Scham schützt und Beschämung verletzt

Beschämte Menschen tun sich ausgesprochen schwer, therapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Wenn es doch dazu kommt, ist ein sehr behutsames Vorgehen erforderlich, um den in seiner nackten Scham dastehenden Menschen nicht zu entwürdigen und bei ihm noch schwerere Schamgefühle hervorzurufen. Reinhard Haller weiß: „Scham hat aber auch noch zwei weitere Funktionen: jene des Warnens und Schützens.“ Scham, vom mittelhochdeutschen „skham“ kommend, heißt ursprünglich „sich bedecken, sich verhüllen“. „Scham schützt und Beschämung verletzt“, lautet eine alte Redensweise. Der Schweizer Psychiater Daniel Hell bezeichnet Scham als „Türhüter des Selbst“. Scham ist Wächterin der Grenzen beziehungsweise der Intimität, wenn man etwa sagt: „Die Scham verbietet mir …“ Wenn aber die Scham als Gefühl empfunden wird, etwas Falsches zu tun, nimmt sie einen destruktiven Charakter an. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

Scham hat mindestens drei Funktionen

In treffenden Volksworten heißt dies „vor Scham vergehen“ oder „sich in Grund und Boden schämen“. Damit will man wohl die Nähe zum Sterben andeuten. Scham hat also bei genauer Betrachtung mindestens drei Funktionen. Reinhard Haller erklärt: „Sie dient der Regulierung unseres Verhaltens und damit der sozialen Anpassung. Sie beschützt unsere Individualität und persönliche Integrität. Sie wird eingesetzt als Erziehungsfaktor, als Strafe und oft auch als Demütigung.“

Scham gehört somit zu den menschlichen Grundgefühlen, zu den emotionalen Basisausstattungen, die einem Individuum in allen Zeiten und in allen Kulturen gegeben sind. Scham hat eine hohe soziale Bedeutung. Scham wird dann zum Problem, wenn sie nicht oder im Übermaß vorhanden ist. Entscheidend ist auch hier die rechte Dosis. Schamgefühle sind aber auch unverzichtbare Voraussetzung für Empathie, für Verantwortung und für sozial verträgliches Verhalten.

Eifersucht resultiert im Wesentlichen aus Angst

Eifersucht ist eine mit der Kränkung eng verwandte, komplexe Emotion von schmerzhaftem Charakter. Reinhard Haller erläutert: „Im Wesentlichen resultiert sie aus Angst: Angst vor wenig Zuwendung und vorenthaltener Liebe, Angst vor Verlusterlebnissen, Angst vor eigener Schwäche.“ Bereits König Salomon, der in Sachen Eifersucht ja nicht unerfahren war, hat gemeint: „Ein gelassenes Herz ist des Leibes Leben, aber Eifersucht ist Eiter in den Gebeinen.“

Das Wort Eifersucht birgt in seinem Wortstamm die Begriffe Feuer (ai = Feuer), Bitterkeit (eiver = das Bittere) und Krankheit (Sucht = Seuche). Damit sind bereits im Ausdruck die wesentlichen Elemente einer Kränkung enthalten. Friedrich Nietzsche postuliert, die Eifersucht gehöre wie der Neid zu Schamteilen der menschlichen Seele. Max Frisch betont die Verbindung mit dem Selbstwert, wenn er Eifersucht als „Angst vor dem Vergleich“ bezeichnet. Eifersucht ist nie, wie dies oft missverstanden wird, ein Ausdruck leidenschaftlicher und verzehrender Liebe, sondern von Selbstzweifeln und Besitzansprüchen, hat also sehr viel mit Machtausübung zu tun. Quelle: „Die Macht der Kränkung“ von Reinhard Haller

Von Hans Klumbies

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