht wehrlos ausgeliefert
Manchmal steigt einer der Beteiligten aufgrund vernünftiger Überlegungen aus oder tritt aus purer Angst den Rückzug an. Helga Kernstock-Redl nennt weitere Beispiele: „Vielleicht schätzt man die Lage als hoffnungslos ein, gibt auf – und reicht die Scheidung ein, wechselt Arbeitsplatz oder Wohnort.“ Ein „Ende mit Schrecken“ ist tatsächlich immer besser als schrecklicher Streit ohne Ende. Die gute Nachricht lautet also: Man ist den antreibenden Mechanismen und Gefühlen nicht wehrlos ausgeliefert.
Innere Gesetze lassen sich erkennen, diskutieren und verändern. Helga Kernstock-Redl weiß: „Gefühle beruhigen sich durch Gesprächspausen, Entschuldigungen, Gegenleistungen oder Neubewertung. Wege aus sachlichen Differenzen können gefunden werden – sobald es gelingt, sich nicht in das scheinbar so edle Ziel der Gerechtigkeit zu verrennen, sondern dem friedlichen Ausgang Priorität zu geben.“ Wenn Menschen aus verworrenen, eskalierten Schuld-Opfer-Konflikten herausfinden wollen, braucht es manchmal Schuldgefühle dafür.
Es gibt konstruktive Wege in Richtung Frieden
Eine Mitschuld zu erkennen und somit einen eigenen Anteil fühlbar zu machen, kann vieles verändern. Was wer, wenn wir die Schuldgefühle häufiger so nutzen, wie es von der Natur vorgehen ist? Helga Kernstock-Redl erklärt: „Dann hören wir auf, sie zornig zu verleugnen, sondern spüren sie, wollen sie loswerden und lassen und dadurch motivieren, konstruktive Wege in Richtung Frieden zu gehen: in Form von Schuldausgleich, Entschuldigung, der Bitte um Verzeihung oder anderen Schritten.“
So mancher Streit lässt sich durch eine Art vorbeugender Entschuldigung vermeiden. Das ist wohl der Grund, warum wir manchmal ein Kompliment einer Kritik voranstellen. Helga Kernstock-Redl stellt fest: „Bei uns Menschen wählen Frauen im Durschnitt deutlich häufiger die Strategie der vorbeugenden Entschuldigung als Männer. Manche übertreiben das ziemlich und entschuldigen sich oft Dutzende Male pro Tag.“ Dahinter stehen allerdings nicht immer Schuldgefühle, sondern solche Formulierungen stellen lediglich Höflichkeitsfloskeln dar. Quelle: „Schuldgefühle“ von Helga Kernstock-Redl
Von Hans Klumbies

