Ein Vehikel, wie Menschen ihr Selbstbild vor moralischen Selbstzweifeln schützen können, ist die Behauptung oder Überzeugung, dass sie etwas nicht gewusst haben. Armin Falk erläutert: „Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts. Eine tolle Geschichte, die wir uns und anderen immer wieder von Neuem erzählen. Und die wir ebenso oft von anderen hören.“ Und es stimmt ja auch; Wie kann man jemanden für etwas verantwortlich machen, wenn der Betroffene nichts wissen konnte? Das Problem für die Moral ist, dass diese Ausrede oft nicht zieht. Die exkulpierende Wirkmacht des Unwissens erklärt die Strategie, warum Menschen wegsehen und nicht wissen wollen. Armin Falk leitet das Institut für Verhaltensökonomik und Ungleichheit (briq). Außerdem ist er Direktor des Labors für Experimentelle Wirtschaftsforschung, sowie Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn.
Wissen
Viele Menschen korrigieren ihre Fehler nicht
Das Problem mit dem Besserwisser-Syndrom ist, dass es dem Umdenken im Weg steht. Adam Grant stellt fest: „Wenn wir uns sicher sind, dass wir etwas wissen, haben wir keinen Grund, nach Lücken und Fehlern in unserem Wissen zu suchen. Geschweige denn, die Lücken zu füllen oder die Fehler zu korrigieren.“ In einer Studie überschätzten diejenigen, die bei einem Test zur emotionalen Intelligenz am schlechtesten abschnitten, am ehesten ihre Fähigkeiten. Und die Wahrscheinlichkeit, in ein Coaching oder eine Weiterbildung zu investieren, war bei ihnen am geringsten. Ja, einiges davon ist auf das fragile Ego eines Menschen zurückzuführen. Man glaubt, seine Schwächen leugnen zu müssen, wenn man sich in einem positiven Licht sehen oder sich anderen gegenüber im besten Licht darstellen will. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der Wharton Business School. Er ist Autor mehrerer internationaler Bestseller, die in 35 Sprachen übersetzt wurden.
Wissenschaftliches Denken sorgt für Demut
Wer die eigenen Defizite erkennt, öffnet dem Zweifel die Tür. Adam Grant weiß: „Das Infragestellen unserer derzeitigen Einsichten macht uns neugierig darauf, welche Informationen uns fehlen. Diese Suche führt uns zu neuen Entdeckungen, die wiederum dafür sorgen, dass wir demütig bleiben, indem sie untermauern, wie viel wir noch zu lernen haben.“ Wenn Wissen Macht ist, dann ist das Wissen darum, dass man nicht weiß, Weisheit. Wissenschaftliches Denken zieht die Demut dem Stolz, den Zweifel der Gewissheit und die Neugier dem Sichverschließen vor. Wenn man den Wissenschaftsmodus verlässt, weicht der Umdenkzyklus einem Zyklus der Selbstüberschätzung. Wer predigt, kann die eigenen Wissenslücken nicht sehen, denn er glaubt, dass er bereits die Wahrheit gefunden hat. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der Wharton Business School. Er ist Autor mehrerer internationaler Bestseller, die in 35 Sprachen übersetzt wurden.
Man kann wegen anderer schuldig werden
Eine echte Wahl braucht das Wissen um mögliche Folgen der einzelnen Alternativen. Fahrlässigkeit bedeutet zum Beispiel, nicht genug aufgepasst oder sich nicht informiert zu haben, obwohl man die Möglichkeit beziehungsweise die Pflicht dazu gehabt hätte. Helga Kernstock nennt ein Beispiel: „Wir alle müssen daher einer Operation im Wissen um das Risiko zustimmen und sie somit frei wählen – und entlasten damit das chirurgische Team von einer möglichen Schuld bei Komplikationen.“ Menschen können jedoch nicht wissen, was sie nicht wissen können. Doch das kann man dem Schuldsuchprogramm des Gehirns nur schwer erklären, das unbedingt Kausalzusammenhänge und Mitschuld samt Kontrollillusionen finden will. Genau deshalb ist die Frage nach der Wahlmöglichkeit ein enorm wichtiger Punkt bei der Prüfung von Schuldgefühlen. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Wissen alleine führt nicht zur Veränderung
Ulrich Schnabel warnt vor einem Missverständnis: „Wissen alleine führt noch nicht zur Veränderung.“ Das ist ja gerade eine der Irrtümer einer Wissensgesellschaft. Dass zur Veränderung eines Verhaltens vor allem Wissen notwendig ist. In Wahrheit ist es eher umgekehrt. Erst durch die Veränderung eingefahrener Gewohnheiten entstehen neue Einsichten. Denn der Großteil des menschlichen Handelns wird gar nicht bewusst gesteuert, sondern unterliegt automatisierten Routinen. Das gilt für Tätigkeiten wie Essen, Reden oder Schuhe zubinden ebenso wie für Denkgewohnheiten. Die Art, wie Menschen auf die Welt blicken ist durch all die Erfahrung geprägt, die sie im Laufe ihres Lebens gemacht haben, und wie sie ihre Umgebung verstärkt. Und diese Art des Denkens hat sich regelrecht in das Gehirn eingegraben. Ulrich Schnabel ist seit über 25 Jahren Wissenschaftsredakteur bei der ZEIT.
