Adam Grant stellt fest: „Wenn uns unsere kognitiven Fähigkeiten sind, die uns von Tieren unterscheiden, dann sind es unsere Charaktereigenschaften, die uns Maschinen stellen.“ Computer und Roboter können heute Autos bauen, Flugzeuge lenken, Kriege führen, Geld verwalten, Mandanten vor Gericht vertreten, Krebs diagnostizieren, und sie führen auch Herzoperationen durch. Mehr und mehr kognitive Fähigkeiten werden automatisiert, wir befinden uns mitten in einer Charakterrevolution. Der technologische Fortschritt stellt Interaktion und Beziehungen in den Vordergrund, denn diese Fähigkeiten sind es, die uns menschlich machen und die daher beherrscht werden müssen. Wenn die meisten Menschen Erfolg und Glück als ihre wichtigsten Lebensziele angehen, fragt sich Adam Grant, warum der Charakter nicht ganz oben auf der Liste steht. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der renommierten Wharton Business School. Seine Forschungsbeiträge im Bereich Motivation und Produktivität wurden vielfach ausgezeichnet.
Mut
Angst und Mut brauchen das richtige Maß
Markus Hengstschläger weiß: „Zu wenig Angst durch möglicherweise zu viel Sicherheit hemmt die Anwendung der Kreativität genauso, wie zu viel Angst die Initiation des kreativen Prozesses blockiert.“ Nur das richtige Maß an Sicherheit, gemeinsam mit einer entsprechenden Fehlerkultur, beflügelt die Flexibilität und stabilisiert den notwendigen Mut, um auch immer wieder kreativ zu sein und neue Wege zu beschreiten. Das richtige Maß an Mut ist außerdem dabei deshalb so entscheidend, weil zu viel Mut gar nicht so selten in Dummheit überschlägt und dann zu vielleicht tollkühnem oder sogar unverantwortbarem Verhalten führen kann. Auch wenn sie vieles dabei erst im Nachhinein herausstellt, kann Risikoeinschätzung und laufende Abwägung etwas mehr Sicherheit schaffen. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUni Wien.
Angst kann auch ansteckend sein
Die Ängste des Menschen basieren auch auf genetischen Komponenten. Die Entstehung und Ausprägung von Ängsten werden aber sehr stark von der Umwelt mitbestimmt, und daher kann man darauf auch Einfluss nehmen. Markus Hengstschläger weiß: „So nützlich viele dieser instinktiven, intuitiven Ängste über Jahrtausende waren, so sehr haben sie in unserer Zeit oft ihren Nutzen verloren beziehungsweise stehen uns sogar im Weg.“ Das ist von besonderer Bedeutung, weil Angst auch ansteckend ist und sich auf einen ganzen Freundeskreis, ein Netzwerk, eine Social-Media-Community oder auf eine ganze Belegschaft ausbreiten kann. So könnte es am Ende des Tages dazu kommen, dass ein Einzelner, obwohl der vielleicht gar keine Angst davor entwickeln würde, deshalb keine neuen Wege einschlägt, weil viele in seinem Umfeld davor Angst haben. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUni Wien.
Mut und Angst sind nicht unvereinbar
Grundsätzlich ist der Mensch ein sehr soziales, vernunftbegabtes und lösungsorientiertes Wesen. Markus Hengstschläger fordert: „Und gerade in unserer heutigen Zeit braucht es Menschen, die sich einbringen.“ Zudem braucht es mutige Menschen, die neue Wege gehen und durch Kooperation Veränderungen bewirken wollen. Auch wenn Angststörungen und krankhafte Ängstlichkeit in der westlichen Welt extrem zunehmen, so ändert das nichts daran, dass Angst grundsätzlich ein wertvoller und rettender Instinkt ist. Sätze wie „Wir brauchen mehr Mut zu Neuem!“ führen bei so manchen Menschen zu der Annahme, dass ängstliche Menschen grundsätzlich nicht bereit sind, Neuland zu betreten. Dieses Widerspruchsverhältnis zwischen Angst und Mut existiert aber so nicht, und diese beiden Zustände sind nicht unvereinbar. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUniWien.
Ein selbstbestimmtes Leben erfordert Mut
Neben der Disziplin, auf die eigene Stimme zu hören, braucht man den Mut, ihr zu folgen. Menschen, die die Welt verändert haben wie Mahatma Gandhi, Nelson Mandela, Martin Luther King, Mutter Teresa, hatten zwar keine Macht, keine Position, keine Legitimation, keine protzige Visitenkarte, keine riesige Organisation. Was sie aber hatten, war ein großes Ja und jede Menge Mut. Anja Förster und Peter Kreuz erklären: „Sie begannen ihre Mission mit nichts als ihrer Persönlichkeit, mit außergewöhnlicher Integrität und mit der Beharrlichkeit, die einen Menschen vorantreibt, der sich auf dem richtigen Weg weiß.“ Mut zum selbstbestimmten Leben erfordert Antrieb und Ausdauer: Dabei werden sich Widersacher und Besserwisser in den Weg stellen und versuchen den Mutigen vom selbigen abzubringen. Anja Förster und Peter Kreuz nehmen als Managementvordenker in Deutschland eine Schlüsselrolle ein.
Autonomie erfordert Mut
Die Entwicklung und der Erwerb von gelingender Autonomie ist ein Prozess, der drei entscheidende Voraussetzungen hat. Zunächst muss es einen hinreichend befähigten Akteur geben, der, wenn die Zeit reif ist, Autonomie anstrebt. Joachim Bauer erläutert: „Autonomieversuche zu unternehmen, bedeutet, bekannte Wege, auf denen man von Begleitern gelenkt und beschützt wurde, zu verlassen.“ Autonom zu werden, bedeutet also nicht nur, sich neue Möglichkeiten und Chancen zu erschließen, sondern immer auch, Wagnisse und Risiken einzugehen. Dies erfordert Mut. Den besitzt nur, wer einen ausreichend starken Selbstkern in sich fühlt. Autonomie erfordert doch nicht nur ein starkes Selbst und Mut, sondern auch Besonnenheit und die Anerkennung von Grenzen. Damit ist ihre zweite Voraussetzung genannt. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Verletzlichkeit ist die Voraussetzung für Intimität
Scham ist universell. Und dennoch redet niemand gerne über sie. Aber je mehr ein Mensch sie fürchtet, desto stärker hindert sie ihn daran, mit sich selbst und anderen in Verbindung zu treten. Scham drückt sich in Gefühlen aus wie „Ich bin nicht gut genug“ oder „Wenn das schiefgeht, bin ich blamiert bis auf die Knochen“. Andreas Salcher ergänzt: „Scham hat mit unserer Verletzlichkeit zu tun. Die Bereitschaft, uns verletzbar zu machen, ist die Voraussetzung, um Intimität zulassen zu können.“ Nur ein verletzbarer Mensch kann ein empfindsamer und liebender Mensch sein. Menschen, die ein starkes Gefühl der Liebe und Zugehörigkeit haben, glauben, dass sie die Liebe und Zugehörigkeit wert sind. Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestseller-Autor und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.