Resilienz kann nicht nur dazu beitragen, dass bei der Konfrontation mit Belastungen psychische Störungen vermieden werden. Frauke Rostalski fügt hinzu: „Darüber hinaus kann sie bewirken, dass „Wendepunkte“ erst gar nicht eintreten, indem sich das Individuum kontinuierlich an die Änderungen äußerer und innerer Lebensbedingungen anpasst. Zudem erhöhen Resilienzerfahrungen selbst die psychische Widerstandskraft, indem sie das Selbstwertgefühl steigern.“ Die Förderung von Resilienz lässt sich daher als Antwort auf Vulnerabilität verstehen. Verletzlichkeit kann vermieden, gelindert oder zumindest so kompensiert werden, dass sie keinen maßgeblichen Einfluss auf die Autonomie und Teilhabemöglichkeit des Menschen hat. Hierzu trägt die Stärkung jener Faktoren bei, die Resilienz begründen. Während Vulnerabilität sämtliche Merkmale umschreibt, die eine Person in einer Situation mit hohen Anforderungen schwächen, umfasst Resilient alles Stärkende. Frauke Rostalski ist Professorin für Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtsphilosophie, Wirtschaftsrecht, Medizinstrafrecht und Rechtsvergleichung an der Universität zu Köln.
Resilienz
Die spätmoderne Gesellschaft ist vulernabel
Soziologen und Rechtswissenschaftler beschreiben mitunter die gesamte Gesellschaft als vulnerabel. Frauke Rostalski nennt ein Beispiel: „Andreas Reckwitz sieht die spätmoderne Gesellschaft einer Vielzahl von Risikokonstellationen ausgesetzt – wie beispielsweise dem Klimawandel, der Instabilität der globalen Sicherheitsarchitektur und der hohen Abhängigkeit von komplexen Technologien, die mit der Digitalisierung einhergeht.“ Seine Diagnose lautet: Die spätmoderne Gesellschaft lasse sich als „gesteigert vulnerable Gesellschaft“ beschreiben. Dies stößt auf Zuspruch aus dem Kreis der Rechtswissenschaften. Darin finden sich Stimmen, welche die Gesellschaft in einer Pandemie als vulnerabel begreifen. Das pandemische Geschehen schlage bis auf die private Ebene des menschlichen Miteinanders durch und beinträchtige den Einzelnen unmittelbar und weitreichend in seiner individuellen Lebensführung. Frauke Rostalski ist Professorin für Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtsphilosophie, Wirtschaftsrecht, Medizinstrafrecht und Rechtsvergleichung an der Universität zu Köln.
Jeder sollte sich mehr um sein Leben sorgen
Es gibt individuelle Faktoren der Persönlichkeit wie Resilienz, einen grundsätzlich positive Lebenseinstellung und die Fähigkeit, selbst kleinste Bereiche der Selbstbestimmung und Freude in jeder Tätigkeit zu finden. Andreas Salcher ergänzt: „Dem gegenüber stehen jene Menschen, die schon in stabilen Phasen ihres Lebens nur wenig Energie und Ambition besitzen. Die lassen sich dann durch stärkere Belastungen oder Krisen oft völlig fallen.“ Sie gehen gar nicht erst los, um einen Gipfel zu erreichen. Sie kapitulieren bereit vor dem ersten Anstieg vor der Herausforderung. Die gelebten Werte von Organisationen und Unternehmen beeinflussen massiv die Einstellung der Mitarbeiter zu ihrer Arbeit. Dr. Andreas Salcher ist Mitgebegründer der „Sir Karl-Popper-Schule“ für besonders begabte Kinder. Mit mehr als 250.000 verkauften Büchern gilt er als einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren Österreichs.
