Viele jungen Frauen sind extrem mutlos

Die jungen Frauen, die bei Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort in die Sprechstunde kamen, wirkten wie anästhesiert, vollkommen ratlos. Maraike Mirau ergänzt: „Was zunächst erst wie eine Depression anmutete, stellte sich in den Therapiegesprächen als tiefe Mutlosigkeit heraus.“ Die Mädchen waren nicht neugierig auf das Leben, hatten nicht den Wunsch, ferne Länder zu bereisen oder die erste große Liebe zu erleben. Sie wussten nur eins: Dass sie um keinen Preis so werden wollten wie ihre erfolgreichen Mütter. Michael Schulte-Markwort trifft in seinen Therapiestunden immer häufiger auf junge Frauen, die er als „mutlos“ beschreibt: „Erste Anzeichen sind ein schleichender Rückzug aus der Welt.“ Prof. Michael Schulte-Markwort ist Kinder- und Jugendpsychiater. Neben seiner Lehrtätigkeit ist er unter anderem Leiter der Privatpraxis Paidion.

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Ein Therapeut sollte an die Freiheit erinnern

Ein Süchtiger steht zwischen der drängenden Sucht auf der einen und seiner Freiheit auf der anderen. Manfred Lütz weiß: „An die Chancen der Freiheit zu erinnern, ist Aufgabe jeder guten Therapie. Dabei mag niemand von außen entscheiden, wie viel Sucht und wie viel Freiheit im Einzelnen vorliegt.“ Und vor allem: Kein Mensch kann sicher sein, ob er selbst bei vergleichbarem Suchtdruck nicht auch gegen seinen Willen getrunken hätte. Das macht Therapeuten bescheiden. So kommt die Freiheit vor allem bei der Therapie mit ins Spiel. Unter dem Aspekt der Freiheit kann man sich durchaus fragen, was der Sinn einer psychischen Störung sein könnte. Jedenfalls ist die Perspektive der Freiheit für jede psychische Situation immer möglich. Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut, Kabarettist und Theologe.

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Menschen streben nach Stimmigkeit

Sich auszukennen, die Regeln zu verstehen, die in der Welt gelten, ist für das Überleben entscheidend. Deshalb ist auch das Streben nach Stimmigkeit tief im menschlichen Gehirn verankert. Hans-Otto Thomashoff fügt hinzu: „Andauernd suchen wir nach Erklärungen, mit der Folge, dass wir nicht selten sogar dort Zusammenhänge sehen, wo gar keine sind.“ Das Gehirn greift auf Schablonen zurück, um sich ein Bild von der Welt im Hier und Jetzt zu machen, die es aus früheren Erfahrungen im Leben gesammelt hat. Stimmt Schablone der Erwartungshaltung mit der äußeren Realität überein, kennen Menschen sich aus. Der Verstand signalisiert, dass er die Erklärung für den gefühlten Zustand gefunden hat. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.

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Pubertät ist für Eltern anstrengend

Die Pubertät beginnt früher als viele denken, schon mit zehn Jahren flackert sie immer mal auf. Cornelia Karin Hendrich fügt hinzu: „Es folgen in den nächsten Jahren endlose Diskussionen über dieses und jenes, wütendes Ausrasten aus dem Nichts und ständige Kritik an den Eltern.“ Pubertät ist für Eltern anstrengend. Sie werden „from Hero to zero“, sagt der Diplompädagoge Matthias Jung. Typische sind für einen Teenager Stimmungsschwankungen. Scheinbar aus dem Nichts schreien sie die Eltern an und beleidigen sie. Und die Kinder wissen oft genau, welche Knöpfe sie drücken müssen, um zu verletzen. Aber es gibt Möglichkeiten, mit der Pubertät umzugehen, ohne das Kind am liebsten abgeben zu wollen. Der Diplompädagoge Matthias Jung hat mehrere Bücher zum Thema Pubertät geschrieben.

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Gaslighting kommt häufig vor

Eine besondere Form der Traumatisierung, die häufiger vorkommt, als man gemeinhin annehmen würde, ist das sogenannte „Gaslighting“. Damit sind gegenüber einer Person über längere Zeit ausgeübte krasse Einschüchterungen mit einem hohen Maß an verbaler, manchmal auch körperlicher Gewalt gemeint. Joachim Bauer erläutert: „Die Gewalt besteht darin, dass der betroffenen Person vom Täter ständig zurückgemeldet wird, ihre Wahrnehmungen seinen falsch. Dinge hätten sich anders zugetragen, als vom Opfer erinnert.“ Auch den auf den gegenwärtigen Moment bezogenen Wahrnehmungen des Opfers widerspricht der Täter systematisch. Derartige Erfahrungen seelischer Folter, die in Partnerschaften, aber auch am Arbeitsplatz vorkommen können, haben zur Folge, dass das Selbst einer Person seiner Rolle als Akteur beraubt wird. Dies führt zu einer massiven Verunsicherung und psychischen Lähmung. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.

