Reinhard Haller weiß: „Demütigungen gehörten über Jahrhunderte zu den Kernmethoden der Erziehung, teilweise sind sie das heute noch.“ Bewusste Bloßstellungen, Beschämungen und Erniedrigungen wurden instrumentalisiert, um „den Willen des Kindes zu brechen“. Die in der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs und staatlichen Institutionen verfassten Protokolle belegen, mit welcher Menschenverachtung und mit welch hohem Maß an Sadismus die Demütigungen systematisch angewendet wurden. Demütigungen lösen psychische Störungen aus, induzieren kriminelle Karrieren und können die Betroffenen aus geordneten Bahnen hinausdrängen. In Japan, wo die Erziehung stark auf die Aufrechterhaltung der Ehre ausgerichtet ist, ergeben sich Demütigungen der Kinder durch narzisstische Wutanfälle der Erzieher. Deshalb so folgert die Psychoanalytikerin Ruth Benedict, dürfe man sich nicht wundern, dass in Japan Leute manchmal in höchst aggressiven Handlungen explodieren. Reinhard Haller ist Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik mit dem Schwerpunkt Abhängigkeitserkrankungen.
Demütigung
Demütigungen sind die Wurzel von Gewalt
Demütigungen spielen sich im mikro-, meso- und makrosozialen Kontext, also auf allen Ebenen des menschlichen Zusammenlebens, ab. Reinhard Haller weiß: „Im individuellen Bereich haben sie die Wirkung von schweren Traumen, die jedoch viel schmerzlicher erlebt werden als Naturkatastrophen und sonstige Unglücksfälle.“ Sie sind zu den sogenannten „man made disasters“ zu zählen. Also zu den von Menschen herbeigeführten Übeln, die von den Opfern nur schwer zu verkraften sind. Demütigungen sind für die Betroffenen komprimierte Kränkungen mit enorm destruktivem Potenzial und langer zeitlicher Wirkung. Wenn es in Partnerschaften und familiären Verbänden zu Demütigungen kommt, bedeutet dies jedenfalls eine schwere Krise, wenn nicht das Ende von Beziehungen. Für den amerikanischen Psychiater James Gilligan sind Demütigungen eine wesentliche Wurzel von Gewalt in Partnerschaft und Familienleben. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.
Die Demütigung ist die bösartigste Kränkung
Die Demütigung ist die tiefste, bösartigste und folgenschwerste Form der Kränkung. Sie ist Entwertung, Verletzung, Beschämung und Diffamierung in einem. Reinhard Haller fügt hinzu: „Sie ruft Gefühle der Scham und Hilflosigkeit, der ohnmächtigen Wut und Verzweiflung, ja der totalen Erniedrigung hervor.“ Im Gegensatz zum sonstigen Kränken, welches dem Kränkenden unbeabsichtigt passieren kann, ist sie Ausdruck einer gezielten Aggression, einer bewussten Bloßstellung, einer geplanten Entwürdigung anderer. Dahinter steckt immer eine böse Absicht, nicht nur eine Nachlässigkeit oder Unbedachtheit. Demütigungen sind offen und auf die äußere Person gerichtet, Kränkungen sind versteckter und entwickeln sich eher nach innen. Demütigungen haben aggressiv-sadistischen Charakter, Kränkungen sind subtiler und verhaltener. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.
Kränkungen können sogar Kriege auslösen
Bei manchen Kriegen bleiben die Ursachen ein Rätsel. Die sonst üblichen Gründe wie Herrschaftsinteressen, Territorialansprüche, ethnisch-kulturelle Heterogenität, soziale Ungerechtigkeiten oder Machtkonkurrenz liefern keine stimmige Erklärung. Reinhard Haller weiß: „in vielen Fällen wird man bei Demütigungen und Kränkungen fündig, die vielleicht nicht das ganze Drama verursacht, aber zumindest ausgelöst und den letzten Ausschlag gegeben haben.“ Das Beispiel schlechthin findet man in der griechischen Mythologie, im Trojanischen Krieg, den Homer in seiner „Illias“ schildert. Dessen mythologische Wurzeln sind Kränkungen und sich nach dem Schneeballprinzip ausbreitende Kränkungsreaktionen. Am Anfang steht die Gekränktheit der Göttin der Zwietracht Eris. Diese war als Einzige von den Olympiern nicht zur Hochzeit des Helden Peleus mit der Göttin Thetis eingeladen worden. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.