Begegnungen können sogar das Leben retten
Man kann nicht über die entscheidende Rolle von Begegnungen in seinem Leben sprechen, ohne an solche zu erinnern, die einem buchstäblich das Leben retten. Charles Pépin ergänzt: „Eine Begegnung kann uns das Leben auch unter weniger außergewöhnlichen Umständen, ohne heroische Tat retten. Das kann ein Arzt sein, der unsere Krankheit rechtzeitig diagnostiziert, eine Therapeutin, die als „Verbündete“ ein erlösende Wirkung hat, oder eine Person aus unserem näheren Umfeld.“ Der französische Neurologe und Psychiater Boris Cyrulnik nennt sie „Resilienzhelfer“, die durch Fürsorge, Achtsamkeit und Liebe, die sie einem Menschen entgegenbringen, ihm helfen kann, wieder auf die Beine zu kommen. Boris Cyrulnik hat das Konzept der „Resilienz“ bei der amerikanischen Entwicklungspsychologin Emmy Werner entdeck. Charles Pépin ist Schriftsteller und unterrichtet Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
Resilienz hilft bei der Bewältigung von Krisen
Unter Resilienz versteht man die Widerstandsfähigkeit, die man braucht, um Ausnahmesituationen und Krisen zu bewältigen. Markus Hengstschläger fügt hinzu: „Eine Bewältigungsstrategie – Coping – beruht unter anderem darauf, in solchen Situationen auf stabile Ressourcen zurückgreifen zu können.“ Folglich kann man Resilienz in unsicheren Situationen dadurch unterstützen, dass man laufend parallel bewährte stabile Konzepte verfolgt, auf die man immer wieder zurückgreifen kann. Durch die Wechselwirkung zwischen dem erwünschten Fehlermachen und der Verarbeitungsmöglichkeit von Rückschlägen kommt ein Prozess in Gang, bei dem man Resilienz erlernen kann. Das Experimentieren erlaubt es dem Menschen, Rückschläge als Instrumente der Weiterentwicklung zu akzeptieren und Schritt für Schritt die persönliche Resilienz zu erweitern. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUni Wien.
Resilienz kann man erlernen und trainieren
Zahlreiche Wissenschaftler erforschen, wie sehr man Resilienz beispielsweise erlernen oder trainieren kann. Ähnlich wie beim Ausdauer- oder Krafttraining untersuchen sie, was einen Menschen widerstandsfähiger macht. Maren Urner erklärt: „Dabei habe ich zeitweise das Gefühl, dass Resilienz zu einer Art Soft Skill oder gar Muskel gemacht wird, um im stressigen Arbeitsalltag bestehen zu können und den Krisen unserer Zeit gegenüber gewappnet zu sein.“ Ein wenig wie die Tatsache, dass Technologieunternehmen im Silicon Valley ihren Mitarbeitern Yogakurse, Biomüsli und Entspannungsräume anbieten. Denn irgendwie hinterlassen die Bemühungen seitens der großzügigen Arbeitgeber am Ende eines langen Arbeitstages doch einen faden Beigeschmack. Geht es letzten Endes in erster Linie vielleicht doch nur um die Maximierung der Arbeitsleistung? Dr. Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.
Dauerstress macht psychisch krank
„Viele von uns versetzt das Zusammenkommen der Krisen in Dauerstress“, sagt Professorin Judith Mangelsdorf. Sie ist Direktorin der Deutschen Gesellschaft für Positive Psychologie. „Es kommt zu einer langfristigen Ausschüttung des Stresshormons Cortisol, die dafür sorgt, dass wir schlechter schlafen, dünnhäutiger werden. Außerdem leistet Dauerstress vielen psychischen Erkrankungen Vorschub.“ Untersuchungen zeigen, dass die Zahl der seelischen Erkrankungen seit Anfang 2020 zugenommen hat. Die Weltgesundheitsorganisation verzeichnete einen Anstieg von Angsterkrankungen und Depressionen um 25 Prozent im ersten Jahr der Pandemie. Eine Überblicksstudie im Fachmagazin „Lancet“ zeigte, dass in Mitteleuropa etwa ein Drittel der Studienteilnehmer an einer psychischen Krankheit litt. „Das heißt aber auch, dass zwei Drittel gesund geblieben sind – und auch von den Neuerkrankten erholten sich einige rasch wieder“, betont Michèle Wessa, Professorin für Klinische Psychologie und Neuropsychologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.
