Leute mit Höhenangst gehen eben nicht auf Fernsehtürme, Leute mit Aufzugsangst fahren nicht mit dem Lift, Leute mit Platzangst gehen nicht über große Plätze. Die Angst im Kopf hat bei vielen Menschen mit den Jahren weiter zugenommen und sich oft auch auf andere Lebensbereiche übertragen. Manfred Lütz erklärt: „Die Methode, sich der Angst auslösenden Situation in sicherer Begleitung auszusetzen, rechnet mit der Eigenschaft der Psyche, sich irgendwann an alles zu gewöhnen.“ So nimmt der anfänglich angestiegene Angstpegel nach einigen Minuten ab und der Patient erlebt zum ersten Mal seit Langem diese völlig unvorstellbare Situation mehr oder weniger angstfrei. Auf solche Weise kann zum Beispiel die Höhenangst verschwinden – und so geht man auch viele andere Ängste an. Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut, Kabarettist und Theologe.
Psychoanalyse
Jeder sollte seine Bitterkeit begraben
Woher kommt die Bitterkeit? Vom Leiden und der verschwundenen Kindheit, sagen viele Menschen sogleich. Cynthia Fleury fügt hinzu: „Seit der Kindheit spielt sich etwas mit dem Bitteren und dem Realen ab, das unsere heile Welt sprengt.“ Man muss das Bittere begraben. Und darauf wächst etwas anderes. Kein Boden ist jemals für immer verflucht: eine bittere Fruchtbarkeit, die das künftige Verständnis begründet. Das Bittere begraben oder sich ihm stellen, diese Frage ist nicht wirklich wichtig. In der Klinik, mit den Patienten, tut Cynthia Fleury das eine und das andere, eines nach dem anderen, das eine trotz des anderen. Die Philosophin und Psychoanalytikerin Cynthia Fleury ist unter anderem Professorin für Geisteswissenschaften und Gesundheit am Conservatoire National des Arts et Métiers in Paris.
Freuds Texte gleichen heiligen Schriften
Die Psychoanalyse ähnelte in ihren Anfängen eher einer Ideologie oder den traditionellen Religionsgemeinschaften. Sigmund Freud verteilte Ringe an seine engsten und wichtigsten Jünger wie Bischofsringe. Er exkommunizierte seinen Meisterschüler C. G. Jung und seine Texte werden mitunter noch heute wie heilige Schriften verehrt. Manfred Lütz weiß: „Freud selbst wandte die Psychoanalyse nicht nur auf Patienten an, sondern machte daraus eine anregende Lehre über Gott und die Welt.“ All das führte und führt bei weniger erleuchteten Anhängern der Psychoanalyse nicht selten dazu, psychoanalytische Deutungen als Wahrheiten anzusehen. Doch das sind sie nicht. Obwohl Sigmund Freud selbst die Seelenvorgänge am liebsten neurologisch, also körperlich erklärt hätte, lieferte er in Wirklichkeit mehr oder weniger plausible Bildbeschreibungen, die in einem Gespräch mit Patienten unter bestimmten Voraussetzungen eine heilsame Wirkung entfalten können. Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut, Kabarettist und Theologe.
Die Psychoanalyse passt zum Kapitalismus
Die freudsche Psychoanalyse war für manche Vertreter der Kritischen Theorie, wenn auch nicht für Erich Fromm, die Theorie der menschlichen Psyche, die jenem Kapitalismus angemessen war, der sich im ausgehenden 19. und im 20. Jahrhundert entwickelte. Stuart Jeffries weiß: „Vor allem erklärten die Vertreter der Psychoanalyse das autonome Individuum zur Chimäre. Weder sind wir frei von unseren biologischen Trieben, noch können wir der Festlegung und Beherrschung durch die Gesellschaftsordnung entkommen.“ Theodor W. Adorno und Max Horkheimer schreiben: „Für den Menschen als Erwerbstätigen wird durch die Hierarchie der Verbände bis hinauf zur nationalen Verwaltung entschieden.“ In der Privatsphäre geschieht dies durch das Schema der Massenkultur, das noch die letzten inwendigen Regungen in Beschlag nimmt. Stuart Jeffries arbeitete zwanzig Jahre für den „Guardian“, die „Financial Times“ und „Psychologies“.
Der Antrieb aller Rachesucht ist der Triumph
Karen Horney (1885 – 1952), prominenteste Vertreterin der Neopsychoanalyse, schreibt: „Der Wunsch, sich angesichts des herausfordernden Triumphes zu rächen, mag letztlich der ausschlaggebende Faktor für jede Sucht nach Erfolg, Prestige und sexueller Eroberung sein. Das Verlangen nach Triumph ist ein grundlegender Antrieb aller Rachesucht. […] Macht zu haben, zu kränken, auszubeuten und zu enttäuschen bedeutet vor allem eines – Triumph. […] Dem Phantom des Triumphes süchtig hinterherzujagen, führt dazu, sich in einem Teufelskreis zu verstricken.“ Für Reinhard Haller ist dies wohl die beste Erklärung für die Entwicklung der Rachespirale. Erich Fromm spricht von „rachsüchtiger Destruktivität“, die er als spontane Reaktion auf intensive und ungerechtfertigte Leiden bezeichnet, die einer Person oder eng verbundenen Gruppe zugefügt wurde. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).
