Auch wenn sie jeder schon einmal gefühlt hat: Scham ist gar nicht so einfach zu beschreiben. Der Duden versucht es mit „eine quälende Empfindung, ausgelöst durch das Bewusstsein, versagt zu haben, durch das Gefühl, sich eine Blöße gegeben zu haben“. Carola Felchner stellt fest: „Klingt etwas theoretisch, aber zustimmen würden die meisten wohl in Bezug auf das Quälende. Scham ist überwältigend und schmerzhaft – und eine sogenannte selbstbezogene Emotion.“ Doch wie entsteht eigentlich Scham, welchen Zweck hat sie und ab wann wird das Gefühl zum dauerhaften, quälenden Begleiter? Wissenschaftler ergründen das Schamgefühl und kommen zur erstaunlichen Erkenntnis, dass Schamgefühle in Krisenzeiten sogar positive Effekte haben können. Verselbstständigt sich das Gefühl hingegen, kann der Teufelskreis der Scham zu Angststörungen und Depressionen führen.
Scham
Scham schützt und Beschämung verletzt
Beschämte Menschen tun sich ausgesprochen schwer, therapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Wenn es doch dazu kommt, ist ein sehr behutsames Vorgehen erforderlich, um den in seiner nackten Scham dastehenden Menschen nicht zu entwürdigen und bei ihm noch schwerere Schamgefühle hervorzurufen. Reinhard Haller weiß: „Scham hat aber auch noch zwei weitere Funktionen: jene des Warnens und Schützens.“ Scham, vom mittelhochdeutschen „skham“ kommend, heißt ursprünglich „sich bedecken, sich verhüllen“. „Scham schützt und Beschämung verletzt“, lautet eine alte Redensweise. Der Schweizer Psychiater Daniel Hell bezeichnet Scham als „Türhüter des Selbst“. Scham ist Wächterin der Grenzen beziehungsweise der Intimität, wenn man etwa sagt: „Die Scham verbietet mir …“ Wenn aber die Scham als Gefühl empfunden wird, etwas Falsches zu tun, nimmt sie einen destruktiven Charakter an. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.
Scham erfasst stets die ganze Person
Scham wird zur Zurechtweisung und Verhaltenskorrektur eingesetzt, was im Tadel „Schäm dich!“ zum Ausdruck kommt. Reinhard Haller betont: „Der Inhalt des Schämens ist stark vom Zeitgeist und Kultur abhängig.“ Während sich Scham früher besonders auf sexuelle Dinge bezogen hat, stehen heute Aussehen und Leistung, Besitz und Statussymbole im Mittelpunkt. Scham wirkt ernüchternd, anfangs oft schockierend, immer reduzierend und deprimierend. Primär reagiert man auf Scham defensiv und mit Rückzug. Der Beschämte gerät in die Defensive, er entschuldigt sich und betont seine Betroffenheit. Dieses niederdrückende Gefühl kann in extremen Fällen bis zur völligen Unterwerfung und Hilflosigkeit führen, was erklärt, weshalb Opfer von Vergewaltigungen oft keine Anzeige erstatten. Scham erfasst stets die ganze Person. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.
Scham hat immer einen fassbaren Grund
Scham, Schämen und Beschämung gehören zum großen Kreis dessen, was die Kränkung erfasst. Reinhard Haller erläutert: „Wenn man sich schämt oder beschämt wird, leidet man an einem Zustand des Unwohlseins, der Peinlichkeit, der Unruhe, der Depressivität. Man fühlt sich unsicher, schuldig und bloßgestellt, man ist gekränkt.“ Die Auslöser dieser Kränkungsreaktion sind in Mängeln, Fehlern oder Peinlichkeiten, im Verletzten basaler Gebote oder in gesellschaftlich nicht akzeptierten Verhaltensweisen zu sehen. Wenn aufgezeigt wird, dass persönliche Ziele nicht erreicht, Erwartungen der Mitmenschen nicht erfüllt und gesellschaftliche Normen nicht eingehalten worden sind, fühlt man sich beschämt. Kränkungen können völlig unbewusst, ohne eigenes Zutun und ohne wesentliche Fehler ausgelöst werden. Schämen hat immer einen fassbaren Grund, der aber nicht unbedingt mit Schuld zu tun haben muss. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.