Die positive Psychologie erlebt einen Boom
Der Soziologe Andreas Reckwitz steht auf der Seite der Evolution. Svenja Flaßpöhler erläutert: „So begrüßt er ausdrücklich die zunehmende Sensibilisierung der Gesellschaft und weist allerdings darauf hin, dass diese verfeinerte Wahrnehmung nicht nur positive, sondern auch ambivalente und negative Gefühle hervorbringt.“ Genau diese unangenehmen Gefühle wollen viele Menschen nicht mehr akzeptieren. Andreas Reckwitz verweist zudem auf problematische Konjunktur der positiven Psychologie: „Sensibilität ja, aber bitte nur verknüpft mit positiven Gefühlen! Sensibilität ja, aber als Sinn für wohlgestaltete ästhetische Formen, als Sinn für rücksichtsvolles Miteinander, als Sinn für die Gestaltung des Wohlbefindens von Körper und Seele. Eine Wohlfühlsensibilität.“ So augenöffend diese Beobachtung ist, kann auch sie Schlagseite bekommen. Einer Person of Colour, die auf dem Weg zur Arbeit aufgrund ihrer Hautfarbe Beschimpfungen erlebt, zu sagen, sie müsse auch offen sein für negative Gefühle, ist sicher nicht das, was Andreas Reckwitz meint. Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des „Philosophie Magazin“.
Resilienz zeugt von Widerstandsfähigkeit
Das deutsche Wort „Resilienz“ stammt vom lateinischen Begriff „resilire“ – zurückspringen, abprallen – ab. Ursprünglich verwendete man das Wort in der Physik. Es bezeichnete die Eigenschaft von Körpern, nach der Verformung durch eine Außenstörung in ihren Ausgangszustand zurückzukehren. Svenja Flaßpöhler will zeigen, dass Resilienz und Sensibilität keineswegs notwendig in Opposition stehen. Das tun sie ihrer Meinung nach nur, solange sie verabsolutiert werden. So offenbart sich bei dem Versuch, die Schriften Ernst Jüngers mit Sigmund Freud zu lesen, dass sich unterhalb der Kriegs- und Gewaltverherrlichung ein Lebensdrang artikuliert, der bei traumatischen Erfahrungen höchster Ohnmacht rettend sein kann. Svenja Flaßpöhler ergänzt: „Auch das Werk Friedrich Nietzsches zeugt bei näherem Hinsehen nicht einfach von Verpanzerungsfanatismus.“ Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des „Philosophie Magazin“.
Leiden und Glück lässt sich nicht trennen
Die Auffassung, dass das Glück der Menschen vor allem etwas mit ihrer Sterblichkeit und der Vergänglichkeit zu tun hat, war in der Antike weit verbreitet. Im praktischen Leben kann diese Einsicht helfen, besser mit Schmerz, Trauer und Verlust umzugehen. Denn dann versteht man, dass diese Aspekte des Lebens notwendig mit Glück und Freude verbunden sind. Albert Kitzler stellt fest: „Wir können das eine nicht ohne das andere haben. Sie sind wie mit einem Strick zusammengeknotet, bemerkte Sokrates einmal.“ Das Verstehen dieser Lebenstatsache macht die Menschen duldsamer und stärker. So können sie unvermeidbares Leiden leichter ertragen. Man kann dann damit umgehen, die emotionale Erschütterung, die von solchen Leiden ausgeht, abzufedern und in seiner Mitte zu bleiben. Der Philosoph und Jurist Dr. Albert Kitzler ist Gründer und Leiter von „MASS UND MITTE“ – Schule für antike Lebensweisheit.