Bei der Scham treten Gefühle der Machtlosigkeit auf

„Wer Scham empfindet, fühlt sich – zumindest für den Augenblick – machtlos. Und wer Macht hat, neigt nicht dazu, sich zu schämen“, stellt Ulrich Greiner fest. Empfindungen der Scham sind dabei relativ unabhängig von einer historischen und kulturellen Situation, wobei die Betonung auf dem Wörtchen relativ liegt. Außerdem sind diese Schamempfindungen auf besondere Weise von der der sozialen Lage desjenigen bestimmt, der sich schämt oder beschämt wird. Niederdrückende Armut oder demütigende Abhängigkeit können dabei eine entscheidende Rolle spielen. Es geht dabei auch immer um Fragen der Macht. Das können auch mehr oder weniger zufällige sein. Ulrich Greiner war zehn Jahre lang der Feuilletonchef der ZEIT. Als Gastprofessor lehrte er in Hamburg, Essen, Göttingen und St. Louis. Außerdem ist er Präsident der Freien Akademie der Künste in Hamburg.

Ein Ritual hängt vom Glauben der Anwesenden ab

Beim Verhältnis von Macht und Scham drückt sich die Macht darin so aus, dass die Scham vom Täter zum Opfer verschoben wird und das Opfer dieser Verschiebung ohnmächtig zustimmt. Dass ein Vorgesetzter seinem Untergebenen die Untat, die er selbst an ihm begangen hat, verzeiht, das eben ist schiere Macht. Daneben gibt es rituelle Handlungen, bei denen die Menschen wissen, wie sie sich zu verhalten haben, wo ihr Platz ist, was sie sagen und was sie nicht sagen dürfen. Das hat allerdings in diesem Fall nichts mit Verboten zu tun, sondern mit Respekt.

Ulrich Greiner schreibt über ein Ritual folgendes: „Ein Ritual hängt nicht von der vollkommenen Geistesgegenwart der Anwesenden ab, nur von ihrem Glauben und ihrer stummen Zustimmung. Die Regeln eines solchen sozialen Rituals sind in einer ständischen Ordnung klar festgelegt.“ Machtverhältnisse, die sich in Demütigungen und Beschämungen ausdrücken, sind laut Ulrich Greiner in der modernen Gesellschaft unübersichtlicher, doch keineswegs seltener geworden. Die alte Ordnung war gewaltsam und streng, dafür hatte sie den Vorzug, dass sie klar und leicht zu begreifen war.

Abhängigkeit ist ein gefühlter Zustand

Im Zeitalter der Ungleichheit ist Abhängigkeit nicht mehr an den Stand oder die Klasse gebunden, sondern an die Willkür des jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Systems. Ulrich Greiner erklärt: „Es kann, wie im Kapitalismus, darauf abzielen, die Individuen für Zwecke der Arbeitseffizienz und Rendite herzurichten; und es kann, wie im Sozialismus, den Versuch unternehmen, die Individuen zu Sklaven einer totalitären Ideologie zu erziehen.“ Dabei eröffnet sich die Disziplin besondere Räume, um die Individuen für ihre Aufgaben zuzurichten: die Klausur, die Kaserne, die Fabrik und die Schule.

Armut muss für einen Betroffenen kein Grund zur Scham sein, vor allem wenn der Betroffene keine Vergleichsmaßstäbe besitzt, also nur von Menschen seinesgleichen umgeben ist, oder wenn er mit denjenigen, deren besseres Los er zu Gesicht bekommt, keinesfalls konkurrieren will. Abhängigkeit dagegen ist für Ulrich Greiner zuallererst eine subjektive Bedingung, ein gefühlter Zustand. Dabei spielt es keine erhebliche Rolle, ob diese Abhängigkeit auch objektiv besteht. Es genügt, dass die eigene Lage als belastend, vielleicht gar als ungerecht empfunden wird. Quelle: „Schamverlust“ von Ulrich Greiner

Von Hans Klumbies

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