Es gibt über 500 Psychotherapie-Methoden
Was hilft? Die Auswahl ist groß. Über 500 Methoden stehen zur Verfügung. Muss man sie alle kennen? Muss man sie alle testen, um die zu finden, die angemessen sind? Manfred Lütz fügt hinzu: „Jemand hat behauptet, es gebe so viele Psychotherapiemethoden, wie es Psychotherapeuten gibt. Es bleibt also gar nichts anderes übrig, als Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.“ Manche Methoden waren früher wie Ersatzreligionen organisiert und profilierten sich durch stabile Feindbilder. Was die Vorteile und Nachteile einer Therapieform sind, das sieht man heutzutage nüchterner. Klar ist, dass seriöse Psychotherapie keine Wahrheitslehre ist wie eine Religion. Andererseits muss sie sich von schlichter Alltagskommunikation qualifiziert unterscheiden. Daher ist Therapieeffizienzforschung keine Zumutung. Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut, Kabarettist und Theologe.
Kinder brauchen die Liebe der Eltern
Bekanntermaßen sind es im Märchen immer die Stiefmütter, welche die Kinder ihres Gatten vernachlässigen – Aschenputtel – oder morden wollen – Schneewittchen. Peter Trawny weiß: „Psychologisch ist die Sache klar: Die Kinderlosigkeit ist das eigentliche Trauma. Der Geliebte hat das Kind mit einer anderen.“ Der Mann und die Stiefmutter, die Hänsel und Gretel in den Wald führen, sind ein Beweis, dass die Liebe der Eltern zu ihren Kindern ein mitunter dünnes Eis sein kann. In dem Märchen liefert Armut einen nicht ganz unverständlichen Grund, das Geschwisterpaar aussetzen zu wollen. Doch auch ohne Notlage gibt es genügend Anzeichen, dass an die Stelle der Liebe bei Eltern Hass und Gewalt treten können. Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.
Rache bringt einen Überlebensvorteil
Evolutionsbiologisch betrachtet, bringt Rache einen Überlebensvorteil. Denn als rachsüchtig bekannte Individuen oder Gruppen werden viel weniger attackiert als solche, die sich alles gefallen lassen und von denen man keine Vergeltung erwartet. Reinhard Haller ergänzt: „Eine Grundüberlegung der Wissenschaft von der Entstehung des Lebens und der Entwicklung der Arten sagt ferner, dass menschliche und auch tierische Gemeinschaften nur funktionieren können, wenn die Mitglieder gut kooperieren und sich an basale soziale Regeln halten.“ Um dies zu gewährleisten, bestraft man Individuen oder Untergruppen bei antisozialen Verhaltensweisen. Das Bedürfnis, abweichendes und schädliches Verhalten zu sanktionieren, entsteht in der menschlichen Entwicklung schon früh und ist auch im Tierreich zu beobachten. Die tiefe Verankerung von Rachebedürfnissen begründen Evolutionsbiologen mit der menschheitsgeschichtlich kurzen Spanne, in der rechtsstaatliche Institutionen diese Aufgabe gleichsam übernommen haben. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.
Die Gesellschaft will das Selbst bescheiden
Die Triebe streben nach Freisetzung, und die Gesellschaft musste, um überleben zu können, diese Freisetzung beschneiden. Erich Fromm hegte bereits in den 1930er Jahren Bedenken gegen diese Lehre von Sigmund Freud. Seine Idee eines sozialen Charakters umfasste auch externe Strukturen, die das innere Selbst prägen. Stuart Jeffries stellt fest: „Für Adorno und Horkheimer, und später auch für Marcuse, war diese Revision von Freuds Auffassung allerdings sozial konservativ.“ Erich Fromm stufte den Stellenwert herab, den Sigmund Freud den frühkindlichen sexuellen Erfahrungen und dem Unbewussten zugeschrieben hatte, und Marcuse warf ihm vor, an einer „idealistischen Moral“ festzuhalten. Er merkte an, Erich Fromms Aufruf zu Produktivität, Liebe und Gesundheit evoziere eben genau Möglichkeit, die Sigmund Freud ausgeschlossen hatte: dass es nämlich eine Harmonie zwischen dem Selbst und der Gesellschaft geben könne. Stuart Jeffries arbeitete zwanzig Jahre für den „Guardian“, die „Financial Times“ und „Psychologies“.
Erotische Liebe entfaltet eine extreme Lust
Auffällig an Sigmund Freuds Psychoanalyse ist für Peter Trawny ein offenbar fehlendes Verständnis der Liebe diesseits oder jenseits des Eros als „Triebbefriedigung“. Gibt es eine Psychoanalyse der Liebe, die sich nicht in genitaler Sexualität verdichtet? Anders gesagt: Sigmund Freuds Kulturtheorie wirft die Frage auf, ob und inwiefern es sinnvoll ist, Liebe von genitaler Sexualität zu unterscheiden. Denn dass etwas wie Liebe von Sexualität unterschieden werden kann, mag möglich sein. Doch müsste sie dann auf die Sexualität zurückgeführt werden, als eine ihrer Sublimierungen? Sigmund Freud kommt im „Unbehagen in der Kultur“ auch auf die Nächstenliebe zu sprechen. Sie wird ausdrücklich zurückgewiesen: „Wenn ich einen anderen liebe, muss er es auf irgendeine Art verdienen.“ Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.