Das Ich und die Welt stehen im Konflikt zueinander

Nach Sigmund Freud gibt es einen grundsätzlichen Konflikt zwischen dem Ich und der Welt. Das lehrt die Menschen im Wesentlichen die Erfahrung der Schuld. Matthew B. Crawford fügt hinzu: „Dieser Konflikt verursacht Angst, aber er strukturiert auch das Individuum.“ Das Erwachsenwerden setzt voraus, dass sich die Menschen ihre Konflikte bewusst machen. Sie rational betrachten und klar und deutlich beschreiben, statt zuzulassen, dass sie ihr Verhalten bestimmen. Erwachsen zu sein bedeutet, dass man lernt, Grenzen zu akzeptieren. Die werden einem von der Welt gesetzt, die nicht alle persönlichen Bedürfnisse befriedigen wird. Bewältigt man diese Aufgabe nicht, bleibt man unreif. Im alten Glaubenssystem von Sigmund Freud war das Ziel einer psychoanalytischen „Heilung“ nicht Wohlbefinden. Matthew B. Crawford ist promovierter Philosoph und gelernter Motorradmechaniker.

Sigmund Freud betrachtet die Welt als Tragödie

Vielmehr sollte der Analysierte in die Lage versetzt werden, sich selbst und die Grundbedingungen der menschlichen Existenz realistisch zu sehen. Matthew B. Crawford erläutert: „Anders als viele seiner geistigen Erben hatte Sigmund Freud eine tragische Vorstellung vom menschlichen Leben. Und in dieser Vorstellung war kein Platz für Träume von einer endgültigen Befreiung.“ Die gesellschaftlichen Verbote dienen nicht einfach der Unterdrückung. Sondern sie formen den Menschentyp, der in dieser Gesellschaft lebt.

Und es geht dabei nicht nur um Anpassung; vielmehr ist das Individuum ein Geschöpf, das allein durch Konflikte entstehen kann, und zwar in einer bestimmten historischen Situation. Sigmund Freuds Gedanke kann die psychologische Anziehungskraft des Ideals der Autonomie erhellen. Der Ursprung dieses Ideals scheint die Hoffnung auf ein Selbst zu sein, das sich nicht in Konflikt mit der Welt befindet. Eine auf das eigene Gehirn beschränkte Betrachtungsweise des Selbst passt perfekt zu dieser Hoffnung.

Die Liebe zur Welt führt zu einem guten Leben

In einer Rede vor Absolventen des Kenyon College erklärte der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace, selber denken zu lernen bedeute eigentlich: „Zu lernen, wie man über das Wie und Was des eigenen Denkens eine gewisse Kontrolle ausübt. Es heißt, selbstbewusst und aufmerksam genug zu sein, um sich zu entscheiden, wie man aus Erfahrungen Sinn konstruiert.“ David Foster Wallace sagt hier etwas Wichtiges: Die Fähigkeit, Aufmerksamkeit dem eigenen Willen entsprechend zu steuern, ist eine Grundvoraussetzung für ein gutes Leben.

Matthew B. Wallace möchte dagegen darauf beharren, dass Sinn und Handlungsmacht davon abhängen, ob es einem Menschen gelingt, sich mit einer Welt auszusöhnen. Diese ist, was sie ist, und der Mensch muss einen Weg finden, diese Welt zu lieben. David Foster Wallace beschreibt das zentrale Problem eines Lebens in kritischer Selbstbewusstheit im Gegensatz zu Selbstzentriertheit: „[…] denn das Zeug, dessen ich mir automatisch sicher bin, erweist sich großen Teils als total falsch oder irreführend.“ Quelle: „Die Wiedergewinnung des Wirklichen“ von Matthew B. Crawford

Von Hans Klumbies

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