Alternative Fakten dienen der Verschleierung

Manchen Menschen ist schon aufgefallen, dass diejenigen Dinge und Sacherhalte, die man mit wohlklingenden neuen Begrifflichkeiten benennt, ihre eigentliche Bedeutung verlieren. Heidi Kastner nennt Beispiele: „Aus „alten Personen“ wurden „reifere Personen“, ohne dass gleichzeitig alle an Lebensjahren Reichen auch durch Lebenserfahrung reifer geworden wären.“ „Bürgernahe“ Argumente dienen der populistischen Verblendung, Arbeitskräfte werden im Rahmen von Umstrukturierungen „freigesetzt“ und nicht mehr entlassen. Probleme ersetzt man durch Herausforderungen. Die Werbung verwandelt sich in eine „Kundeninformation“, gestiegene Preise nennt man „Preisanpassung“ und nicht Preiserhöhung. Gebäude reißt man nicht ab, sondern baut sie zurück und wirtschaftlicher Stillstand führt trotzdem Wachstum im Namen, aber eben als „Nullwachstum“. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der forensischen Abteilung der Landesnervenklink Linz.

Begriffe infiltrieren das Denken

Die Methodik ist nicht neu, hat aber mit den viel zitierten „alternativen Fakten“ einen neuen Tiefpunkt erreicht und diente schon immer zur Verschleierung allzu unschöner Wahrheiten. Heidi Kastner erläutert: „Euphemismen sind zumeist behübschte Behältnisse für unangenehme Tatsachen oder gedanklichen Unrat. Und jeder, der schon von der „Endlösung der Judenfrage“ gehört hat, müsste eigentlich in der Lage sein, den Mechanismus zu erkennen und sich dagegen zu wappnen.“ Trotzdem sprechen angesehene und gebildete Menschen vom „postfaktischen Zeitalter“ und von „postfaktischer Demokratie“.

Das Ausblenden der Realität mit populistischer, meist stramm rechts orientierter Ausrichtung ist jedoch mit dem Begriff der Demokratie in keiner Weise vereinbar. Heidi Kastner weiß: „Begriffe kommen nicht zufällig in die Welt, sondern infiltrieren unser Denken und schaffen erst diejenigen Realitäten, die sie angeblich benennen.“ Die ehemalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel zeichnete einen Teil der Auswirkung vor. In einer Rede meinte sie: „Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sie folgen allein den Gefühlen.“

Es gibt keine einfachen Antworten auf diffizile Fragen

Das Problem dabei ist allerdings, dass sich Gefühle als wesentlich modellierbarer erweisen als Fakten und von einschlägig Begabten auch immer wieder höchst effizient modelliert werden. Meist ist der Ausgang im Längsverlauf nicht ideal. Die neuen Begrifflichkeiten schaffen einen Bedeutungsrahmen, in dem die Rationalität verblasst und die schillernden Farben einer emotionsbefeuerten autoritären Politik immer mehr Raum einnehmen. Der unmittelbare Gewinn einer solchen „gefühlten“ Positionierung liegt in der Möglichkeit, Komplexität und Widersprüchlichkeit auszublenden.

Dadurch findet man einfache, klare Antworten auf diffizile Fragen und muss nicht ertragen, dass es solche Antworten immer wieder einmal nicht gibt. Heidi Kastner betont: „Das Ertragen von Ambivalenz und Widersprüchlichkeit zählt zu den wesentlichen Entwicklungsaufgaben im Reifungsprozess, den viele allem Anschein nicht durchlaufen haben.“ Der Preis für diese Form von emotionaler Dummheit ist die „neue Normalität“. Der dänische Philosoph Vincent Hendricks stellt dazu fest, es sei nicht neu, dass Politiker lügen, neu sei aber, dass man mit offensichtlichen Lügen Präsident werden kann. Quelle: „Dummheit“ von Heidi Kastner

Von Hans Klumbies

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