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Teenager sind häufiger seelisch krank

Jonathan Haidt schreibt: „Viele Experten für psychische Gesundheit bezweifelten anfangs, dass die starke Zunahme an Angst und Depression eine echte Zunahme an psychischen Erkrankungen widerspiegelte.“ Am Tag nach der Veröffentlichung unseres Buches „The Coddling of the American Mind“ erschien in der „New York Times“ ein Artikel mit der Überschrift „Teenager-Angst – der große Mythos“. Darin erhob ein Psychiater mehrere Einwände gegen das, was er als wachsende moralische Panik rund um Teenager und Smartphones ansah. Er wies darauf hin, dass die meisten der Studien, die eine Zunahme psychischer Erkrankungen zeigten, auf Selbsteinschätzungen beruhten. Eine Veränderung bei Selbsteinschätzungen hieß seines Erachtens nicht unbedingt, dass sich die zugrundeliegenden Raten von psychischen Erkrankungen tatsächlich verändert hatten. Jonathan Haidt ist Professor für Sozialpsychologie an der New York University. Seine Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen.

Immer mehr Jugendliche werden in eine psychiatrische Notaufnahme eingewiesen

Vielleicht waren junge Leute eher zu einer Selbstdiagnose bereit oder eher gewillt, über ihre Symptome zu sprechen? Oder vielleicht verwechselten sie auch leicht Angstsymptome mit einer psychischen Erkrankung? Jonathan Haidt weiß: „Richtig ist, dass man sich zahlreiche Indikatoren ansehen muss, um herauszufinden, ob die Zahl psychischer Erkrankungen tatsächlich zunimmt. Eine gute Möglichkeit dazu besteht darin, sich Veränderungen bei Daten anzusehen, die nicht auf Aussagen von den Teens selbst beruhen.“

So fanden vielen Studien beispielsweise Veränderungen bei der Zahl von Jugendlichen, die jedes Jahr in eine psychiatrische Notaufnahme oder ins Krankenhaus eingeliefert wurden, weil sie sich absichtlich selbst verletzt hatten. Jonathan Haidt nennt Beispiele: „Das kann bei einem Suizidversuch geschehen, oft durch eine Überdosis an Medikamenten, oder durch eine sogenannte nichtsuizidale Selbstverletzung, oft Schnittverletzungen, die eine Person sich zufügt, ohne sich dadurch umbringen zu wollen.“

Suizidversuche zeigen ein hohes Niveau an Hoffnungslosigkeit an

Die Rate der Selbstverletzungen bei heranwachsenden Mädchen hat sich zwischen 2010 und 2020 annähernd verdreifacht. Jonathan Haidt fügt hinzu: „Die Rate bei älteren Mädchen – Alter 15 bis 19 – verdoppelte sich, während die Rate bei Frauen über 24 im selben Zeitraum sank.“ Was also auch immer Anfang der 2010er-Jahre geschah, es traf Mädchen unter 13 und junge weibliche Teenager härter als jede andere Gruppe. Das ist ein entscheidender Hinweis. Die absichtlichen Selbstverletzungen umfassen nichttödliche Suizidversuche, die ein sehr hohes Niveau an Disstress und Hoffnungslosigkeit anzeigen.

Selbst zugefügte Schnittwunden lassen sich besser als Bewältigungs- oder Coping-Verhalten verstehen, dass manche Personen – vor allem Mädchen und junge Frauen – einsetzen, um besser mit lähmenden Angstzuständen und Depressionen fertigzuwerden. Jonathan Haidt stellt fest: „Die Suizidraten bei Jugendlichen in den Vereinigten Staaten zeigen einen zeitlichen Trend, der dem von Depressionen, Angststörungen und Selbstverletzungen generell ähnlich ist, auch wenn der rasche Anstieg ein paar Jahre früher einsetzt. Quelle: „Generation Angst“ von Jonathan Haidt

Von Hans Klumbies

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