Die gnadenlose Selbstoptimierung ist in

Viele Menschen blicken heutzutage verunsichert in die Zukunft. Sie wissen nicht, an welche Institutionen oder Werte sie sich halten können. Deshalb suchen sie ihr Heil häufig in einer gnadenlosen Selbstoptimierung. Ulrich Schnabel weiß: „Denn das Konkurrenzprinzip, das dem Kapitalismus zugrunde liegt. Er treibt den Einzelnen in einen steten Wettbewerb mit allen anderen.“ Dabei konkurriert man nicht nur um die besten Arbeitsplätze, sondern auch um die schönsten Wohnungen, die attraktiveren Partner, das lässigste Outfit, das stählernste Sixpack, die meisten Likes auf Facebook. Anstelle des sozialen Zusammenhalts und des Wir-Gefühls treten der eifersüchtige Vergleich mit anderen. Dazu kommt die stete Sorge, ob das eigene Ich diesem Vergleich standhält. Leider kennt die Sozialpsychologie eine sehr unschöne Methode, um in solchen Situationen das eigene Selbstwertgefühl zu stabilisieren. Sie nennt ihn den „abwärtsgerichteten sozialen Vergleich“. Ulrich Schnabel ist seit über 25 Jahren Wissenschaftsredakteur bei der ZEIT.

Der Abwärtsvergleichen braucht keine reale Begründungen

Wer auf andere herabblicken kann, fühlt sich gleich ein bisschen besser. Auf diesem Prinzip beruht letztlich der ganze Kapitalismus. Das erklärt der Kognitionspsychologe Christian Stöcker, „weil der abwärtsgerichtete soziale Vergleich – mein Erfolg, dein Misserfolg – ein so effektiver Motivator ist“. Auch ganze Staatsgebilde und politische Systeme basieren auf diesem Mechanismus, bis hin zum Faschismus, der gleich das eigene Volk für wertvoller erklärt und andere zu minderwertigen „Untermenschen“ abstempelt.

Unglücklicherweise braucht man für das Abwärtsvergleichen gar keine realen Begründungen. Es kann schon reichen, jemand anderen einfach nur um des eigenen Wohlbefindens willen abzuwerten. Christian Stöcker schreibt: „Am Ende, so paradox das klingt, hassen Menschen andere Menschen – Juden, Schwarze, Ausländer, wen auch immer – um sich selbst besser zu fühlen. So wird die Verachtung zur Methode der Selbstwertsteigerung. Das erklärt auch das merkwürdige Faktum, dass die Angst vor der „Islamisierung“ ausgerechnet in jenen Gegenden stark ist, in denen kaum oder nur wenige Muslime leben.

Vorurteile entstehen in der eigenen Psyche

Ebenso zeigen die Erfahrungen der Vergangenheit, dass der Antisemitismus meist dort besonders stark war, wo es wenige oder gar keine Juden gab. Die Politologin Gesine Schwarz analysiert: „Die Ursachen von Vorurteilen liegen gar nicht bei den religiösen oder ethnischen Minderheiten, gegen die sie sich richten. Sondern vor allem in den sozialen und psychischen Befindlichkeiten der Menschen, die die Vorurteile hegen.“ Denn solche Ressentiments machten sich stets an Gruppen fest, die bedrohlich wirkten, „zugleich aber de facto schwach genug sind, um sie gefahrlos angreifen zu können“.

Was darin zum Ausdruck kommt, sind vor allem die Sorgen der von Abstiegsängsten bedrohten und von Arbeitslosigkeit Gedemütigten. Und diese Ängste reichen bis weit in die Mitte der Gesellschaft. Das andere Extrem des Vergleichens, das ebenso häufig praktiziert wird, ist kaum weniger problematisch. Die Rede ist vom „Aufwärtsvergleichen“, also dem Abgleich mit anderen Menschen, die erfolgreicher, besser oder irgendwie höherstehend erscheinen. Quelle: „Zuversicht“ von Ulrich Schnabel

Von Hans Klumbies

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