Der Hass ist weniger irrational als vielmehr strategisch. Feinde können sich auf Augenhöhe begegnen, als Konkurrenten, die sich im Kampf um ein Gut wechselseitig sogar achten. Konrad Paul Liessmann weiß: „Hassende jedoch wollen nicht kämpfen, sie wollen beseitigen. Darin finden sie ihre Lust, ihre Genugtuung und ihre Selbstbestätigung.“ Oder, wie es der Philosoph Günther Anders formulierte: „Durch den Hass auf den anderen – auf den Feind oder Nebenbuhler – und durch deren effektive Auslöschung bestätigt man sein eigenes Dasein.“ Laut Baruch de Spinoza handelt es sich bei Liebe und Hass im Wesentlichen um ein assoziatives Übertragen. Ob der vermeintliche Geliebte oder Gehasste tatsächlich die Ursache der eigen Lust oder Unlust ist, spielt für das Aufkommen dieser Affekte keine Rolle. Konrad Paul Liessmann ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist.