Die Gegenwart gilt als Epoche der Erschöpfung
Anna Katherina Schaffner betont: „Letztlich geht es beim Überwinden von Erschöpfung um nichts anderes: Es gilt, wieder aufzutanken und unsere Energien freizusetzen, damit wir in der Folge bewusst entscheiden können, wofür wir unsere Kräfte verwenden wollen.“ Vielleicht ist es verzeihlich, dass wir unsere eigene Gegenwart als das Zeitalter der Erschöpfung par excellence wahrnehmen. Schließlich ist sie gekennzeichnet von einer alles durchdringenden kulturellen Überbewertung von Arbeit, vom enormen Suchtpotenzial unserer Informations- und Kommunikationstechnologien und dem nie nachlassenden psychosozialen Druck, den uns der neoliberale Kapitalismus aufbürdet. In den letzten Jahren haben Depressionen, chronischer Stress und Burnout am Arbeitsplatz in bisher unbekanntem Umfang zugenommen. Homeoffice als Folge des Lockdowns war da für viele nicht hilfreiche. Anna Katherina Schaffner ist Kulturhistorikerin und zertifizierter Burnout-Coach.
Beim Burnout handelt es sich um ein inneres Inferno
Inzwischen scheinen oft sämtliche Aspekte unseres Lebens von der Berufsarbeit dominiert. Dazu kommt, dass wir auch andere Lebenszusammenhänge zunehmend unter der Perspektive des Arbeitens betrachten: Immer mehr von dem, was wir tun, erscheint uns anstrengend und mühevoll – darunter auch die Beziehungen zu unseren Partnern, Freunden und Kindern, die Sorge um unser körperliches Wohlbefinden, unsere Psyche und unsere spirituelle Entwicklung. Anna Katherina Schaffner erklärt: „Oft schleicht sich das Gefühl ein, wir müssten auch hier gute Leistungen erbringen und an uns arbeiten – eine bezeichnende Wortwahl.“
Der Psychoanalytiker Josh Cohen schreibt: „Arbeit, in der Doppelrolle von Erwerbsarbeit und allgemeinem Funktionieren, scheint das Gebot unserer Zeit.“ Cohen analysiert Burnout als „kleine Apokalypse der Seele“ – ein inneres Inferno, das auch einen Moment der Rebellion gegen den Anspruch darstellen kann, immer zu jeder Zeit arbeiten und funktionieren zu müssen. Anna Katherina Schaffner weiß: „Im Unterschied dazu betrachtet die Journalistin Anne Helen Petersen Burnout nicht als vorübergehende Krise, sondern als Grundverfassung heutiger Millennials.“
Wir leben in einer besonders düsteren Zeit
Laut Petersen kommt es zu einem Burnout, „wenn der Abstand zwischen dem idealen und dem aktuell machbaren Leben unerträglich groß wird“. Der Sozialvertrag funktioniert heute nicht mehr. Anna Katherina Schaffner stellt fest: „Bildung ist kein sicherer Zugangsweg zu sozialer Mobilität und einem stabilen Mittelklasse-Anstellungsverhältnis mehr. Die Millennials sind in der heutigen Zeit die erste Generation, der es finanziell schlechter geht als ihren Eltern.“
Alle Überzeugungen, mit denen sie aufgewachsen sind – dass sich harte Arbeit immer lohnt, dass sie in einem leistungsorientierten freien Markt die Besten auch am erfolgreichsten sind, dass alles gut wird, wenn sie nur einen Beruf finden, den sie wirklich lieben –, sind implodiert. Anna Katherina Schaffner gibt zu: „Es stimmt schon, wir leben in einer besonders düsteren und sich rasch wandelnden Zeit. Es gibt gleich mehrere ernste Krisen, die das uns vertraute Leben bedrohen – Klimawandel, Krieg, Pandemien, ökonomische Instabilität und wachsende politische Polarisierung, um nur die wichtigsten zu nennen.“ Quelle: „Erschöpft?“ von Anna Katherina Schaffner
Von Hans Klumbies