Wissen alleine führt nicht zur Veränderung
Ulrich Schnabel warnt vor einem Missverständnis: „Wissen alleine führt noch nicht zur Veränderung.“ Das ist ja gerade eine der Irrtümer einer Wissensgesellschaft. Dass zur Veränderung eines Verhaltens vor allem Wissen notwendig ist. In Wahrheit ist es eher umgekehrt. Erst durch die Veränderung eingefahrener Gewohnheiten entstehen neue Einsichten. Denn der Großteil des menschlichen Handelns wird gar nicht bewusst gesteuert, sondern unterliegt automatisierten Routinen. Das gilt für Tätigkeiten wie Essen, Reden oder Schuhe zubinden ebenso wie für Denkgewohnheiten. Die Art, wie Menschen auf die Welt blicken ist durch all die Erfahrung geprägt, die sie im Laufe ihres Lebens gemacht haben, und wie sie ihre Umgebung verstärkt. Und diese Art des Denkens hat sich regelrecht in das Gehirn eingegraben. Ulrich Schnabel ist seit über 25 Jahren Wissenschaftsredakteur bei der ZEIT.
Ein Mensch hat niemals ausgelernt
Dass Stress besser als sein Ruf ist, konnten Forscher der Universität Bochum belegen. Versuchsteilnehmer, die unter Stress gesetzt worden waren, konnten sich Dinge, die während der Stresssituation auftraten, besser erinnern als entspannte Probanden. Klaus Biedermann stellt fest: „Für das Lernen hieße das, dass ein gesundes Maß an Stress sich positiv auf das Langzeitgedächtnis auswirke, also durchaus hilfreich sein könne. Beim Abfragen des Gelernten ist Stress hingegen hinderlich.“ So empfiehlt es sich, Prüfungssituationen so entspannt wie möglich zu gestalten; hierbei kommt es vor allem auf die Atmosphäre des Raumes und das Auftreten des Prüfers an. Das Denken eines Menschen, seine Art zu fühlen und sein Körper interagieren und beeinflussen sich gegenseitig. Dr. phil. Klaus Biedermann leitet seit mehr als 30 Jahren Selbsterfahrungskurse und Burn-In-Seminare in seiner Sommerakademie auf der Insel Korfu.
Judith Glück rät zu lebenslanger Offenheit
Studien zeigen, dass das durchschnittliche Ausmaß an Offenheit im Laufe des Erwachsenenalters tendenziell abnimmt. Als junger Erwachsener probiert man noch vieles aus, man kann sich viele Entwicklungsmöglichkeiten vorstellen und ist bestrebt, die Beziehungsform, den Beruf, die Lebensweise zu finden, die am besten zur eigenen Persönlichkeit passt. Judith Glück fügt hinzu: „Dann entscheiden wir uns für einen Weg, und ab diesem Zeitpunkt steigen die emotionalen Kosten, die mit zu großer Offenheit einhergehen können. Irgendwann wollen wir das Leben leben, für das wir uns entschieden haben, und uns nicht länger fragen, wer wir eigentlich sind.“ Wenn man dazu noch Kinder hat und einen anstrengenden Beruf, ist man oft quasi im Autopilot unterwegs. Judith Glück ist seit 2007 Professorin für Entwicklungspsychologie an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.