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Scham ist eine quälende Emotion

Auch wenn sie jeder schon einmal gefühlt hat: Scham ist gar nicht so einfach zu beschreiben. Der Duden versucht es mit „eine quälende Empfindung, ausgelöst durch das Bewusstsein, versagt zu haben, durch das Gefühl, sich eine Blöße gegeben zu haben“. Carola Felchner stellt fest: „Klingt etwas theoretisch, aber zustimmen würden die meisten wohl in Bezug auf das Quälende. Scham ist überwältigend und schmerzhaft – und eine sogenannte selbstbezogene Emotion.“ Doch wie entsteht eigentlich Scham, welchen Zweck hat sie und ab wann wird das Gefühl zum dauerhaften, quälenden Begleiter? Wissenschaftler ergründen das Schamgefühl und kommen zur erstaunlichen Erkenntnis, dass Schamgefühle in Krisenzeiten sogar positive Effekte haben können. Verselbstständigt sich das Gefühl hingegen, kann der Teufelskreis der Scham zu Angststörungen und Depressionen führen.

Frauen fühlen Scham häufiger als Männer

Um Scham zu empfinden, ist ein soziales Gefüge notwendig. Der Austausch mit anderen und die Angst vor deren negativen Urteil sind entscheidend. Carola Felchner erklärt: „Indem wir mutmaßen, was andere über uns denken könnten, wird eine verinnerlichte Instanz aktiv, die sich an gelernten Werten, Normen und sozialen Erfahrungen orientiert.“ Damit ein Schamgefühl aufkommt, braucht es nicht einmal eine reale Situation. „Um sich zu schämen, genügt es, sich vorzustellen, dass andere etwas Bestimmtes über mich denken, sagen oder erwarten könnten, dem ich nicht genügt habe“, erläutert die Hamburger Psychotherapeutin Maren Lammers.

Maren Lammers hat mehrere Bücher zum Thema Scham geschrieben. Was genau Scham auslöst, ist individuell unterschiedlich und hängt stark mit kulturellen und gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Regeln zusammen. Auch zwischen den Geschlechtern gibt es Unterschiede: Erziehungsbedingt fühlen Frauen Scham häufiger und intensiver als Männer. Scham in Studien zu untersuchen, ist aufgrund des subjektiven Empfindens schwierig. „Es lässt sich keine experimentelle Situation herstellen, die eindeutig und nur Scham auslöst“, erklärt Maren Lammers.

Scham ist ein universelles Gefühl

Allerdings entsteht die Emotion wohl nur, wenn bestimmte Faktoren zusammenkommen. Die Psychologin Neda Sedighimornani von der Universität Bath in England hat diese Faktoren in einer Arbeit aus dem Jahr 2018 als „stabil, nicht kontrollierbar und internal“ zusammengefasst. Diese Aspekte scheinen besonders oft in den Bereichen „soziale und körperliche Abweichungen/Sexualität“, „Fehler und Versagen“, sowie „Grenzüberschreitungen und Regelverstöße“ zusammenzutreffen.

„Diese Kernthemen sind in Bezug auf Scham überall auf der Welt und über die Generationen gleich“, sagt Maren Lammers. Scham ist also ein universelles Gefühl. Carola Felchner ergänzt: „Setzt sie ein, macht das der Körper nachdrücklich und unmissverständlich klar – und zwar uns selbst ebenso wie unserem Umfeld. Wir werden rot, schlagen die Augen nieder, nehmen eine demütig gebückte Haltung ein, ziehen uns zurück oder fühlen uns wie erstarrt. Und auch, wenn wir uns in solchen Momenten nichts sehnlicher wünschen: Diese Reaktionen können wir nicht beeinflussen.“ Quelle: „Die Macht der Scham“ von Carola Felchner in „DIE WELT“ vom 9. November 2022

Von Hans Klumbies

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