Man sollte sich seiner Vorurteile entledigen

Charles Pépin schreibt: „Begegnung ist auch dies: ein Zunichtemachen unserer Repräsentationen, unserer vorgefasste Meinungen zur Welt und zu den Lebewesen durch die Wirklichkeit.“ Der Zustand der Bereitschaft erfordert also auch, dass man seine Erwartungen lockert, seine Kriterien und Vorurteile aufweicht. Letztere verengen gleich Scheuklappen des Blickfeld und hindern einen Menschen, in Erwägung zu ziehen, was ihn glücklich machen könnte. Man sollte sich seiner Vorbehalte entledigen, seine Überfügungen und Gewissheiten infrage zu stellen. Wie oft verwechselt man überstürzte Urteile, die nach einer schlechten Erfahrung auf der Außenhaut des eigenen Geistes deponiert werden, konformistische Gedanken und verformte Widerklänge einer gehörten Geschichte mit authentischen Überzeugungen. Diese bröckeligen Meinungen zu entlarven und darüber hinaus imstande zu sein, die eigenen Gewissheiten gegen Zweifel einzutauschen, darin liegt das Geheimnis der Bereitschaft. Charles Pépin ist Schriftsteller und unterrichtet Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

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Stereotype können verlässlich sein oder nicht

Vorurteile können sich auf vielfältige Weise einschleichen. Miranda Fricker konzentriert sich dabei auf die Überlegung, dass sie in erster Linie auf Stereotype zurückgehen, die Menschen bei ihren Glaubwürdigkeitsurteilen als heuristische Entscheidungshilfen dienen. Miranda Fricker fügt hinzu: „Dabei verwende ich den Begriff des Stereotyps wie bisher in einem neutralen Sinne, das heißt Stereotype können verlässlich sein oder auch nicht.“ Zwar gehören verlässliche Stereotype zu jenen Mitteln des Verstandes, mithilfe derer ein Zuhörer Glaubwürdigkeit beurteilt, doch wird Miranda Fricker zeigen, dass Zuhörer dazu neigen, sich auf Stereotype zu berufen, die ein Vorurteil darstellen. In der sozialpsychologischen Forschung gibt es unterschiedliche Auffassungen, was genau mit „Stereotyp“ gemeint ist. Miranda Fricker ist Professorin für Philosophie an der New York University, Co-Direktorin des New York Institute für Philosophy und Honorarprofessorin an der University of Sheffield.

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Vorurteile führen oft zu Ungerechtigkeiten

Systematische Zeugnisungerechtigkeit entsteht nicht durch Vorurteile an sich, sondern durch jene Vorurteile, die eine Person durch die verschiedenen Dimensionen gesellschaftlichen Handelns „verfolgen“: Wirtschaft, Ausbildung, Beruf, Sexualität, Recht, Politik, Religion und so weiter. Miranda Fricker weiß: „Wenn jemand von einem solchen verfolgenden Vorurteil betroffen ist, ist er nicht nur anfällig für Zeugnisungerechtigkeit, sondern auch für viele weitere Arten von Ungerechtigkeit.“ Die gängigste Art von Vorurteilen, die Menschen verfolgen, sind Vorurteile, die ihre soziale Identität betreffen. Miranda Fricker nennt sie also „Identitätsvorurteile“. Sie treten in positiver oder negativer Form auf: Ein bestimmter Aspekt der sozialen Identität kann eine positive oder negative Voreingenommenheit auslösen. Miranda Fricker ist Professorin für Philosophie an der New York University, Co-Direktorin des New York Institute für Philosophy und Honorarprofessorin an der University of Sheffield.

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Die gnadenlose Selbstoptimierung ist in

Viele Menschen blicken heutzutage verunsichert in die Zukunft. Sie wissen nicht, an welche Institutionen oder Werte sie sich halten können. Deshalb suchen sie ihr Heil häufig in einer gnadenlosen Selbstoptimierung. Ulrich Schnabel weiß: „Denn das Konkurrenzprinzip, das dem Kapitalismus zugrunde liegt. Er treibt den Einzelnen in einen steten Wettbewerb mit allen anderen.“ Dabei konkurriert man nicht nur um die besten Arbeitsplätze, sondern auch um die schönsten Wohnungen, die attraktiveren Partner, das lässigste Outfit, das stählernste Sixpack, die meisten Likes auf Facebook. Anstelle des sozialen Zusammenhalts und des Wir-Gefühls treten der eifersüchtige Vergleich mit anderen. Dazu kommt die stete Sorge, ob das eigene Ich diesem Vergleich standhält. Leider kennt die Sozialpsychologie eine sehr unschöne Methode, um in solchen Situationen das eigene Selbstwertgefühl zu stabilisieren. Sie nennt ihn den „abwärtsgerichteten sozialen Vergleich“. Ulrich Schnabel ist seit über 25 Jahren Wissenschaftsredakteur bei der ZEIT.

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