Viele Menschen verdrängen gerne Krisen

Seit jeher ist die Menschheit überzeugt, dass alles immer schlimmer wird. Jakob Hein ergänzt: „Und auch jetzt gerade erscheint es uns so schlimm und ausweglos wie nie zuvor. Die Krisen schieben sich förmlich übereinander, bedingen und verstärken einander. Wenn wir eine von ihnen gerade nicht beobachten, scheint sie sich in diesem Schatten heimlich zu verstärken.“ Deshalb wollen viele Deutsche überhaupt keine Nachrichten mehr sehen oder hören. Mit Krisen, die zwar real existieren, mit denen aber die betroffenen Menschen keinen anderen Umgang finden als den hilflosen Versuch, sie zu verdrängen, kenne psychotherapeutisch arbeitende Menschen sich aus. Sie wissen nicht mehr als andere von Waffen, Viren oder dem Klimawandel, aber sie kennen Menschen in Krisensituationen. Jakob Hein ist Psychiater für Kinder und Erwachsene und Schriftsteller. Seit 2011 führt er seine eigene Praxis.

Es gibt kein Geheimwissen über die Lösung von Problemen

Denn im Gegensatz zu bestimmten Klischees werden Psychiater wie Jakob Hein in aller Regel von Leuten aufgesucht, die veritable Probleme haben. Und praktisch niemals ist es nur ein einziges Problem. Wenn die Dinge hübsch nacheinander aus dem Ruder laufen würden, dann wäre das nicht gut, aber handhabbar. Doch leider läuft es so oft nicht. Ein einziges Problem kann praktisch jeder lösen. Aber es gilt Murphys Gesetz: „Alles, was schiefgehen kann, geht schief“, und die erste logische Schlussfolgerung daraus lautet: „Alles geht auf einmal schief.“

Jakob Hein gibt zu: „Leider haben wir Psychotherapeuten und Psychiaterinnen kein Geheimwissen über die Lösung von Problemen.“ Nicht einmal die psychopharmakologischen Medikamente können Wunder vollbringen. Aber sie spielen oft eine wichtige Rolle in der Linderung der schlimmsten Symptome und helfen den Patienten, sich überhaupt dem psychotherapeutischen Prozess stellen zu können. Psychotherapie ist individuelle Arbeit, die nicht immer leicht ist für den Therapeuten, aber für die Patienten ist sie sehr schwer.

Die Psychotherapie analysiert die Vergangenheit

Alles, was in der Psychotherapie geschieht, unterliegt der Schweigepflicht. Dennoch ist nichts von dem was Psychiater wie Jakob Hein tun, geheim: „Wir können nur die Vergangenheit analysieren, denn allein sie steht uns zur Verfügung. Wir tun dies aber, um die Zukunft besser gestalten zu können, so ungewiss sie ist. Denn wir wollen nicht de Lebensgeschichte der Patienten als eine endlose Abfolge von tragischen Fehlentscheidungen nachzeichnen, die in logischer Konsequenz zur jetzigen Krise geführt hat, wir wollen gemeinsam schauen, was die Patienten ändern können. Wir erheben eine Anamnese, keine Katastrophe.

Dazu suchen Jakob Hein und Kollegen Muster von Fehlentscheidungen, systematische Probleme, Dinge, die immer wieder zu Krisensituationen geführt haben, und diskutieren Möglichkeiten, an welcher Stelle er oder sie sich vielleicht anders entscheiden hätten können. Das müssen nicht immer Entscheidungen sein, die besser anders getroffen worden wären. Manchmal war es auch die für einen Patienten richtige Entscheidung, die nur von anderen Personen als falsch bewertet wurde. Quelle: „Finde die Lücke“ von Jakob Hein in chrismon Nr.11/2022

Von Hans Klumbies

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