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Priming ist eine Methode der Manipulation

Beim Priming werden Menschen wichtige Informationen in versteckter oder unterschwelliger Form vermittelt, um deren Verhalten zu beeinflussen. Als Vater des Primings gilt der Wissenschaftler John Bargh, dessen Buch „Vor dem Denken“ ein Klassiker ist. Thorsten Havener erklärt: „Bargh hat zum Beispiel nachgewiesen, dass Studienteilnehmer sich messbar langsamer bewegten, wenn sie zuvor mit Wörtern wie „alt“, „runzlig“ oder auch „Rente“ konfrontiert wurden. Offensichtlich lässt uns allein der Gedanke ans Altern langsamer werden.“ Durch Priming wurde gezeigt, dass die Beurteilung von Ereignissen und die Wahrnehmung von unbewusst wahrgenommenen vorangehenden Erfahrungen beeinflusst werden können. Priming kann Menschen über all ihre Sinne erreichen. Auch Alltagserfahrungen können Menschen ganz unwillkürlich primen und damit stark beeinflussen. Bargh hat sogar bewiesen, dass Erfahrungen Menschen noch lange nach dem jeweiligen Ereignis beeinflussen, wenn sie sie schon lange vergessen haben und sie sich in völlig anderen Situationen befinden. Thorsten Havener ist Deutschlands bekanntester Mentalist.

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Ein Mensch kann fast alles aushalten

Heinz-Peter Röhr rät: „Wenn ich nichts ändern kann, dann ist die einzig richtige Methode, mich mit Tatsachen abzufinden.“ Das ist mitunter schwer und erscheint eventuell unmöglich. Wer grübelt, steht fast immer vor dem Problem, dass er gerade in diesem Moment nichts ändern kann. Dies zu akzeptieren ist notwendigerweise der erste Schritt. Was man jetzt jedoch tun kann, ist, eine Entspannungstechnik anzuwenden. Auf diese Weise lenkt man die Gedanken auf einen anderen Gegenstand – beispielsweise auf einen Meditationsgegenstand. „Das halte ich nicht aus, das ertrage ich nicht!“, so die häufige Argumentation. Realistischer ist der Satz: „Ich halte alles aus, es sei denn, ich sterbe daran.“ Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.

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Zerrüttete Ehen wahren oft den Schein

In vielen zerrütteten Ehen wird lieber nach außen die „heile Welt“ suggeriert, obwohl das Paar nicht mehr glücklich miteinander ist. Andere Menschen leiden im Stillen, weil sie Angst haben, den Partner zu verlassen. Die Psychotherapeutin Franca Cerutti weiß, wie ein Paar sich respektvoll trennt – und ohne Rache verbunden bleiben kann. Die 46-jährige ist zudem selbst zum dritten Mal verheiratet. Der Gedanke an das „Ich will mich scheiden lassen-Gespräch“ sorgt bei vielen Menschen für schlaflose Nächte oder sogar lähmende Angst. Franca Cerutti erklärt: „Im Gegensatz zu kurzfristigen Partnerschaften ist es in einer Ehe mit einem einzigen Gespräch nicht getan.“ Franca Cerutti arbeitet in eigener Praxis am Niederrhein als Psychotherapeutin mit den Schwerpunkten Verhaltenstherapie und Coaching. Sie moderiert zwei Podcasts: „Split – Happens – Der Scheidungs-Guide“ und „Psychologie to go!“

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Die Mordlust besiegt die Vernunft

Judith Butler betont: „Sigmund Freud war ganz und gar nicht überzeugt, dass die Vernunft mörderische Wünsche im Zaum halten kann. Und er äußerte diese Bemerkung, als die Welt am Rand eines neuen Krieges stand.“ Es ist dabei deutlich, wie sich ein bestimmtes zirkuläres Denken zum Instrument der Aggression verwandelt, ganz gleich, ob man diese Aggression wünscht oder fürchtet. Angesichts der Realität destruktiver Triebe war ethische Strenge für Sigmund Freud unabdingbar. Zugleich fragt er sich, ob sie ausreicht. In „Das Unbehagen in der Kultur“ bemerkt Freud zum Über-Ich in seiner ethischen Strenge scherzhaft, dass es „sich nicht genug um die Tatsachen der seelischen Konstitution des Menschen“ kümmert und vielmehr annimmt, „dass dem Ich die unumschränkte Herrschaft über sein Es zusteht.“ Judith Butler ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik und kritische Theorie an der University of California, Berkeley.

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Die Sexualität ist heute Teil der Ökonomie

Wie kommt es, dass die sexuelle Herrschaft von Männern über Frauen trotz bescheidener, aber bedeutsamer Gleichheitsgewinne tief verwurzelt und weit verbreitet geblieben ist? Eva Illouz erklärt: „Die sexuelle Herrschaft manifestiert sich natürlich in Form von männlicher Gewalt. Sie zeigt sich aber auch in diffuseren, schwer fassbaren und vageren Prozessen der Abwertung von Frauen.“ Die Sexualität befördert heute wie am Fließband neue Konsumgepflogenheiten und technologische Praktiken. „Sexuelle Praktiken und Interaktionen sind Teil der Ökonomie geworden“, wie Adam Green zu Recht feststellt. Das sexuelle Objekt, von Sigmund Freud als ein Bündel unbewusster Triebe gefasst, verwandelte später diese Triebe in die Wahrheit der Begierden. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.

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