Eine echte Wahl braucht das Wissen um mögliche Folgen der einzelnen Alternativen. Fahrlässigkeit bedeutet zum Beispiel, nicht genug aufgepasst oder sich nicht informiert zu haben, obwohl man die Möglichkeit beziehungsweise die Pflicht dazu gehabt hätte. Helga Kernstock nennt ein Beispiel: „Wir alle müssen daher einer Operation im Wissen um das Risiko zustimmen und sie somit frei wählen – und entlasten damit das chirurgische Team von einer möglichen Schuld bei Komplikationen.“ Menschen können jedoch nicht wissen, was sie nicht wissen können. Doch das kann man dem Schuldsuchprogramm des Gehirns nur schwer erklären, das unbedingt Kausalzusammenhänge und Mitschuld samt Kontrollillusionen finden will. Genau deshalb ist die Frage nach der Wahlmöglichkeit ein enorm wichtiger Punkt bei der Prüfung von Schuldgefühlen. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.