Charles Pépin schreibt: „Begegnung ist auch dies: ein Zunichtemachen unserer Repräsentationen, unserer vorgefasste Meinungen zur Welt und zu den Lebewesen durch die Wirklichkeit.“ Der Zustand der Bereitschaft erfordert also auch, dass man seine Erwartungen lockert, seine Kriterien und Vorurteile aufweicht. Letztere verengen gleich Scheuklappen des Blickfeld und hindern einen Menschen, in Erwägung zu ziehen, was ihn glücklich machen könnte. Man sollte sich seiner Vorbehalte entledigen, seine Überfügungen und Gewissheiten infrage zu stellen. Wie oft verwechselt man überstürzte Urteile, die nach einer schlechten Erfahrung auf der Außenhaut des eigenen Geistes deponiert werden, konformistische Gedanken und verformte Widerklänge einer gehörten Geschichte mit authentischen Überzeugungen. Diese bröckeligen Meinungen zu entlarven und darüber hinaus imstande zu sein, die eigenen Gewissheiten gegen Zweifel einzutauschen, darin liegt das Geheimnis der Bereitschaft. Charles Pépin ist Schriftsteller und unterrichtet Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
Zweifel
Der Zweifel am eigenen Ich ist allgegenwärtig
Der Begriff des Stresses ist nichts anderes als ein Code dafür, dass man viele Menschen von klein auf vermisst, vergleicht und auf ihre Tauglichkeit, Leistungsfähigkeit und Geschwindigkeit hin prüft. Joachim Bauer stellt fest: „Die existenzielle Frage, die uns, dem modernen, entfremdeten Menschen heute den Schlaf raubt, ist nicht – die eigentlich wichtigste aller Fragen –, wer wir sind, sondern ob wir gut genug sind.“ Der Zweifel an der eigenen Person, der den Kern der Entfremdung ausmacht, trifft einen Menschen nicht nur von außen, er sitzt auch in seinem Inneren. Denn die meisten Menschen haben die Maßstäbe der äußeren Welt verinnerlicht, obwohl sie ihnen das Leben oft genug nur zur Qual machen. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Menschen fühlen sich oft als Hochstapler
Von Zeit zu Zeit mach sich bei vielen Menschen eine durch ein weniger lähmendes Gefühl des Zweifels geprägte Form des Hochstapler-Syndrom breit. Mehr als die Hälfte der Menschen, die man kennt, haben sich zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Berufslebens wie ein Hochstapler gefühlt. Adam Grant ergänzt: „Man nimmt an, dass dies bei Frauen und marginalisierten Gruppen besonders häufig der Fall ist. Seltsamerweise scheint es jedoch auch unter Überfliegern stark verbreitet zu sein.“ Zu Adam Grants Studenten gehören Leute, denen ein Patent erteilt wurde, noch bevor sie trinken konnten, und die Schachmeister wurden, bevor sie Auto fahren konnten. Dennoch kämpfen sie immer noch mit Unsicherheit und stellen ständig ihre Fähigkeiten infrage. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der Wharton Business School. Er ist Autor mehrerer internationaler Bestseller, die in 35 Sprachen übersetzt wurden.
Selbstvertrauen braucht das richtige Maß
Viele Menschen stellen sich das Selbstvertrauen wie eine Wippe vor. Adam Grant erläutert: „Gewinnen wir zu viel Selbstvertrauen, werden wir arrogant. Verlieren wir zu viel Selbstvertrauen, werden wir kleinlaut. Unsere Angst in puncto Demut ist, dass wir uns schließlich selbst gering schätzen.“ Man will die Wippe in Balance halten und sucht nach dem gerade richtigen Maß an Selbstvertrauen. Vor Kurzem hat Adam Grant jedoch gelernt, dass das die falsche Herangehensweise ist. Demut wird oft missverstanden. Sie hat nichts mit geringem Selbstvertrauen zu tun. Eine der lateinischen Wurzeln von „Demut“ bedeutet „von der Erde“. Es geht darum, geerdet zu sein – zu erkennen, dass man fehlbar ist. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der Wharton Business School. Er ist Autor mehrerer internationaler Bestseller, die in 35 Sprachen übersetzt wurden.
Die Sinnfrage entspringt dem Zweifel
Nicht nur gibt es eine Vielzahl von Antworten auf die Sinnfrage, auch die Frage selbst ist äußerst mehrdeutig. Christian Uhle fordert: „Wir müssen überlegen, warum wir überhaupt nach dem Sinn des Lebens fragen.“ Laut Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) ist das Staunen über die Welt und die daraus resultierende Neugier der Antrieb aller Philosophie. Trifft das auch auf die Sinnfrage zu? Natürlich kann man sie aus Neugier stellen, ganz nach dem Motto: Es wäre interessant, den Sinn des Lebens zu erfahren. Im Regelfall ist der Motor des Fragens jedoch kein neugieriges Interesse. Vielmehr beginnt man zu fragen, weil man plötzlich zweifelt. Daher entspringt die Sinnfrage einem tiefen Zweifel am eigenen Leben in dieser Welt. Das Anliegen des Philosophen Christian Uhle ist es, Philosophie in das persönliche Leben einzubinden.
Wissenschaftliches Denken sorgt für Demut
Wer die eigenen Defizite erkennt, öffnet dem Zweifel die Tür. Adam Grant weiß: „Das Infragestellen unserer derzeitigen Einsichten macht uns neugierig darauf, welche Informationen uns fehlen. Diese Suche führt uns zu neuen Entdeckungen, die wiederum dafür sorgen, dass wir demütig bleiben, indem sie untermauern, wie viel wir noch zu lernen haben.“ Wenn Wissen Macht ist, dann ist das Wissen darum, dass man nicht weiß, Weisheit. Wissenschaftliches Denken zieht die Demut dem Stolz, den Zweifel der Gewissheit und die Neugier dem Sichverschließen vor. Wenn man den Wissenschaftsmodus verlässt, weicht der Umdenkzyklus einem Zyklus der Selbstüberschätzung. Wer predigt, kann die eigenen Wissenslücken nicht sehen, denn er glaubt, dass er bereits die Wahrheit gefunden hat. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der Wharton Business School. Er ist Autor mehrerer internationaler Bestseller, die in 35 Sprachen übersetzt wurden.
Ohne Zweifel gibt es kein persönliches Wachstum
Moderne Gesellschaften überschätzen Furchtlosigkeit und Mut oftmals maßlos. Und Verletzlichkeit wird mit Schwäche gleichgesetzt. Ängste können allerdings gar nicht überwunden werden. Anja Förster und Peter Kreuz stellen klar: „Sie gehören zum Leben – und zum Geschäft – dazu und lassen sich nicht ausradieren.“ Man kann nur mit ihnen weitermachen – und ob man die Augen vor ihnen verschließt und sie ins Dunkel seiner Persönlichkeit abdrängt, das ist die eigene, ganz persönliche Entscheidung. Kluge Menschen haben immer wieder gezeigt: Man kann seine Befürchtungen, Zweifel und Ängste anschauen und wahrnehmen. Und sogar offen darüber reden. Erstaunlicherweise geht die Welt dabei nicht unter. Ganz im Gegenteil: Sich verletzlich zu zeigen, ist keineswegs Schwäche, sondern Stärke. Sie wird von anderen auch so wahrgenommen. Anja Förster und Peter Kreuz nehmen als Managementvordenker in Deutschland eine Schlüsselrolle ein.