Jeder muss für sich den Sinn des Lebens finden

Wenn ein Mensch einem anderen begegnet, neigt er dazu, sich von ihm „ein Bild zu machen“. Vielleicht erinnert er ihn an jemand anderen, vielleicht entstehen gleich sympathische oder unangenehme Gefühle, vielleicht aber auch ist er gleich „mit ihm fertig“. Uwe Böschemeyer weiß: „Den Kern eines Menschen erfahren wir gar nicht rasch, weil er zunächst verborgen ist. Unsichtbar durch all das Fremde, das sich durch die Jahre hindurch um seine Seele gelegt hat.“ Wahrscheinlich gibt es niemanden, der im vergangenen Jahrhundert so leidenschaftlich über die Sinnfrage geforscht hat wie Viktor Frankl. Was ist Sinn? Sinn, so Viktor Frankl, wird gefunden angesichts der „Forderung der Stunde, die an mich ergeht“, hier und jetzt und in der Tat. Uwe Böschemeyer ist Rektor der Europäischen Akademie für Wertorientierte Persönlichkeit und Leiter des Instituts für Logotherapie und Existenzanalyse in Salzburg.

Mangel an Sinn führt zu einem existenziellen Vakuum

Und weil jeder Mensch einzigartig und einmalig ist, kann jeder nur für sich selbst Sinn finden. Weil nun auch die Situationen des Lebens einzigartig und einmalig sind. Von Stunde zu Stunde passiert etwas anderes, von Stunde zu Stunde geschieht etwas neues. Daher ist das Leben eines Menschen eine lange Kette von Situationen, die an ihm vorüberziehen und Sinn in sich bergen. Sinn ist immer vorhanden. Je weniger ein Mensch auf die Frage nach Sinn Antworten weiß, fühlt und lebt, je weniger er Sinn erfährt, desto beziehungsloser ist er – sich selbst, anderen und anderem gegenüber.

Mangel an Sinn führt, so Viktor Frankl, zu existenzieller Frustration. Dazu gesellen sich ein existenzielles Vakuum und eine innere Leere. Und das bedeutet: sich nicht mehr orientieren zu können, nicht mehr zu wissen, wie Leben geht, nicht mehr zu wissen, wozu man überhaupt da ist. Zudem fühlt man keinen Sinn mehr und gibt die Hoffnung auf ein neues Leben auf, möglicherweise erkrankt man sogar. Ein solcher Mensch kreist mehr um das, was er nicht ist, nicht kann und nicht hat. Je mehr er um seine Mängel kreist, desto frustrierter ist er.

Ein Leben ohne Werte erzeugt Sinnkrisen

Uwe Böschemeyer ergänzt: „Je frustrierter er ist, desto mehr entwickelt sich in ihm innere Leere. Je größer dieses Vakuum ist, desto kraftloser wird sein Geist und desto weniger findet er Beziehung zu Werten.“ Je weniger er Beziehung zu Werten findet, desto mehr öffnet sich seine „leere“ Seele für Angst, Aggressivität, Depressivität, Stress, Lebensmüdigkeit, Sucht, psychosomatische Störungen und all das, was Sinnerfahrung und beglückendes Leben behindert oder verhindert.

Wenn die Seele angefüllt ist von sinnverweigernden Gefühlen, stagniert die Weiterbildung der Persönlichkeit. Je mehr die Weiterbildung der Persönlichkeit stagniert, desto mehr Frust kommt auf. Deshalb sah Viktor Frankl in der existenziellen Frustration das Kernproblem seiner Zeit. Er fasste es in dem Satz zusammen: „Menschen haben genug, wovon sie leben, aber nicht genug, wofür sie leben können.“ Uwe Böschemeyers Fazit lautet: „Ein wertleeres Leben erzeugt Sinnkrisen und, wenn sie andauern, möglicherweise Krankheiten an Körper und Seele.“ Quelle: „Von den hellen Farben der Seele“ von Uwe Böschemeyer

Von Hans Klumbies

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