Scham ist ein überaus belastendes Gefühl
Wenn man eine zentrale, moralische Regel bricht, wird das ein ungutes Licht auf die eigene Person werfen. Helga Kernstock-Redl erklärt: „Es zeigt mehr als einen Regelbruch, sondern weist auf einen persönlichen Makel hin, stellt unsere Identität und unseren Wert als guten Menschen infrage.“ Daher keimt neben extrem intensiven Schuldgefühlen, Angst vor Strafe und sozialer Abwertung ein weiteres auf: ein Schamgefühl. „Was sollen die Leute von mir denken? Wie konnte ich das nur tun? So peinlich.“ Scham will unter den Teppich kriechen und nie wieder hervorkommen. Es ist ein wichtiges, doch ebenfalls überaus belastendes Gefühl. Aber auch daraus kann ein Ausstieg gelingen. Die Übertretung moralischer Gesetze lässt also vorrangig ebenfalls Schuldgefühle entstehen. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Verletzlichkeit ist die Voraussetzung für Intimität
Scham ist universell. Und dennoch redet niemand gerne über sie. Aber je mehr ein Mensch sie fürchtet, desto stärker hindert sie ihn daran, mit sich selbst und anderen in Verbindung zu treten. Scham drückt sich in Gefühlen aus wie „Ich bin nicht gut genug“ oder „Wenn das schiefgeht, bin ich blamiert bis auf die Knochen“. Andreas Salcher ergänzt: „Scham hat mit unserer Verletzlichkeit zu tun. Die Bereitschaft, uns verletzbar zu machen, ist die Voraussetzung, um Intimität zulassen zu können.“ Nur ein verletzbarer Mensch kann ein empfindsamer und liebender Mensch sein. Menschen, die ein starkes Gefühl der Liebe und Zugehörigkeit haben, glauben, dass sie die Liebe und Zugehörigkeit wert sind. Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestseller-Autor und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.
Die Scham und die Freiheit bedingen einander
Die Scham, die keinem Menschen fremd sein dürfte, ist ein urmenschliches Gefühl. Wer sich nicht zu schämen vermag, ist keine erwachsene Person, das bemerkte bereits Charles Darwin. Ulrich Greiner erläutert: „Scham bedingt Reflexivität, welche die Abweichung vom Ideal für den Handelnden erst einsichtig macht.“ Im Augenblick der Scham erkennt sich ein Mensch als eine Person, die einen Fehler gemacht hat oder zumindest meint, einen gemacht zu haben, und das Bild, das ihm jetzt entgegentritt, verletzt oder beleidigt jenes Bild, das er von sich selbst hat und er wahren möchte. Ulrich Greiner war zehn Jahre lang der Feuilletonchef der ZEIT. Als Gastprofessor lehrte er in Hamburg, Essen, Göttingen und St. Louis. Außerdem ist er Präsident der Freien Akademie der Künste in Hamburg.
Ulrich Greiner analysiert die Begriffe Scham und Schuld
Es gibt so gut wie keine Gesellschaft, in der die Scham derart ausschließlich handlungsgeleitet wäre, dass nicht auch Fragen des Gewissens und der Schuld eine Rolle spielten. Umgekehrt gibt es auch keine Gesellschaft, in der Schuldgefühle nicht auch von Scham begleitet würden. Ulrich Greiner erklärt: „Die Begriffe Schamkultur und Schuldkultur sind also nicht dazu geeignet, eine Entwicklung zu beschreiben, die von einer primitiven Kulturstufe zu einer komplexeren führen würde.“ Sie eignen sich aber wohl dazu, das weitläufige Feld von Scham und Schuld zu analysieren und zu strukturieren. Ulrich Greiner war zehn Jahre lang der Feuilletonchef der ZEIT. Als Gastprofessor lehrte er in Hamburg, Essen, Göttingen und St. Louis. Außerdem ist er Präsident der Freien Akademie der Künste in Hamburg.
Bei der Scham treten Gefühle der Machtlosigkeit auf
„Wer Scham empfindet, fühlt sich – zumindest für den Augenblick – machtlos. Und wer Macht hat, neigt nicht dazu, sich zu schämen“, stellt Ulrich Greiner fest. Empfindungen der Scham sind dabei relativ unabhängig von einer historischen und kulturellen Situation, wobei die Betonung auf dem Wörtchen relativ liegt. Außerdem sind diese Schamempfindungen auf besondere Weise von der der sozialen Lage desjenigen bestimmt, der sich schämt oder beschämt wird. Niederdrückende Armut oder demütigende Abhängigkeit können dabei eine entscheidende Rolle spielen. Es geht dabei auch immer um Fragen der Macht. Das können auch mehr oder weniger zufällige sein. Ulrich Greiner war zehn Jahre lang der Feuilletonchef der ZEIT. Als Gastprofessor lehrte er in Hamburg, Essen, Göttingen und St. Louis. Außerdem ist er Präsident der Freien Akademie der Künste in Hamburg.